Embedded Insurance und die veränderten Kundenbedürfnisse

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Hanna Bachmann, Co-Gründerin und CRO von Hepster

Der Vertrieb von Versicherungen durch Dritte ist keine neue Entwicklung. Was jedoch den Embedded Insurance-Ansatz von seinen Vorgängern unterscheidet und so erfolgreich macht, ist die systematische Herangehensweise und die konsequente Nutzung digitaler Tools. Von Hanna Bachmann

Ob Smartphone, E-Bike, Tablet oder Sportgerät – immer mehr Produkte werden online eingekauft. Doch dabei allein bleibt es oft nicht. Die mitunter kostspieligen und zerbrechlichen Güter – ein Handydisplay kann schnell einige hundert Euro kosten – lassen sich zunehmend direkt mit der dazu passenden Versicherung erwerben. Von Reiserücktritts- oder Auslandskrankenversicherungen, die mit einem Flug oder einer Reise erstanden werden können, kennen wir dieses Muster schon lange.

Es hat sich nun flächendeckend auch auf andere Produkte und Dienstleistungen ausgeweitet. Wie stark sich das Kundenverhalten hierzu gewandelt hat, dies wollte Hepster mittels einer großangelegten Umfrage genauer wissen. Wie also haben sich „Zusatzversicherungen“ / „Embedded Insurance“, deren Akzeptanz und Relevanz in den vergangenen Jahren entwickelt? Für welche Produkte werden sie am ehesten in Betracht gezogen? Wo liegen Bedarf und Wünsche der Endkunden – und wo ist noch Luft nach oben?

Was ist Embedded Insurance?

Bevor wir aber tiefer in das Thema eintauchen, lassen möchte ich kurz den Begriff Embedded Insurance definieren. Unter Embedded Insurance versteht man Versicherungspolicen, die nahtlos in die Customer Journey eines Unternehmens eingebettet sind und so das jeweilige Service- und Produktangebot erweitern. Versicherungen werden so nicht mehr als separate Produkte betrachtet, sondern sind fester Bestandteil anderer Dienstleistungen oder eines Produktkaufs. Den Vertrieb und Kundenkontakt übernehmen in der Regel der Verkäufer. Der Versicherer tritt je nach Lösung oft nur als Risikoträger oder im Schadenfall in Erscheinung.

Die Evolution des Versicherungsvertriebs

Der Vertrieb von Versicherungen durch Dritte und Versicherungsfremde ist keine neue Entwicklung. Schon seit Langem arbeiten Versicherungsunternehmen mit Maklern, Banken und anderen Partnern zusammen, um ihre Produkte zu vertreiben. Was jedoch den Embedded Insurance-Ansatz von seinen Vorgängern unterscheidet und ihn erfolgreicher macht, ist die systematische Herangehensweise, der flächendeckende Charakter, vor allem aber die konsequente Nutzung digitaler Tools und inzwischen mitunter sogar Künstlicher Intelligenz.

All diese Faktoren haben Zusatzversicherungen zu einer eigenständigen Industrie entwickelt, da Versicherungen passgenauer, einfacher und für jeden zugänglich sind. Schließlich können durch moderne Technologien Versicherungen direkt in die Prozesse eines Unternehmens eingebunden werden.

Und damit meine ich nicht nur den Verkauf, sondern alle damit verbundenen Abläufe: Bestellung, Zahlung und Bereitstellung aller relevanten Dokumente in Echtzeit, auch die Schadenregulierung und der Kundensupport – alles digital. Eine integrierte Versicherung erhöht damit den Kundenkomfort gewaltig und bietet Mehrwert. Sie verbessert so das gesamte Kundenerlebnis. Darüber hinaus ermöglichen eingebettete Versicherungen den dabei involvierten Unternehmen, neue Geschäftsfelder zu erschließen.

Zusatzversicherungen – was sagen die Verbraucher?

Angesichts der Vorteile ist es kein Wunder, dass sich immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher für Zusatzversicherungen erwärmen: Zwei Drittel der knapp 1.800 Teilnehmer:innen gaben in unserer Umfrage an, dass ihr Bedarf an Embedded Insurance in den letzten zwei Jahren gestiegen ist, 27 Prozent sogar „stark“ und zehn Prozent „sehr stark“.

53 Prozent der Umfrageteilnehmer:innen haben bereits Zusatzversicherungen abgeschlossen.
Spitzenreiter sind dabei Smartphones/ Handys: Hierfür hat jeder Fünfte direkt mit dem Kauf eine Versicherung erworben. Laptop oder Notebook folgen auf Platz 2. Hierfür haben sich 15 Prozent entschieden. Ab einem Kaufpreis von 500 Euro ist mehr als der Hälfte der Teilnehmer:innen, nämlich knapp 55 Prozent, eine Versicherung wichtig. Weitere 41 Prozent ziehen dies ab 1.000 Euro in Betracht. Ab einem Kaufpreis von 1.000 Euro – also für ein Top-Smartphone – ist also für nahezu jeden eine Versicherung relevant. Ein enormes Potenzial.

