Dr. Quell, welche Risikotreiber prägen derzeit Ihre Gespräche mit Industriekunden am stärksten?
Quell: Zunächst einmal ist wichtig: Die Versicherungskammer ist einer der größten Industrieversicherer in Deutschland – gerade für „German-linked Business“. Das heißt, wir versichern Industriekunden von DAX-Konzernen bis zum deutschen Mittelstand. In den Gesprächen mit unseren Industriekunden merken wir sehr deutlich die aktuelle politische Großwetterlage: diese Multikrisen, die wir gerade erleben. Damit verbunden ist ein stark gestiegenes Risikobewusstsein – bis in die Spitzen der deutschen Industrie. Worüber wir konkret reden: Großbrände und Großfeuer inklusive Betriebsunterbrechung – und zunehmend auch die Frage der Versicherbarkeit von Klimarisiken.
Was sind aktuell die größeren Treiber? Sind das die Klima- und Elementarrisiken, ist das Cyber, sind das die Lieferketten, ist das die geopolitische Unsicherheit?
Quell: Genau so, wie ich es gesagt habe. Diese Krisen treiben das Risikobewusstsein und führen dann dazu, dass man über Großbrände und Großschäden spricht, aber eben auch über Klimarisiken wie Überschwemmungen – und zwar nicht nur in Deutschland. „German-linked Business“ heißt ja, dass wir auch DAX-Konzerne weltweit begleiten – nicht als Führungsversicherer in diesem Segment, sondern als Beteiligungsversicherer. Dadurch sind wir auch in anderen Regionen unterwegs. Versicherung von Klimarisiken gehört für uns zum Kerngeschäft der Versicherungskammer. Im Industriebereich gilt: Wir haben einen großen Stab an Brandschützern, aber auch Beratern, die Prävention mit begleiten. Gerade im Mittelstand – und damit meine ich nicht nur den bayerischen, sondern den bundesweiten Mittelstand – gehen unsere Kolleginnen und Kollegen mit rein, beraten den Kunden vor Ort. Wenn diese Empfehlungen umgesetzt werden, erhöht das die Versicherbarkeit, schafft Sicherheit – und kann im Einzelfall auch zu einer Prämienreduktion führen.
Lassen Sie uns bei den Prämien bleiben. Wie entwickelt sich da der Markt aktuell? Sind Sie da in Spannung oder gibt es da Engpässe – etwa bei Naturgefahren, Großbetriebsunterbrechungen oder kritischen Industrien oder Cyber?
Quell: Der Markt im Industriesegment hat sich insgesamt gut entwickelt. Die Versicherungskammer ist ein stabiler, auf Kontinuität ausgelegter Versicherer – und genau so werden wir auch wahrgenommen. Unser Ziel ist, Kunden in nahezu jedem Bereich zu begleiten. Das reicht von stabilen Geschäften – wir sprechen immer über den Standard-Metaller, der hat ausreichend Kapazität – bis hin zu deutlich exponierteren Risiken. Auch da gehen wir als Versicherungskammer rein und bieten, wenn möglich, Lösungen an. Unser Ansatz ist: Mit vernünftiger Prävention, einem angemessenen Preis und einem objektiv belastbaren Brandschutz beim Kunden kann man Risiken versicherbar machen. Klar ist aber auch: Es gibt Risiken, bei denen wir uns zurückhalten – nämlich dann, wenn der Ausgleich im Kollektiv nicht mehr gegeben ist. Das kann relativ schnell passieren, zum Beispiel bei ungeschützten Betrieben. Wir schauen uns immer genau an: Wie ist der Brandschutz aufgestellt? Wie sind die Abläufe? Es kann vorkommen, dass unser Risikoappetit ausgereizt ist. Trotzdem bleibt der Grundsatz: langfristige Orientierung. Für uns gibt es keine schlechten Betriebsarten, wir prüfen auch nach einem Großschaden die Weiterversicherung case by case. Das sind etwa Nahrungsmittel oder Oberflächenbehandlungen – Segmente, aus denen sich unsere Wettbewerber teils ganz zurückziehen. Wir werden immer „case by case“ bewerten, gemeinsam mit dem Kunden prüfen, ob er in ein Brandschutzkonzept mit reingeht – und dann zusammen das Risiko weiterentwickeln.
