Mögliches Opt-Out wird kritisch gesehen
„Grundsätzlich begrüße ich die Einigung auf eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden“, sagt Dennis Wittkamp, Fachkoordinator Schaden- und Unfallversicherung bei der Kölner Rating-Agentur Assekurata. Besonders wichtig sei, dass auch bestehende Verträge einbezogen werden, um eine hohe Versicherungsdichte zu erreichen. Damit würden sich die Folgen des Klimawandels auf viele Schultern, was die Prämienentwicklung dämpfen kann. Ein mögliches Opt-Out sieht Wittkamp hingegen kritisch. „Da es gerade Versicherte mit hohem Risiko zur Abwahl verleiten könnte – in der Hoffnung auf staatliche Hilfe im Schadenfall.“
Herausfordernd bleibt laut Wittkamp zudem die Frage, wie Versicherer dauerhaft bezahlbare und risikogerechte Prämien anbieten können. „Eine Pflicht zur Versicherung eines jeden Gebäudes könnte die Branche überfordern. Hohe Selbstbehalte wären zwar eine Entlastung, widersprechen aber dem Ziel, Eigentümer vor finanzieller Überforderung zu schützen. Staatliche Rückversicherungslösungen – etwa nach französischem Vorbild – könnten hier eine sinnvolle Ergänzung sein, ebenso ein solidarisch finanzierter Beitragszuschlag für alle“, so Wittkamp.
Erfreulich sei zudem, dass die Politik endlich notwendige Anpassungen im Baurecht aufgreifen will, etwa Baustopps in Überschwemmungsgebieten. „Weitere Maßnahmen aus dem GDV-Leitfaden „Build Back Better“ – wie wasserresistente Baustoffe oder Rückstauklappen – sollten folgen. Ob und wie eine staatliche Vorgabe für den Versicherungsschutz ausgestaltet wird, bleibt abzuwarten. Klar ist: Kommt sie, wird das auch Auswirkungen auf die Produktbewertungen haben“, zeigt sich der Assekurata-Mann überzeugt.
Versicherungspflicht hat Folgen für Ratings
Wie die aussehen könnten, skizziert Thorsten Saal, Bereichsleiter Mathematik und Rating beim Analysehaus Morgen & Morgen: „So könnte etwa die Vergleichbarkeit von Tarifen deutlich steigen, ofern der Elementarschutz durch gesetzliche Vorgaben vereinheitlicht würde – denn Basisdeckungen wären in diesem Fall ähnlich ausgestaltet.

Gleichzeitig bliebe trotz einer Standardisierung genügend Raum für Differenzierung: Leistungen im Detail, Selbstbehalte, Services bei der Schadenregulierung, Präventionsanreize und Zusatzbausteine könnten weiterhin variieren und müssten nach wie vor differenziert analysiert werden“, erklärt Saal weiter.
Wie sich die Bewertungslogik verändert
Dass die Produktlandschaft durch ein Obligatorium verarmt, erwartet der Experte hingegen nicht. „Vielmehr wäre zu erwarten, dass sich der Fokus künftig stärker auf qualitative Unterschiede und eine konsequente Kundenorientierung richtet. Insgesamt könnte eine Pflichtversicherung durchaus dazu führen, dass sich die Bewertungslogik in einzelnen Punkten verändert – etwa durch neue Gewichtungen von Leistungskriterien. Der grundlegende Bedarf an unabhängiger Analyse und fundierter Vergleichbarkeit aber würde in einem solchen Szenario eher steigen als sinken, denn wo die Pflicht zur Standardisierung führt, wächst zugleich das Bedürfnis nach Transparenz im Wettbewerb“, erwartet der Morgen & Morgen Mann.
Über ihre Hausrat- und Wohngebäudeprodukte reden die Unternehmen gerne, doch wenn es um die Schaden-Kosten-Quote in der Hausrat- und Wohngebäudeversicherung geht, werden viele Versicherer schmallippiger, Zahlen werden kaum noch genannt. Insbesondere die Wohngebäudesparte ist ergebnisseitig nach wie vor unter Druck, vor allem durch die hohe Inflation in Verbindung mit stark ansteigenden Handwerker- und Materialkosten, Rückversicherungskosten sowie den zunehmenden Unwetterereignissen und Leitungswasserschäden.

