EXKLUSIV

Gewerbeimmobilien: Wie Versicherer und Makler Kunden besser unterstützen können

Foto: FM Affiliated
Brigitte Thesing: "Im Zusammenspiel von Maklern und Versicherern zählt nicht die Frage, wer wichtiger ist, sondern wie beide ihre komplementären Stärken optimal einbringen können"

Die Risiken für Gewerbeimmobilien nehmen nicht einzeln zu, sondern in ihrer Gesamtheit. Für Versicherer und Makler bedeutet das: Prävention rückt in den Mittelpunkt der Zusammenarbeit. Wie sich Rollen und Prozesse verändern. Von Brigitte Thesing, FM Affiliated, Deutschland

Die Gewerbeimmobilienbranche steht vor einem Paradigmenwechsel. Während sich die Marktbedingungen nach turbulenten Jahren stabilisieren, zeigt sich eine neue Realität: Nicht ein spezifisches Risiko erhöht sich signifikant, sondern die Dichte der Risiken. Klimavolatilität, alternde Gebäudesysteme, gemischt genutzte Immobilien und verkürzte Entscheidungszyklen überlagern sich zunehmend. In diesem Umfeld reicht eine Versicherung, die erst nach einem Schadeneintritt reagiert, nicht mehr aus. Gewerbeimmobilienkunden erwarten heute, dass Versicherer und Makler ihnen helfen, Unterbrechungen zu verhindern und nicht nur Schäden zu reparieren.

Die neue Risikolandschaft erfordert Prävention

Für viele europäische Immobilieneigentümer stellt nicht der Sachschaden das eigentliche Risiko dar, sondern die Betriebsunterbrechung. Wenn ein Logistikzentrum aufgrund eines Wasserschadens wochenlang stillsteht oder ein Einzelhandelsstandort nach einem Brand seine Kunden verliert, gefährdet dies die Ertragsstabilität des gesamten Portfolios. Resilienz wird daher heute geschaffen, lange bevor überhaupt ein Schaden eintritt.

Ein konkretes Beispiel verdeutlicht den Wandel: Ein europäischer Immobilienkunde besaß Objekte in mehreren Regionen. Für einige der Standorte lagen kaum technische Risikoanalysen seitens der Versicherer vor. Sobald Risikodaten und technische Bewertungen auf Portfolioebene verfügbar waren, konnte der Kunde Investitions- und Präventionsentscheidungen sowohl schneller als auch zielgerichteter treffen. Sichtbarkeit hilft Unternehmen, schneller bessere Entscheidungen zu fällen.

Komplementäre Stärken intelligent verbinden

Im Zusammenspiel von Maklern und Versicherern zählt nicht die Frage, wer wichtiger ist, sondern wie beide ihre komplementären Stärken optimal einbringen können. Makler einerseits verstehen die kommerzielle Realität ihrer Kunden: Finanzierungsstrukturen, Kapitalplanung und strategische Zielsetzungen. Andererseits bringen Versicherer technische Tiefe, Expertise in der Schadenprävention und standortbasierte Risikobewertung ein. Wenn diese Perspektiven frühzeitig zusammenkommen, werden Entscheidungen schneller und fundierter.

Dies ist besonders in Deutschland relevant, wo technische Standards traditionell hoch sind, Portfolios jedoch zunehmend komplexer und grenzüberschreitend werden. Makler übersetzen die Geschäftsstrategie ihrer Kunden, Versicherer übersetzen Gefährdungen in konkrete Handlungsempfehlungen.


Das könnte Sie auch interessieren:

Missverständnisse entstehen meist durch Informationsasymmetrie oder durch Underwriting-Entscheidungen, die zu spät im Prozess getroffen werden. Über Ländergrenzen hinaus nennen Makler vor allem inflexibles Underwriting als zentrale Ursache für Frustration. Die Lösung liegt in frühzeitiger Abstimmung: klare Erwartungen an Ausschreibungsunterlagen und, frühe technische Beratung und transparente Kommunikation während des gesamten Prozesses. Prävention funktioniert am besten, wenn Klarheit über Kapazität steht.

Von technischer Erkenntnis zur umsetzbaren Maßnahme

Die Herausforderung liegt darin, technische Erkenntnisse in umsetzbare Pläne zu übersetzen. Der Fokus sollte auf Priorisierung liegen: Welche Maßnahmen sind am wichtigsten, warum und in welcher Reihenfolge? Jede Empfehlung sollte mit Machbarkeit, Kosten und erwarteter Wirkung verknüpft werden, damit Prävention operativ wird und keine Theorie bleibt. Ein technischer Bericht wird erst dann wirklich wertvoll, wenn er zum Maßnahmenkatalog wird.

Bei sehr großen Portfolios messen Unternehmen Verbesserungen nicht an Einzelprojekten, sondern an der Risikokonzentration. Zum Beispiel führte einer unserer Kunden mit über 5.000 Standorten einen priorisierten Inspektions- und Verbesserungszyklus ein und konzentrierte sich zunächst auf die kritischsten Objekte. Dieser Ansatz reduzierte die Risikokonzentration stetig und unterstützte die langfristige Resilienzplanung.

