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ESG-Investments zwischen Regulierung und Rendite

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Foto: Panthermedia
ESG-Fonds: Mit neuer Regulatorik zurück in die Erfolgsspur?

Nach einer Phase der Ernüchterung und teils deutlicher Mittelabflüsse zeigten ESG-Fonds zuletzt ein gemischtes Bild. Der frühere Hype ist zwar abgeklungen, getragen von strengeren regulatorischen Vorgaben etablieren sich nachhaltige Fonds aber zunehmend als differenziertes Marktsegment.

Die drei Buchstaben ESG stehen in den vergangenen Jahren gleichermaßen für Inspiration, Unsicherheiten und kritische Debatten. Das Akronym entstand vor rund zwei Jahrzehnten im Rahmen einer UN-Initiative, die nachhaltige Finanzpraktiken weltweit fördern sollte. In den letzten Jahren gewann ESG insbesondere vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Bewegungen wie der Klimadebatte, #MeToo oder der Diskussionen um Diskriminierung stark an Bedeutung und wurde zum zentralen Bezugspunkt für Investoren, Unternehmen und politische Entscheidungsträger, die ökologische, soziale und Governance-Aspekte stärker in ihre Entscheidungen einbeziehen wollen.

Mit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump im Januar 2025 verlor das Thema Nachhaltigkeit spürbar an politischem und wirtschaftlichem Rückenwind. Diese Entwicklung griff auch auf Europa über: Zahlen der Ratingagentur Morningstar zufolge gerieten nachhaltige Fonds im Frühjahr unter Druck: Produkte nach Artikel 8 der EU-Offenlegungsverordnung, die ökologische oder soziale Merkmale berücksichtigen, verzeichneten eine Schwächephase, während Artikel-9-Fonds, die explizit ein nachhaltiges Investitionsziel verfolgen, sogar Nettoabflüsse hinnehmen mussten.

Artikel 8 im Aufwind, Artikel 9 unter Druck

Im weiteren Jahresverlauf zeigte sich eine zunehmende Differenzierung. Während Artikel-9-Produkte ihren Negativtrend fortsetzten und im dritten Quartal mit Abflüssen von 7,1 Milliarden Euro bereits das achte Quartal in Folge im Minus lagen, kehrte bei Artikel-8-Fonds die Zuversicht zurück. Sie verbuchten im gleichen Zeitraum Nettozuflüsse von 74,8 Milliarden Euro.

Diese Entwicklung geht einher mit einem wachsenden, zugleich kritischeren Interesse in der Bevölkerung. Laut einer im September veröffentlichten Umfrage im Auftrag des Bundesverbands deutscher Banken kennen inzwischen 55 Prozent der Deutschen den Begriff „nachhaltige Geldanlage“ – vor sechs Jahren war es erst rund jeder Dritte. Sechs von zehn Befragten, die mit dem Konzept vertraut sind, ziehen entsprechende Investments in Betracht.

„Darin liegt viel ungenutztes Potenzial, denn bisher investieren nur 14 Prozent tatsächlich in entsprechende Produkte“, betont Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands. Gleichzeitig fühlen sich vier von zehn unzureichend informiert. Entsprechend groß ist der Wunsch nach Orientierung: 44 Prozent plädieren für eine klare Klassifizierung nachhaltiger Geldanlagen.

Regulierung prägt zunehmend den Markt

Dass ESG trotz zwischenzeitlicher Ernüchterung nicht aus dem Fokus der Investoren verschwindet, bestätigt auch Jens Hartmann, Geschäftsführer der unabhängigen Vermögensverwaltung ficon in Düsseldorf. Zwar stünden Themen wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz derzeit stärker im medialen Rampenlicht. „ESG-orientierte Fonds bleiben für nachhaltig ausgerichtete Anleger jedoch zentral“, sagt Hartmann. „Sie bieten messbare Strategien, die Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung systematisch berücksichtigen.“

Diese anhaltende Relevanz spiegelt sich auch in den Marktdaten wider. Laut der Ratingagentur Scope ist die Zahl der in Deutschland zugelassenen Fonds mit ESG-Fokus in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. „Nachhaltige Fonds werden zunehmend zum Massenprodukt, zugleich zieht die Regulierung spürbar an“, sagt Florian Koch, Head of Mutual Funds bei Scope Fund Analysis. Fonds, deren Namen Begriffe wie „nachhaltig“, „grün“ oder „ESG“ enthalten, müssen seit Mai 2025 gemäß einer neuen Leitlinie der europäischen Fondsaufsicht mindestens 80 Prozent ihres Vermögens tatsächlich nach ESG-Kriterien investieren.

Die Folge: Ein erheblicher Teil der Fondsanbieter sah sich gezwungen, entweder die Fondsbezeichnungen anzupassen oder die Anlagestrategien grundlegend zu verändern, um den strengeren EU-Vorgaben zu entsprechen. Viele Anbieter reagierten darauf, indem sie ihre Fondsbezeichnungen änderten: Sie strichen Begriffe wie „ESG“ oder ersetzten sie durch Formulierungen wie „screened“, die eine gezielte Auswahl suggerieren, jedoch nicht den strengen Vorgaben der neuen ESMA-Regelungen unterliegen.

