Europas Verteidigung rückt ins Blickfeld von Investoren

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Sicherheit wird zunehmend als Grundvoraussetzung für wirtschaftliche Stabilität verstanden.

Europas Verteidigungsfähigkeit ist beim World Economic Forum in Davos zu einem zentralen Thema geworden. Sicherheitspolitische Prioritäten, staatliche Investitionen und technologische Entwicklungen verändern den Blick auf den Sektor. Ein Marktkommentar von Sebastian Daub, Ashurst

Wenn sich politische Entscheidungsträger, CEOs und internationale Organisationen dieser Tage in Davos treffen, rückt ein Thema in den Vordergrund: Europas sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit. Beim diesjährigen Treffen des World Economic Forum wird Verteidigung vor allem im Kontext geopolitischer Risiken, strategischer Autonomie und staatlicher Handlungsfähigkeit diskutiert. Gleichzeitig gewinnt der europäische Verteidigungssektor damit auch aus wirtschaftlicher Perspektive an Aufmerksamkeit.

Vor diesem Hintergrund lassen sich drei zentrale Entwicklungen beobachten, die den europäischen Verteidigungssektor zunehmend auch für Investoren relevant machen:

  • Europas Sicherheitsagenda ist vom politischen Randthema zu einem strategischen Investmentfokus mit langfristiger staatlicher Nachfrage geworden.
  • Trotz wachsender Offenheit bei Banken und Investoren bleiben regulatorische Fragmentierung und ESG-Anforderungen zentrale Hürden.
  • Dual-Use-Technologien schaffen neue Zugänge für institutionelles Kapital jenseits klassischer Rüstungsinvestments.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die sicherheitspolitischen Prioritäten Europas nachhaltig verschoben. Nahezu alle EU-Mitgliedstaaten haben ihre Verteidigungsausgaben deutlich erhöht und planen langfristige Investitionen in militärische Fähigkeiten, industrielle Kapazitäten und technologische Innovationen. Ziel ist es, die Verteidigungsbereitschaft Europas zu stärken und gleichzeitig die Abhängigkeit von nicht-europäischen Lieferketten zu reduzieren.

Damit rückt der Verteidigungssektor erstmals seit Jahrzehnten wieder in den Fokus industrie- und wirtschaftspolitischer Strategien. Sicherheit wird zunehmend als Grundvoraussetzung für wirtschaftliche Stabilität, Wettbewerbsfähigkeit und strategische Autonomie verstanden.


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Für Investoren eröffnet diese Entwicklung neue Perspektiven. Staatliche Auftraggeber sorgen für planbare, langfristige Nachfrage, während europäische Förderinstrumente gezielt darauf abzielen, Finanzierungslücken zu schließen und privates Kapital zu mobilisieren. Parallel dazu passen Banken und institutionelle Investoren ihre internen Rahmenwerke an und ermöglichen wieder Finanzierungen in einem Sektor, der lange Zeit unter pauschalen ESG-Ausschlüssen litt.

Besonders dynamisch entwickeln sich Bereiche mit sogenanntem Dual-Use-Charakter. Cybersecurity, Künstliche Intelligenz, Raumfahrt, autonome Systeme oder sichere Kommunikationsinfrastrukturen sind sowohl zivil als auch militärisch relevant und damit auch für Venture-Capital-Investoren und spezialisierte Fonds interessant.

Trotz des strukturellen Rückenwinds bleibt der Markteintritt anspruchsvoll. Die regulatorische Landschaft ist fragmentiert: Nationale Investitionsprüfungen, sicherheitsrelevante Genehmigungen und unterschiedliche Beschaffungsregime erschweren grenzüberschreitende Transaktionen. Gerade in sicherheitskritischen Segmenten werden Beteiligungen aus dem Ausland intensiv geprüft. Auch ESG-Aspekte spielen trotz gewisser Öffnung weiterhin eine zentrale Rolle. Zwar hat sich die Debatte differenziert, doch Transparenzanforderungen, Lieferketten-Due-Diligence und Governance-Standards bleiben hoch. Für Investoren bedeutet dies, dass erfolgreiche Engagements nicht nur Kapital, sondern auch regulatorische und rechtliche Expertise erfordern.

Der europäische Verteidigungssektor entwickelt sich zu einem langfristigen Investmentthema mit strukturellem Rückenwind. Staatliche Nachfrage, politische Unterstützung und technologische Innovation sprechen für nachhaltiges Wachstum. Gleichzeitig bleibt der Sektor komplex, politisch sensibel und stark reguliert.

Sebastian Daub ist Partner bei Ashurst.

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