Klimabezogene Prävention wird messbar, wenn Eigentümer ihre Standorte nach Anfälligkeit einordnen können. Moderne Modelle kombinieren dafür heute technische Analysen mit Hunderten von Variablen, um Investitionsentscheidungen über Portfolios hinweg zu steuern.

Neue Betriebsmodelle

Für eine optimale Zusammenarbeit sollten bestimmte Informationen frühzeitig mit Maklern geteilt werden: standortspezifische Daten zu Nutzung, Bauweise, kritischen Betriebsabläufen und Schutzeinrichtungen ermöglichen standortbasiertes Underwriting. Naturgefahren- und Klimaüberlagerungen helfen, Prioritätsstandorte frühzeitig zu identifizieren. Frühe technische Einblicke zeigen, was bekannt ist, was validiert werden muss und welche Haltung der Kunde zur Risikoprävention hat.

Verbesserungs-Roadmaps sind besonders vor Sanierungen oder Nutzungsänderungen wertvoll. Auch Erwartungen zu Schäden und Kontinuität sollten früh geklärt werden, da die Zuverlässigkeit in der Schadenabwicklung die Empfehlungen von Maklern stark beeinflusst. Informationssymmetrie ist das Fundament von Vertrauen.

Die effektivste Zusammenarbeit folgt einem Rhythmus: frühe Abstimmung, gemeinsame Prüfung technischer Erkenntnisse und regelmäßige Stewardship-Gespräche. Dieser Takt hält Prävention über den gesamten Versicherungszyklus aktiv – nicht nur zur Erneuerung. Resilienz wird durch einen regelmäßigen Rhythmus aufgebaut, nicht durch einzelne Meetings.

Unterschätzte Risiken im Fokus

Zwei Risiken werden noch immer unterschätzt. Erstens: Betriebsstörungen durch austretende Flüssigkeiten. Forschungsdaten zeigen, dass Flüssigkeitsschäden die Hauptursache für Verluste bei gewerblichen Immobilien sind und in fertigen Anlagen für 58 Prozent der Schäden verantwortlich waren. Zweitens: Klimavolatilität auf Standortebene, die granulare technische Analysen erfordert statt generischer ESG-Aussagen. Klimarisiko ist nicht länger abstrakt, es ist objektspezifisch.

Die wachsenden Sektoren wie Logistik und Wohnimmobilien weisen hohe Betriebsunterbrechungsrisiken auf, was den Wert von Prävention unterstreicht. Unter Druck stehende Sektoren wie Büro und Einzelhandel durchlaufen Repositionierungen, bei denen technische Beratung und Prävention wertvoll sind. Bei Investitionsmöglichkeiten wird Risikominderung zunehmend zur Wertschöpfungsstrategie.

Vom Transaktionsdenken zur gemeinsamen Prävention

Der wichtigste Ratschlag für die kommenden zwölf Monate lautet: Die Denkweise sollte sich von der Transaktion zum gemeinsamen Präventionsergebnis verschieben. Makler und Versicherer, die frühzeitig Klarheit über Daten, Entscheidungen und Verbesserungsprioritäten schaffen, helfen Gewerbeimmobilienkunden dabei, vom Reparieren von Schäden zur Verhinderung überzugehen. Prävention sollte eine gemeinsame Leistung sein, kein nachträglicher Zusatz. In einem sich stabilisierenden, aber anspruchsvollen Markt mit disziplinierter Kapazität und individueller Risikobewertung können Versicherer Makler mit maßgeschneiderten Tools, wie zum Beispiel FM‘s Climate Risk Report, und fundierten Einblicken unterstützen.

Schulungsprogramme, die auf Makler aller Erfahrungsstufen zugeschnitten sind, helfen ihnen, über neue Risiken und Lösungen auf dem Laufenden zu bleiben, stärken die Partnerschaft zusätzlich und verbessern ihre Fähigkeit, Kunden gezielt zu unterstützen. Gerade im Mittelstands-Sachversicherungsmarkt können Makler in enger Zusammenarbeit mit einem Versicherer die Verhandlung mehrerer Vertragsbedingungen oder Deckungslücken vermeiden. Ein koordinierter Ansatz – wie bei einem Kunden mit lokalem, nationalem und internationalem Immobilienportfolio – ist effizient, lückenlos und auf langfristige Resilienz ausgelegt.

Die Zukunft der Gewerbeimmobilienversicherung liegt nicht in der Perfektionierung isolierter Prozesse, sondern in der strategischen Partnerschaft zwischen Versicherern und Maklern, die Prävention zum gemeinsamen Ziel erklärt.

Die Autorin Brigitte Thesing ist Director bei FM Affiliated Deutschland

Weitere Artikel
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Comments
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen