Der Ölmarkt zeigt sich von der koordinierten Freigabe strategischer Ölvorräte unbeeindruckt. Die Ölpreise sind heute Morgen (12. März) vorübergehend wieder über 100 US-Dollar gestiegen, aber die Marktaktivitäten sind bislang ruhiger als während des Panikhandels am Montag.
Es gibt nach wie vor keine nennenswerten Schäden an der Infrastruktur, und die militärische Bedrohung durch den Iran scheint nachzulassen, aber der Stau von Tankern und der Mangel an Lagerkapazitäten zwingen die Produzenten im Nahen Osten zu Produktionsstopps. In den letzten Stunden scheinen die Angriffe auf im Persischen Golf vor Anker liegende Schiffe teilweise zugenommen zu haben, was wahrscheinlich zu Befürchtungen hinsichtlich einer länger anhaltenden Handelsblockade, längerer Produktionsstillstände und ausgeprägterer Versorgungsunterbrechungen geführt hat.
Die Märkte scheinen sich irgendwo zwischen unserem Basisszenario und unserem Bear-Case-Szenario zu bewegen. Im erstgenannten und wahrscheinlicheren Szenario gehen wir davon aus, dass die Produktionsausfälle Ende dieser Woche ihren Höhepunkt erreichen und sich dann gegen Ende des Monats allmählich normalisieren werden. Die erwarteten Versorgungsengpässe würden durch die versprochenen Freigaben aus den Lagerbeständen mehr als ausgeglichen werden.
Daher dürfte der Konflikt im Nahen Osten zumindest in den Ländern, die über gut ausgebaute und entwickelte Energieinfrastrukturen verfügen, nicht zu erheblichen Defiziten führen. Die heutigen Ölpreise scheinen weitgehend die Unsicherheit der Lage widerzuspiegeln und beinhalten eine hohe Risikoprämie, die zu den bereits in den Preisen enthaltenen höheren Logistikkosten hinzukommt. Die Preise müssten nur dann Anreize für ein Angebotswachstum oder eine Nachfragereduzierung schaffen, wenn der Konflikt zu erheblichen und dauerhaften Schäden an der Infrastruktur führt.
Daher werden die Freigaben aus den strategischen Reserven zu Recht als beruhigende Botschaft interpretiert, als eine Art homöopathisches Beruhigungsmittel, das die Symptome lindert. Nachdem wir unsere Einschätzung der Shut-in-Dynamik aktualisiert und die Wahrscheinlichkeitsverteilung unserer Basis- und Bear-Case-Szenarien integriert haben, heben wir unser Dreimonats-Kursziel auf 67,5 US-Dollar an. Angesichts der Ungewissheit des Kriegsverlaufs bekräftigen wir unsere neutrale Einschätzung. Neben den offensichtlichen militärischen Risiken im Nahen Osten könnten politische Eingriffe wie Handelsbeschränkungen den Anstieg der Energiepreise verstärken und verlängern.
Autor Norbert Rücker ist Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär.