Fondsanbieter passen Bezeichnungen an

Die neue Regulierung der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) gilt als wichtiger Schritt hin zu der seit langem geforderten Transparenz im Markt und erleichtert Anlegern fundierte Investmententscheidungen. Welche Wirkung die verschärften Vorgaben bereits entfalten, zeigt eine aktuelle ESMA-Studie: Rund zwei Drittel der Fonds mit ESG-Begriffen im Namen haben ihre Bezeichnung geändert. Viele Anbieter strichen entsprechende Termini ganz oder wichen auf Begriffe mit weniger strengen Anforderungen aus. Zudem passte etwa die Hälfte der Produkte ihre Anlagerichtlinien an.

Damit ist der regulatorische Umbau jedoch noch nicht abgeschlossen. Für ESG-Fonds sind in der EU weitere Reformen geplant, die Klarheit für Anleger erhöhen und Greenwashing wirksam eindämmen sollen. So legte die EU-Kommission im November 2025 einen umfassenden Vorschlag zur Reform der EU-Verordnung zur Offenlegung nachhaltiger Finanzprodukte (SFDR) vor. Er sieht vor, die bisherigen Kategorien nach Artikel 6, 8 und 9 durch drei klar definierte ESG-Produktklassen – „Sustainable“, „Transition“ und „ESG Basics“ – sowie eine Mischkategorie zu ersetzen. Ziel ist es, die Regeln zu vereinfachen, Greenwashing-Risiken zu reduzieren und Anlegern eine deutlich bessere Vergleichbarkeit zu ermöglichen.

„Sustainable“-Fonds umfassen Produkte, die an hohen Nachhaltigkeitsstandards ausgerichtet sind und nachweisbare Beiträge zu ökologischen oder sozialen Zielen leisten. „Transition“-Produkte investieren in Unternehmen und Projekte, die sich auf einem glaubwürdigen Transformationspfad befinden, etwa in Richtung Dekarbonisierung. Die Kategorie „ESG-Basics“ schließlich umfasst Produkte, die ESG-Kriterien in ihre Anlageentscheidungen einbeziehen, jedoch nicht die Anforderungen der beiden anspruchsvolleren Kategorien erfüllen.

Interessenkonflikte vermeiden

Mit der geplanten Neuordnung der ESG-Produktklassen verschärft sich zugleich der Blick auf die Grundlagen nachhaltiger Bewertungen. Denn klar definierte Kategorien setzen verlässliche und nachvollziehbare Maßstäbe voraus. Genau an diesem Punkt greift eine weitere zentrale EU-Initiative: die Regulierung der ESG-Ratinganbieter.

Ab Juli 2026 soll die ESG-Rating-Verordnung (EU) 2024/3005 in Kraft treten. Sie verpflichtet ESG-Ratinganbieter zu deutlich mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Künftig müssen sie ihre Bewertungsmethoden offenlegen, einschließlich verwendeter Datenquellen und Gewichtungen. Zudem sollen Interessenkonflikte vermieden werden, etwa durch eine klare Trennung von Rating- und Beratungstätigkeiten. Neu ist zudem die Verpflichtung, für die Bereiche Environment, Social und Governance separate Bewertungen mit klar ausgewiesener Gewichtung vorzulegen. Ziel ist es, ESG-Ratings vergleichbarer, belastbarer und für Investoren besser einordbar zu machen.

Die neuen Vorgaben schaffen zwar einen klareren Rahmen für ESG-Investments. Gleichwohl stellt sich für Anleger weiterhin die Frage nach der praktischen Umsetzung – und der erzielbaren Rendite. Wer auf ESG-Kriterien achtet, muss nicht unbedingt auf Rendite verzichten. Einige Fonds und ETFs mit ESG-Fokus lassen ihre Vergleichsindizes teils deutlich hinter sich. Dennoch mahnt Christian Nevermann, Partner bei der Stuttgarter Economia GmbH & Co. KG, zur Vorsicht: „In den vergangenen Jahren war die Erwartungshaltung sehr hoch und das Korsett eng: die Erfüllung aller ESG-Kriterien bei gleichzeitig überdurchschnittlicher Performance.“

Überzeugende Strategien ohne ideologische Verengung

Seiner Erfahrung nach konnten das viele Fonds nicht leisten, da es bereits ohne diese zusätzlichen Kriterien für viele Fondsmanager herausfordernd gewesen sei, Überrenditen zu erzielen. „Sie schnürten vielen Fondsmanagern buchstäblich die Luft ab“, blickt der Investmentexperte zurück. Die anfänglichen Zweifel Nevermanns haben sich damit bestätigt. Gemeinsam mit Economia-Gründer Wolfgang Spang setzt er daher auf Fonds von Gesellschaften, bei denen die Suche nach verantwortungsvoller Unternehmensführung fester Bestandteil des Investmentprozesses ist – unabhängig von Labels und den starren Vorgaben klassischer ESG-Rahmenwerke.

