GKV: 2027 droht 12 Milliarden-Lücke

Andreas Storm
Foto: DAK-Gesundheit/Läufer
DAK-Chef Andreas Storm: "Diese dramatische Entwicklung sollte für alle Beteiligten ein letzter Warnschuss sein, um schnell und mutig die notwendigen Reformen anzugehen“

In der gesetzlichen Krankenversicherung droht 2027 eine Finanzierungslücke von bis zu zwölf Milliarden Euro. Laut einer neuen IGES-Projektion könnten die Sozialabgaben langfristig die 50-Prozent-Marke erreichen. Die DAK-Gesundheit fordert einen Stabilitätspakt.

In der gesetzlichen Krankenversicherung zeichnet sich für das Jahr 2027 eine erhebliche Finanzierungslücke ab. Nach einer neuen Projektion des Berliner IGES Instituts im Auftrag der DAK-Gesundheit könnten den Krankenkassen bis zu 11,8 Milliarden Euro fehlen. In der Folge droht Versicherten und Arbeitgebern ein erneuter Beitragssatzanstieg von rund 0,6 Punkten.

Die IGES-Analyse betrachtet die Entwicklung aller Zweige der Sozialversicherung bis zum Jahr 2035. Demnach könnte die Gesamtbelastung aus Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung langfristig erstmals die Marke von 50 Prozent erreichen. Grundlage der Berechnungen sind aktuelle Haushaltsdaten des Bundes sowie Zahlen der zuständigen Ministerien und Sozialversicherungsträger.

„Die IGES-Analyse zeigt, dass die Gesamtbelastung in der Sozialversicherung bis 2035 auf die Marke von 50 Prozent steigen könnte. Diese dramatische Entwicklung sollte für alle Beteiligten ein letzter Warnschuss sein, um schnell und mutig die notwendigen Reformen anzugehen“, sagt Andreas Storm, Vorstandschef der DAK-Gesundheit.

Beitragssätze unter Druck

Laut Projektion drohen der gesetzlichen Krankenversicherung und der sozialen Pflegeversicherung im Jahr 2027 zusammen finanzielle Mehrbelastungen von mehr als 17 Milliarden Euro. In der Krankenversicherung resultiert die Lücke vor allem aus einem anhaltend stärkeren Ausgabenwachstum in Höhe von 6,8 Milliarden Euro. Hinzu kommen der Wegfall eines Bundesdarlehens von 2,3 Milliarden Euro, das Auslaufen des sogenannten kleinen Sparpakets mit 1,7 Milliarden Euro sowie die erwartete Anhebung des Apotheken-Fixums um eine Milliarde Euro.


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In der sozialen Pflegeversicherung werden für 2027 Mehrbelastungen von 5,5 Milliarden Euro erwartet. Auch hier treiben steigende Ausgaben und der Wegfall eines Bundesdarlehens die Finanzierungslücke. Nach Berechnungen des IGES Instituts könnte der Beitragssatz in der Pflegeversicherung 2027 um 0,3 Punkte auf 4,1 Prozent steigen und bis 2033 sogar fünf Prozent erreichen.

Für die gesetzliche Krankenversicherung rechnet IGES damit, dass der durchschnittliche Beitragssatz 2027 auf rund 18,3 Prozent steigt. Bereits 2033 könnte die Marke von 20 Prozent überschritten werden. Insgesamt würde der Sozialversicherungsbeitragssatz 2027 bei 43,6 Prozent liegen und bis 2035 weiter ansteigen.

Warnung vor kurzfristigen Lösungen

Studienleiter Dr. Richard Ochmann sieht in den zuletzt beschlossenen Finanzierungsmaßnahmen der Bundesregierung keine nachhaltige Lösung. „Mit den Finanzierungsmaßnahmen, die die Bundesregierung zuletzt als kurzfristige Unterstützung der Finanzsituation von Kranken- und Pflegeversicherung beschlossen hat, wird man allein keine mittel- bis langfristige Beitragsdämpfung erreichen“, erklärt Ochmann. Darlehen und Sparpakete könnten die Entwicklung allenfalls temporär bremsen.

Vor diesem Hintergrund fordert die DAK-Gesundheit einen grundlegenden Kurswechsel in der Gesundheitspolitik. Andreas Storm setzt dabei auf die von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken eingesetzte Kommission für Finanz- und Strukturreformen in der GKV, die Ende März Vorschläge vorlegen soll. „Die Arbeit der GKV-Finanzkommission ist eine große Chance für einen Neustart in der Gesundheitspolitik“, sagt Storm.

DAK fordert dreistufigen Stabilitätspakt

Um bereits 2027 stabile Beiträge zu erreichen, schlägt Storm einen dreistufigen Stabilitätspakt vor. Im Mittelpunkt steht zunächst eine einnahmenorientierte Ausgabenpolitik, bei der die Ausgaben der Krankenkassen nur noch im Einklang mit den Einnahmen steigen. Für das Jahr 2027 sieht die DAK hier einen Konsolidierungsbedarf von rund 6,8 Milliarden Euro. Die konkrete Ausgestaltung soll durch eine Finanzkommission erfolgen und in einer Konzertierten Aktion im Gesundheitswesen abgestimmt werden.

Als weiteren Schritt fordert die DAK eine veränderte Finanzierung versicherungsfremder Leistungen. Dazu zählt unter anderem eine Absenkung des Mehrwertsteuersatzes auf Arzneimittel und Hilfsmittel auf sieben Prozent. Langfristig plädiert die Kasse für umfassende Struktur- und Versorgungsreformen, etwa in der Primärversorgung, der Notfallversorgung und bei den Krankenhäusern. Diese Reformen benötigten Zeit, seien aber entscheidend, um das System dauerhaft zu stabilisieren.

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