Erdgaspreise fallen – warum Europas Versorgung robuster ist als die Debatte vermuten lässt

Foto: Smarterpix/Maksym Yemelyanov
Erdgas: Was gibt es Neues in Sachen Preisentwicklung und Verfügbarkeit?

Ein wetterbedingter Preisschub beim Erdgas ist so schnell verpufft, wie er entstanden ist. Während Europa über strategische Speicher diskutiert, zeigt der Markt eine andere Realität. Flexible Lieferketten und Seetransporte erhöhen die Versorgungssicherheit stärker als politische Vorsorgepläne.

Ein Abverkauf bei Erdgas beendete in den letzten Tagen jäh den durch das Winterwetter verursachten Preisanstieg. Europa debattiert über strategische Speicher, übersieht dabei aber vielleicht, dass die zunehmende Abhängigkeit von Seetransporten die Widerstandsfähigkeit eher erhöht als verringert, analysiert Norbert Rücker, Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär:

Die Rohstoffmärkte boten in den letzten Tagen viel Spannung. Edelmetalle und Öl beanspruchten die meiste Aufmerksamkeit für sich, doch die Kehrtwende der Erdgaspreise war ein ganz eigenes Spektakel. Der wetterbedingte Preisanstieg erwies sich wie erwartet als kurzfristig. In Nordamerika litt die Infrastruktur weniger stark als während früherer Kälteperioden. Die Erdgasproduktion, die Pipeline-Flüsse und die Exporte normalisierten sich innerhalb weniger Tage. Nach Lehren aus dem Jahr 2021 dürfte die Infrastruktur heute wetterfester sein. 

Da die US-Preise wieder bei rund 3,30 Dollar liegen, ändern wir unsere Einschätzung von „vorsichtig” auf „neutral”. Auch wenn viel über Rechenzentren, steigenden Strombedarf und Erdgasverbrauch gesprochen wird, deuten die hohen Lagerbestände auf einen ausgeglichenen Markt hin. Der Inflationsdruck scheint von anderer Stelle zu kommen: Das Wachstum der Begleitgas-Förderung, also der Gasgewinnung als Nebenprodukt von Ölbohrungen, schwächt sich ab, und der Markt verlagert sich auf die kostspieligere Schiefergasförderung. 


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In Europa dürften die Preise unterdessen weiter sinken. In Asien bleibt die Nachfrage nach Erdgasimporten aus Übersee angesichts des Booms sauberer Energien und der Wiederbelebung der Kernenergie weiterhin schwach. Es gibt vereinzelte Hinweise darauf, dass Schiffe ihre Ladungen von Asien nach Europa transportieren, was nichts mit dem Preisanstieg der letzten Wochen zu tun hat. Europa scheint über die Notwendigkeit strategischer Erdgasspeicher zu diskutieren und dabei die Abhängigkeit von Importen aus Übersee im Blick zu haben. Doch Politik sucht gerne nach Lösungen, wo es gar keine Probleme gibt. Der Löwenanteil der Erdgasnachfrage stammt nach wie vor aus dem Heizungsbereich, wo die Beschaffung Monate vor der Heizperiode vertraglich abgeschlossen wird. Das Gleiche dürfte für den industriellen Verbrauch gelten. Dies begrenzt die Versorgungsrisiken erheblich. 

Noch wichtiger ist, dass die Versorgung mit Seetransporten von Erdgas sehr flexibel und widerstandsfähig ist, wie die letzten Wochen erneut gezeigt haben. Natürlich muss der Preis stimmen, um Importe attraktiv zu machen. Es gibt viele Verkäufer von Seetransporten, die miteinander konkurrieren, während es am anderen Ende einer Pipeline in der Regel nur einen Verkäufer gibt. Die Umstellung auf Importe aus Übersee macht Europa weniger anfällig und widerstandsfähiger. 

Aber: Ist Europa dem Risiko ausgesetzt, dass eine unberechenbare Trump-Regierung beschließt, die Exporte nach Europa zu begrenzen? – Nein. Die Folge einer solchen Maßnahme wären längere Transportwege, US-Fracht nach Asien und Fracht aus dem Nahen Osten nach Europa, aber kein Versorgungsausfall. Diese längeren Transportwege würden die Logistikkosten erhöhen, die sowohl von Verkäufern als auch von Käufern getragen werden. In der heutigen, geopolitisch etwas verunsicherten Zeit scheinen jedoch kostspielige und ineffektive Vorsichtsmaßnahmen allzu oft Vorrang zu haben, wobei die Aufräumarbeiten den nachfolgenden Regierungen aufgebürdet werden. 

Das Gesamtbild bleibt unverändert. Die Flüssiggaswelle gewinnt weiter an Stärke, was überall außer in Nordamerika Druck ausüben dürfte. Die Risiken durch das Winterwetter bleiben bestehen, aber die Heizperiode auf der nördlichen Erdhalbkugel geht bald zu Ende.

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