Wenn ich das richtig verstanden habe: Sie versichern also auch Recyclingunternehmen?
Quell: Im Moment sind wir zurückhaltend.Wenn er seinen Brandschutz ausbaut und gezielt investiert, prüfen wir die Optionen hin zur Versicherbarkeit.
Stichwort Erneuerbare Energien – sind Sie dort als Versicherer aktiv unterwegs?
Quell: Das ist im Moment tatsächlich mein Lieblingsthema. Wir haben uns vor einigen Jahren auf den Weg gemacht. In Bayern sind wir Marktführer für Photovoltaikanlagen. Dann haben wir uns gefragt: Was können wir darüber hinaus eigentlich tun? Und so sind wir heute auch in der Versicherung von Geothermie, in der Windkraft und bei Batteriespeichersystemen aktiv. Ich würde sogar das große Wort benutzen, dass wir uns als Enabler für neue Technologien sehen. Früher hieß es oft: „Wir versichern keine Prototypen“, weil es keine statistische Basis gibt und man nicht weiß, wie sich das Risiko entwickelt. Heute gehen wir bewusst nach vorne und wollen da investieren – ähnlich wie Kollegen aus dem Private-Equity-Bereich. Wir versichern Geothermie-Anlagen – ohne das Fündigkeitsrisiko- , obwohl wir noch keine breite Erfahrungsbasis haben. Wichtig ist, auch hier: Wir sprechen über Konsortialgeschäft. Wir zeichnen erst einmal nur einen kleineren Prozentsatz, sagen wir zehn oder 20 Prozent, beobachten, wie sich das Risiko entwickelt. Wenn das gut läuft und wir Erfahrung gesammelt haben, kommt ein weiteres Risiko dazu, usw. So tasten wir uns voran. Denn bei uns ist das Prinzip „Verstehen vor Versichern“ ganz entscheidend.
Und wie sieht es mit Rüstungsunternehmen aus? Halten Sie sich dort zurück oder sind Sie als Versicherer mit an Bord?
Quell: Wir schauen uns jedes Unternehmen einzeln an. Das heißt: Auch bei Unternehmen der Landesverteidigung bewerten wir sehr konkret, wie sie beim Brandschutz aufgestellt sind, welche Bewertungen es gibt, wie explosiv das Risiko ist. Und auch wenn wir das Thema ESG – das ist eine klare Entscheidung des Vorstands der Versicherungskammer – betonen, sagen wir: Landesverteidigung gehört zur Realität dieses Landes.
Kommen wir zu den Cyberrisiken. Das Risiko ist ja sehr hoch in der Industrie, die Angriffe nehmen deutlich zu. Bitkom spricht von 202 Milliarden Euro Schaden im letzten Jahr. Wie groß schätzen Sie das Risiko ein, und wie positionieren Sie sich als Versicherer?
Quell: Wir stufen das Risiko als sehr hoch ein – gleichzeitig können wir uns dem Thema nicht verschließen. Für Privat- und Gewerbekunden bietet unser Konzern entsprechende Lösungen an. Im Industriebereich haben wir uns bislang aber noch nicht entschieden, diesen Weg zu gehen. Wir beobachten die Entwicklung sehr genau. Hintergrund ist vor allem die Kumul-Problematik. Wenn ich mir die geopolitische Lage anschaue, wird diese Gefahr eher noch größer. Und für uns stellt sich ganz grundsätzlich die Frage: Ist Cyber in dieser Form überhaupt versicherbar? Wir haben über Elementar gesprochen, aber Cyber ist für mich ähnlich gelagert. Den einzelnen Kunden kann ich versichern. Wenn aber zum Beispiel eine Trojaner-Software flächendeckend durch die deutsche Industrie geht – wer soll das finanzieren können? Deshalb sind wir als Versicherungskammer im Industriebereich aktuell im Beobachtungsstatus. Im Privat- und Gewerbebereich begleiten wir unsere Kunden dagegen ganz konkret.