„Selbst die zum Teil deutlichen Beitragsanpassungen im Markt haben nicht flächendeckend zu ausgeglichenen oder gar positiven Ergebnissen geführt. Das gilt für den privaten Einzelvertrag und auch verstärkt für das gewerbliche Hausverwaltergeschäft, also Real Estate. Die zunehmenden Kostensteigerungen hinterlassen ebenfalls ihre Spuren im Hausratbestand“, sagt Neuhalfen. Die zentrale Herausforderung bestehe in der Herstellung eines gesunden Gleichgewichts zwischen steigenden Schadenkosten sowie den aktuell teilweise zu niedrigen Marktpreisen. „Ohne auskömmliche Ergebnisse wird sich das Angebot schnell verknappen; im Wohngebäudesegment – insbesondere im Bereich Real Estate – ist dies für die Vermittler und Kunden bereits spürbar“, sagt Neuhalfen.
Die Situation ist regelrecht toxisch
Nach Aussage des Domcura Vorstandsvorsitzenden Uwe Schumacher ist die Lage in der Sparte aktuell sehr dramatisch. Die Combined Ratio liegt bei vielen Anbietern deutlich über 100 Prozent. „Das variiert natürlich je nach Unternehmen, aber Werte von 110, 112 oder sogar 115 Prozent sind keine Seltenheit.“ Schumacher bezeichnet die Situation als regelrecht toxisch. Und prophezeit, dass die durchschnittlichen Prämien für einen Wohngebäudeversicherung hierzulande von derzeit 650 Euro auf rund 1.000 Euro steigen werden. Laut Morgen & Morgen-Ratingexperte Saal stieg der Anpassungsfaktor in der Wohngebäudeversicherung, der Basis für die Prämienberechnung ist, 2023 um 14,7 Prozent, 2024 um 7,5 Prozent und 2025 um 2,5 Prozent. „Damit liegt er unter dem langjährigen Durchschnitt von 4,3 Prozent“, ergänzt Wittkamp. Die Kosten steigen also weiter, wenn auch mit deutlich abgeschwächter Dynamik.
Auch in Hausratversicherung gab und gibt es einen Anpassungsdruck, wenn auch moderater. Nach Aussage des Assekurata-Experten stiegen die Prämieneinnahmen im Markt 2024 um gut vier Prozent, ein ähnlicher Anstieg wird auch 2025 erwartet. „In der Hausrat-Versicherung gab es bei einigen Versicherern Beitragsanpassungen, die einhergingen mit Leistungserweiterungen, zum Beispiel bei den folgenden Punkten: Vermögensschäden durch Online-Banking-Betrug, die Mitversicherung von Balkonkraftwerken und von E-Ladestationen auf dem Grundstück, die Erstattung von Mehrkosten für energetische Modernisierung von Haushaltsgeräten, Gebäudebeschädigungen nach Fehlalarmen von Rauch- oder Gasmeldern“, ergänzt Morgen & Morgen-Mann Saal. Damit trügen die Versicherer den veränderten Bedürfnissen der Kunden Rechnung.
Allrisk-Bausteine gefragt
In beiden Sparten sei zudem zu beobachten, dass sich viele Kundinnen und Kunden eine Erweiterung ihres Versicherungsschutzes um den sogenannten „Allrisk“-Baustein wünschten, also eine Allgefahrendeckung, die auch solche Gefahren einschließt, die nicht im Bedingungswerk genannt sind, erklärt MLP-Mann Schwarz. „Zum anderen wird vermehrt der Risikobaustein „Starkregen und Teilüberschwemmung des Grundstücks“ eingeschlossen – denn: Ohne Starkregen-Option leistet die Versicherung nicht, wenn Oberflächenwasser durch Gebäudeteile eindringt und Schäden verursacht, es gleichzeitig jedoch zu keiner großflächigen Überschwemmung und keinem breiten Naturereignis kommt“, sagt Schwarz.
Die größte Herausforderung für Beraterinnen und Berater in der Beratung und dem Verkauf bei Hausrat- und Wohngebäudeversicherungen sei es, die deutlichen konditionellen und konzeptionellen Unterschiede der Versicherungslösungen zu kennen und entsprechend zu berücksichtigen. „Die Vielzahl der verfügbaren Konzepte und Bausteine ermöglicht maximale Flexibilität für Kundinnen und Kunden – erhöht aber auch die Komplexität. Daher ist die Transparenz der einzelnen Versicherungslösungen besonders wichtig“, so Schwarz.