Als Beispiele nennt Nevermann den Schroder ISF Global Sustainable Growth Fund sowie den Wellington Global Stewards Fund. Beide verfolgen aus seiner Sicht eine überzeugende Strategie ohne ideologische Verengung: „Sie identifizieren verantwortungsvoll geführte Unternehmen und verbinden diesen Ansatz erfolgreich sowie weiterhin konsequent mit der Ausrichtung auf attraktive Erträge.“

Neben den von Nevermann bevorzugten Fonds überzeugte der weltweit ausgerichtete Invesco Global Active ESG Equity mit einer überdurchschnittlichen Performance in den vergangenen fünf Jahren. Mit einem jährlichen Plus von 15,3 Prozent übertraf der Fonds, der ein Artikel‑8‑Profil aufweist, seinen Vergleichsindex MSCI World (13,4 Prozent) deutlich. Das Fondsmanagement nutzt ein eigenes ESG‑Scoring, um gezielt Unternehmen auszuwählen, die innerhalb ihres Sektors überdurchschnittliche Nachhaltigkeitsstandards erfüllen. Gleichzeitig verfolgt es das Ziel, die CO₂‑Intensität des Portfolios im Vergleich zur Referenzbenchmark zu reduzieren.

Im Hinblick auf die geringste Volatilität im Vergleichszeitraum von fünf Jahren kann der Swisscanto Equity Fund Systematic Committed Selection von der Zürcher Kantonalbank mit einer jährlichen Rendite 13,6 Prozent (vor Abzug von Gebühren) punkten. Der als Artikel‑8‑Produkt klassifizierte Anlagepool zeichnet sich durch einen systematischen, quantitativ gestützten Investmentansatz aus, der traditionelle Aktienselektion mit Nachhaltigkeitsaspekten verbindet. Im Zentrum steht eine modellbasierte Auswahl von Aktien auf Basis klar definierter Kriterien wie Bewertung, Qualität und Momentum, die systematisch analysiert und in ein breit diversifiziertes Portfolio überführt werden. Dabei wird das Risiko durch neutrale Gewichtung über Länder, Sektoren und Währungen gesteuert und durch eine Vielzahl kleiner Positionen zusätzlich reduziert.

Kostengünstig investieren

Gezielt auf Europa setzt der ABN Amro Funds EdenTree European Sustainable Equities. Die jährliche Performance in den vergangenen drei Jahren belief sich auf 14,7 Prozent. Die Nachhaltigkeitsentscheidungen orientieren sich an langfristigen Themen wie Bildung, Gesundheit & Wohlbefinden, sozialer Infrastruktur und nachhaltigen Lösungen, was über reine Ausschlusskriterien hinausgeht. Da sich das Fondsmanagement nicht strikt an einen Index bindet, kann es Opportunitäten über verschiedene Branchen und Marktkapitalisierungen hinweg nutzen. Am stärksten gewichtet waren zuletzt Frankreich (23,2 Prozent), Großbritannien (21,3 Prozent) und die Niederlande (12,1 Prozent).
Eine preiswerte Möglichkeit, in ein breit diversifiziertes, nach Nachhaltigkeitskriterien selektiertes Portfolio zu investieren, bieten ETFs. Der UBS Euro Stoxx 50 ESG ETF erzielte über drei Jahre eine Performance von 75 Prozent. Der Fonds investiert ausschließlich in die 50 größten Unternehmen der Eurozone mit guten Nachhaltigkeitswerten. Der regionale Fokus zahlte sich aus: Über fünf Jahre erzielte der ETF 103,5 Prozent und übertraf damit den globalen MSCI World deutlich. Mit laufenden Kosten von nur 0,10 Prozent bietet der ausschüttende ETF eine besonders kosteneffiziente Lösung. Ende Dezember entfielen die drei größten Positionen – die niederländische ASML Holding, SAP und Siemens – vollständig auf den Technologiesektor.

Noch besser entwickelte sich der Deka Oekom Nachhaltigkeit Prime ETF, der auf große Eurozonen-Unternehmen setzt, die nach ESG-Kriterien bewertet werden. Über drei Jahre erzielte er eine Performance von 110 Prozent, über fünf Jahre 135 Prozent. Die Sharpe-Ratio von 1,19, ein Maß für das Rendite-Risiko-Verhältnis, zeigt, dass der Fonds im Vergleich zu seiner Schwankungsbreite besonders effizient arbeitet – sprich: Er liefert eine überdurchschnittliche Rendite bei kontrolliertem Risiko. Mit jährlichen laufenden Kosten von 0,50 Prozent ist der ETF jedoch deutlich teurer als der UBS Euro Stoxx 50 ESG ETF.

Autor Christian Euler ist Buchautor und Wirtschaftsjournalist.

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