Lassen Sie uns auf Klimarisiken im Industriebereich schauen. Elementarschäden treiben große Industrieunternehmen heute nicht so um wie Privatleute. Wie gehen Sie da an die Unternehmen heran – forcieren Sie Absicherung und Sensibilisierung? Große Unternehmen haben ja keine Vorgaben wie Privatkunden?
Quell: Genau, das stimmt – weil wir hier über ein B2B-Geschäft reden. Das sind Vollkaufleute, die selbst über ihr Risiko entscheiden. Entsprechend sind wir mit den Industrieunternehmen im Gespräch und bieten unsere Präventionsmaßnahmen an. Die Entscheidung liegt aber bei den Häusern selbst. Die großen Unternehmen tragen Elementarrisiken teilweise mit Selbstbehalten und kaufen Versicherungsschutz vor allem für das Risiko Feuer ein.
Es gibt Versicherer, die Teams in Betriebe schicken, um Resilienz zu erhöhen. Machen Sie das auch?
Quell: Ja, das haben wir auch. Bei uns gibt es Ingenieure, die sich als Meteorologen, aber auch als Hydrologen sehr genau anschauen: Wie hoch liegt das Gebäude oberhalb der Flussgrenze? Welche Hochwasserzonen sind betroffen? Da gibt es ja HQ-Bewertungen (Hochwassergefährdungszonen, Anm. d. Red.), mit denen man das einordnen kann. Diese Begleitung leisten wir, um Versicherungsschutz maßgeschneidert anbieten zu können – einmal auf der Präventionsseite, aber auch, um ein industrielles Risiko gegen Elementar abzusichern.
Die Industrieversicherung ist ja mittlerweile stark daten- und modellgetrieben. Wie nutzen Sie Klimamodelle, Szenarioanalysen und Betriebsdaten im Underwriting?
Quell: Für uns sind Daten das Gold der Zukunft. Unsere Underwriting-Entscheidungen basieren auf einer risikobasierten Portfoliosteuerung. Was heißt das konkret? Wir haben gemeinsam mit dem Aktuariat Modelle entwickelt, mit denen wir unser Geschäftsgebiet sehr genau analysieren können. Ein Beispiel: Ein Industrieunternehmen an der Elbe oder in Schleswig-Holstein ist für uns möglicherweise leichter zu versichern als eines an der Donau oder an der Isar. Warum? Weil nebenan in unserem Geschäftsgebiet auch unsere privaten Immobilien und Immobilien von Gewerbekunden versichert sind – wenn es dort zu einer Überschwemmung kommt, werden die Privat-, Gewerbe- und Industrieimmobilien gleichzeitig getroffen. Dieses Industrieunternehmen würde dann zusätzliche Exposures erzeugen. Mit dem Aktuariat arbeiten wir deshalb an Modellen, um genau diese Diversifikation abzubilden. Damit kann ich – und das ist vielleicht der entscheidende Punkt – deutsches Geschäft insgesamt einfacher zeichnen. Das ist alles modellbasiert und wird regelmäßig neu kalibriert – auch anhand dessen, was wir an Schäden beobachten, ob Flächenschäden oder lokale Ereignisse wie an der Ahr.
Zur Einordnung: Das Ahr-Ereignis hat die Industrieversicherung stärker getroffen als die Überschwemmung 2024 in Bayern. Wenn es ein Flächenthema ist, sind Industrieunternehmen oft weniger betroffen. An der Ahr hat es Industrieunternehmen regelrecht mit weggespült. Pro Risiko waren wir im Industriebereich stärker betroffen, als wir es jetzt im eigenen Geschäftsgebiet waren. Das ist spannend zu sehen: Wo liegen die Exponierungen, wie wirken sie? Daran arbeiten wir – Ingenieure und Kaufleute gemeinsam –, um diese Risikoexponierung sauber zu bewerten.
Lassen Sie uns abschließend einen Blick nach vorne wagen. Was sind Ihre wichtigsten Leitplanken für die kommenden Jahre in Industrie? Und wollen Sie Mapstäbe setzen?
Quell: Stichwort „Enabler“: Wir ermöglichen neue Technologien, die mit neuen Risiken einhergehen, überhaupt erst versicherbar zu machen – nicht nur heute, sondern auch morgen. Dafür steht der Konzern Versicherungskammer.
















