Amundi: „Jetzt ist die Zeit für Multi Asset“

Helen Windischbauer
Foto: Alexander von Spreti
Helen Windischbauer: „Den Vorteil der Diversifizierung durch illiquide Assets noch stärker nutzen“

Der Chef von Amundi Deutschland, Christian Pellis, wurde in diesem Jahr als Head of the Year ausgezeichnet. Cash. nutzte diese Gelegenheit, um einen Blick hinter das Unternehmen zu werfen. Vor Ort in München sprachen wir mit weiteren Führungskräften von Amundi Deutschland. Helen Windischbauer ist Head of Multi Asset Solutions bei Amundi Deutschland. Wir sprachen mit ihr über Chancen und Herausforderungen für Multi-Asset-Fonds.

Sie sind Head of Multi Asset Solutions, wie muss ich mir Ihre Tätigkeit vorstellen?

Windischbauer: Im Bereich Multi-Asset-Solutions entwickeln wir Lösungen für Privatkunden, institutionelle und Third-Party-Kunden. Durch dieses breite Spektrum an Kunden mit sehr unterschiedlichen Anforderungen – im Third Party Bereich gehören zum Beispiel Versicherungen oder Banken zu unserer Zielgruppe – ist unsere Tätigkeit, wie Sie sich vorstellen können, sehr abwechslungsreich. Mein Team bündelt daher eine Vielfalt an Expertise. Darüber hinaus profitieren wir von unserem hauseigenen Portfolio-Management System ALTO, in das das gesamte Know-how der Gruppe – sprich aus allen global verteilten Investment-Hubs – einfließt. Hinzu kommt, dass wir unseren Kunden keine Lösungen von der Stange anbieten. Im Umkehrschluss heißt dies, dass wir in einem engen Dialog mit ihnen stehen, um ihre Bedürfnisse kennenzulernen, zu verstehen und so, in unseren Lösungen abbilden zu können. Dieser enge Austausch ist es übrigens, der für mich und mein Team die Arbeit sehr abwechslungsreich macht.

In den vergangenen Monaten ist es um das Thema Multi Asset medial sehr still geworden, vom Hype, mit dem die Fondsklasse einst gestartet war, ist nicht viel übrig. Täuscht der Eindruck?

Windischbauer: Der Eindruck ist bis zu einem gewissen Grad schon richtig. Aber der Trend ist wohl eher vorübergehend. Er entsteht dadurch, dass im letzten Jahr die beiden Assetklassen Aktien und Renten verloren haben. Damit entfiel die Möglichkeit der breiten Diversifikation innerhalb eines Multi-Asset-Portfolios. In diesem Jahr tun wir uns auf der Multi-Asset-Seite auch noch etwas schwer. Das liegt auch daran, dass die Erholung im Aktiensegment relativ erratisch ist. Wir haben zwar bislang ein erfolgreiches Aktienjahr. Dies fußt allerdings im europäischen Aktienmarkt auf den Bewegungen in den ersten zwei Monaten. Zu Beginn des Jahres haben wir eine sehr starke Bewegung nach oben gesehen. Im weiteren Jahresverlauf gab es dann aber immer wieder Rückschläge, so dass die Kunden heute noch nicht wieder mit voller Zuversicht auf die Aktienseite blicken. Das wird unserer Meinung nach auch noch ein bisschen dauern und ist auch davon abhängig, welche konjunkturellen Bremseffekte wir über das höhere Zinsumfeld noch beobachten werden. Die Unsicherheit, die wir aktuell noch auf der Rentenseite sehen, gründet sich vor allem auf dem noch nicht ganz klaren weiteren Pfad der Zentralbanken bzw. dem Zusammenspiel zwischen konjunktureller Entwicklung und Inflationspfad.

Nach wie vor scheint die Anlagewelt aus den Fugen, Anleger müssen sich von traditionell als sicher geglaubten Gewohnheiten und Grundsätzen verabschieden. Ist jetzt die Zeit für Multi Asset?

Windischbauer: In der Tat ist jetzt die Zeit für Multi Asset. Als professionelle Investorin habe ich vielleicht den Vorteil, dass ich anders als das Gros der Kunden auf die aktuelle Situation an den Märkten schauen kann, da mir mehr Informationen zur Verfügung stehen. Unsere Kunden wägen derzeit sehr stark ab, ob sie aus Risikogesichtspunkten und aufgrund der inversen Zinsstrukturkurve in diesem Jahr mit einer Anlage am Geldmarkt besser fahren und einen höheren Zins verdienen können als mit einem Multi-Asset-Portfolio. Für mich ist es daher nachvollziehbar, dass die Kunden auf das Zinsniveau insgesamt schauen.

Nicht wenige Anleger rechnen damit, dass wir im September die letzte Zinserhöhung der EZB gesehen haben und dass es bald schon wieder runtergehen könnte. Sehen Sie das ähnlich?

Windischbauer: Beim Thema Zinserhöhungen herrscht in den Märkten tatsächlich noch leichte Uneinigkeit. Ich gehe davon aus, dass wir sowohl in den USA als auch in der Eurozone nahe am Zinshoch sind bzw. es schon gesehen haben. Der interessantere Aspekt ist jedoch vielmehr, dass die Märkte ab Mitte 2024 schon von ersten Zinssenkungen im Euroraum und in den USA ausgehen. Das könnte tatsächlich noch etwas verfrüht sein. Entsprechende Unsicherheit kann man derzeit an den Anleihenmärkten beobachten.

Die Notenbanker übrigens selbst auch nicht. Fed-Chef Jerome Powell hat bereits angekündigt, nicht zu früh auf die Bremse zu treten, um nicht in noch größere Schwierigkeiten zu geraten.

Windischbauer: Die Zentralbanken haben natürlich Sorge, dass sie Politikfehler begehen. Schließlich ist die Wirtschaft noch relativ robust. Gerade in den USA wurde vor allem aufgrund des starken Konsums das Soft-Landing der Wirtschaft immer weiter nach hinten verschoben – und damit auch die Fantasie niedrigerer Leitzinsen.

Immer wieder wird auch darüber diskutiert, verstärkt auf illiquide Assetklassen zu setzen. Eine Option auch für Multi-Asset-Fonds?

Windischbauer: Es ist auf jeden Fall eine Möglichkeit im Multi-Asset-Kontext, auch um den großen Vorteil der Diversifizierung des Portfolios noch stärker nutzen zu können. Illiquide Assetklassen sind ein interessantes Thema und werden auch von den Kunden nachgefragt. Aber die Erfahrung ist, dass illiquide Assets eher eine Beimischung sind, oder dass Kunden sich für ein separiertes Portfolio entscheiden, um in illiquiden Assets anzulegen. Im aktuellen Umfeld ist daher die Frage interessant: Wie wirkt sich das gestiegene Zinsniveau auf die Preisfindung von liquiden Assets aus? Die Anlagen kamen bereits in der Phasen der Niedrigzinsanlagen als alternative Investments für die Kunden sehr stark in den Fokus. Sie sehen, es bleibt also spannend im Segment Multi Asset.

Interview: Frank O. Milewski, Cash.

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