Ein Wachstumsmarkt

Das Erstarken von Embedded Insurance ist eng mit den sich verändernden Kundenbedürfnissen verbunden. Kunden von heute erwarten digitale Erlebnisse und Produkte, die ihren individuellen Bedürfnissen entsprechen. Der Embedded Insurance-Ansatz ermöglicht es, dass Kunden kaum noch aktiv über Versicherungen nachdenken müssen. Oft setzten sie beim Kauf einfach nur ein weiteres Häkchen.

Der Markt integrierter Versicherung soll im Zeitraum 2022 bis 2029 jährlich um gut 19 Prozent wachsen. Die Einnahmen aus eingebetteten Versicherungen in der Region werden damit von 10,78 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 auf 28,53 Milliarden US-Dollar im Jahr 2029 steigen. Dies prognostiziert die Studie „Europe Embedded Insurance Business and Investment Opportunities“. Vor allem das Vereinigte Königreich, Deutschland und Frankreich tragen zu diesem Aufschwung bei. Auch andere Studien bezeichnen Embedded Insurance als den Vertriebsweg der Zukunft. Analysten schätzen, dass Embedded Insurance bis 2032 einen globalen Marktanteil von 15 bis 27 Prozent erreichen wird.
Erfolgsfaktoren

Traditionellen Versicherungsanbieter haben diesen bisher Trend weitestgehend verschlafen und ihn Insurtechs überlassen. Diese wiederum haben bei Embedded Insurance einen Vorsprung und eine Kompetenz aufgebaut, die ihnen nicht mehr so leicht zu nehmen ist. Was also sind die Erfolgsfaktoren:

  1. Die enge Zusammenarbeit mit den Marken und Anbietern hinter den zu versichernden Produkten und Dienstleistungen ist entscheidend. Sie besitzen schließlich den Point-of-Sale und bieten die Versicherung im Zusammenhang mit dem Kauf an.
  2. Die eigenen Systeme müssen skalierbar und modular sein, um die komplexe Customer Journey effektiv zu unterstützen – eine der klassischen Eigenschaften eines Startups/ Fintechs.
  3. Die Versicherungsproduktlandschaft muss ebenfalls skalierbar und modular aufgebaut sein, um individualisierte Policen effizient anzubieten.
  4. Die sichere und nahtlose Datenübertragung zwischen Kunden, Plattformen und Systemen ist unerlässlich

Ganz neue Geschäftsfelder

Während Embedded Insurance bereits in den vielen erwähnten Branchen immer erfolgreicher eingesetzt wird, bieten neue Geschäftssegmente wie Circular Economy und New Mobility weitere inspirierende Einfallstore. Im Bereich New Mobility können Versicherungen nahtlos in Buchungsprozesse von Fahrrädern, E-Bikes, Lastenrädern und E-Scootern integriert werden. In der Circular Economy können Kunden Produkte wie Elektronikgeräte, Handys, Laptops, Kameras und Luxusartikel mieten und nach Bedarf austauschen. Embedded Insurance ermöglicht eine temporäre Absicherung, die sich an die Nutzungsanforderungen anpasst.

Allerdings ist das letzte Beispiel aktuell noch theoretischer Natur, da nur eine Minderheit der Verbraucher:innen tatsächlich Elektronik mietet. Jedoch treiben Unternehmen wie Grover, welche Elektronik zum Mieten anbieten, diese Entwicklung voran. Auch in der Schweiz findet das Konzept Anklang: Erst jüngst ist in der Schweiz das Startup Yuno auf den Markt gegangen, der erste Mietanbieter für Unterhaltungselektronik dortzulande – und zwar als Abo-Modell und mit dem mächtigen Einzelhändler Migros als Kapitalgeber.

Zusatzversicherungen – fester Bestandteil des Kundenerlebnisses

Bereits heute haben Embedded Insurance die Versicherungsbranche grundlegend verändert. Integrierte Versicherungen erleben einen Siegeszug: Die Verbaucher fragen sie zunehmend nach, ja sie achten oft aktiv auf entsprechende Angebote. Ein Beleg dafür, wie sich das Offerieren von Zusatzversicherungen für die Anbieter von Produkten und Dienstleistungen lohnt. Inzwischen haben sie sich so zum festen Bestandteil des Kundenerlebnisses entwickelt, den die meisten Konsumenten beim Webauftritt oder am Point of Sale erwarten. Die Wachstumschancen sind enorm, und in den Geschäftsbereichen wie Circular Economy und New Mobility sogar noch unterentwickelt.

Autorin Hanna Bachmann, Co-Gründerin und CRO von Hepster

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