Finanzielle Unabhängigkeit trotz Repressionen: Was der Iran über die Rolle von Bitcoin verrät

Foto: Smarterpix/EVER STOCK
Iran und der Bitcoin

Der Iran rückt wieder ins Zentrum geopolitischer Spannungen – und mit ihm die Frage, wofür Bitcoin in Krisen tatsächlich taugt. On-Chain-Daten deuten auf auffällige Verhaltensmuster hin, die auch für Anleger außerhalb der Region relevant sind.

In diesen Wochen rücken die Entwicklungen rund um den Iran erneut in den Fokus der globalen Finanzmärkte. Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten wirkten dabei als externer Stressfaktor, der das Risikosentiment kurzfristig eintrübte. Während klassische Risikoassets mit erhöhter Volatilität reagierten, zeigte sich im Kryptomarkt ein bekanntes Muster: Bitcoin gewann dabei zeitweise an Aufmerksamkeit – was sich einerseits in der Kursentwicklung positiv niederschlug, aber auch im praktischen Nutzen von Assets wie Bitcoin. Das größte Kryptoasset zeigte damit einmal mehr seinen Nutzen als nicht-staatlich kontrollierter, grenzüberschreitender Vermögenswert, der in Phasen politischer Unsicherheit verstärkt nachgefragt wird.

Der Iran als Anwendungsfall für Kryptowährungen unter Repressionen 

Der Iran nimmt im globalen Krypto-Ökosystem eine Sonderrolle ein. Internationale Sanktionen, eingeschränkter Zugang zu traditionellen Zahlungssystemen und struktureller Währungsdruck haben dazu geführt, dass Kryptowährungen dort seit Jahren eine funktionale Rolle übernehmen. Digitale Assets werden sowohl von privaten Akteuren zur Wertaufbewahrung als auch im wirtschaftlichen Umfeld zur Umgehung klassischer Finanzintermediäre genutzt. Das spielt bei Sanktionen „von außen“ eine Rolle, aber auch in Zeiten erheblicher Repressionen im Inneren – wie etwa im Zuge der aktuellen Unruhen, die das iranische Regime mit unfassbarer Brutalität bekämpfte. 


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Analysen von On-Chain-Daten[1] zeigen, dass sich diese Unsicherheit zuletzt auch in veränderten Nutzungsmustern von Bitcoin widerspiegelte. Insbesondere kam es bei iranischen Bitcoin-Besitzern vermehrt zu Abflüssen größerer Bitcoin-Bestände (Gegenwert häufig über 10.000 Dollar) von zentralisierten Handelsplattformen in sogenannte selbstverwahrte Wallets, also Wallets, bei denen Nutzer die Kontrolle über ihre privaten Schlüssel selbst behalten. Bemerkenswert ist dabei, dass es sich nicht zwingend um neu erworbene Bitcoin handelt. Vielmehr spricht vieles dafür, dass bereits vorhandene Bestände in der aktuellen Krise bewusst aus der Verwahrung durch Börsen abgezogen werden. 

Bitcoin fungiert in diesem Kontext weniger als alternatives Zahlungsmittel im Alltag – wenngleich Transaktionen auch unter gewissen staatlichen Repressionen noch möglich sind – sondern als grenzüberschreitend übertragbarer, schwer zu zensierender Wertspeicher. Damit verbunden sind alle bekannten Risiken der Volatilität, aber auch der Vorteil, nicht unmittelbar an das iranische Bankensystem oder die Landeswährung Rial, die eine starke Abwertung erlebt, gebunden zu sein. Insgesamt wird das iranische Krypto-Ökosystem auf eine Größe von rund 7,8 Milliarden US-Dollar geschätzt.[2]

Keine direkte Kausalität, aber veränderte Marktmechanismen

Wichtig ist die Einordnung, dass die aktuellen Entwicklungen keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen geopolitischen Ereignissen und Kursbewegungen implizieren. Vielmehr spiegeln sie veränderte Kapitalflüsse, Risikowahrnehmungen und Nachfrageprofile wider. Der Iran fungiert in diesem Zusammenhang als exemplarischer Use Case für den Einsatz von Kryptowährungen in politisch und monetär eingeschränkten Systemen.

Implikationen für Investoren und Marktbeobachter

Krypto kann die Krise im Iran oder in anderen autoritären Regimes der Welt nicht lösen, aber es kann eine Funktion unter Beweis stellen, in der das traditionelle Finanzsystem mitunter versagt: Vermögenswerte der Menschen, die in diesen Regimen leben, bewahren. Aus Marktsicht unterstreicht die Entwicklung, dass Kryptowährungen zunehmend über ihre Rolle als spekulative Anlage hinauswachsen. In bestimmten geopolitischen Kontexten übernehmen sie funktionale Aufgaben als Teil des realen Finanzsystems. Für Investoren bedeutet dies, Kryptoassets nicht ausschließlich unter kurzfristigen Renditegesichtspunkten zu betrachten, sondern auch ihre strukturelle Rolle im Spannungsfeld von geopolitischer Unsicherheit, Kapitalmobilität und monetärer Fragmentierung zu berücksichtigen.

Autor Adrian Fritz ist Vice President und Chief Investment Strategist des Krypto-ETP-Emittenten 21shares.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in den aktuellen Research Insights von 21shares.


[1] https://gizmodo.com/iranian-bitcoin-adoption-amid-nationwide-unrest-2000711457

[2] https://www.chainalysis.com/blog/iranian-crypto-activity-geopolitical-tensions-2026/

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