Pflege reformieren: PKV-Verband legt Sofortprogramm mit fünf Maßnahmen vor

Aktenordner mit der Beschriftung Pflegegesetz
Foto: Smarterpix/Zerbor
Die Pflege in Deutschland steht unter zunehmendem Druck.

Prävention gilt als Schlüssel, um Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern und das Pflegesystem zu stabilisieren. Der PKV-Verband legt nun ein Sofortprogramm mit fünf Maßnahmen vor, die ohne lange Vorlaufzeiten umsetzbar sind. Sie zielen darauf, bestehende Strukturen besser zu nutzen und Prävention wirksam in der Pflege zu verankern.

Die Pflege in Deutschland steht unter zunehmendem Druck. Mit der steigenden Lebenserwartung wächst auch die Zahl der Menschen, die dauerhaft auf Unterstützung angewiesen sind. Gleichzeitig geraten Finanzierung und personelle Ausstattung der Pflege an ihre Grenzen. Vor diesem Hintergrund rückt Prävention stärker in den Fokus der politischen Debatte, weil sie dazu beitragen kann, Pflegebedürftigkeit zu vermeiden oder zumindest zeitlich hinauszuzögern.

Im Rahmen der an den Zukunftspakt Pflege anschließenden Reformdiskussionen hat der PKV-Verband ein Sofortprogramm vorgelegt, das fünf konkrete Maßnahmen umfasst. Sie sollen dazu beitragen, Gesundheitsförderung und Prävention wirksamer in den Leistungen der Pflegeversicherung zu verankern. Anders als langfristig angelegte Strukturreformen zielen die Vorschläge auf kurzfristig realisierbare Veränderungen innerhalb bestehender gesetzlicher und organisatorischer Rahmenbedingungen.


Das könnte Sie auch interessieren:

„Viele der Maßnahmen werden aber Zeit brauchen, bis sie ihre Wirkung entfalten – Zeit, die wir nicht haben“, so Dr. Timm Genett, Geschäftsführer Politik im PKV-Verband. „In den kommenden Jahren steigt der Pflege- und Behandlungsbedarf infolge der Alterung massiv. Deshalb haben wir fünf Maßnahmen zusammengefasst, die schnell umsetzbar sind, um Prävention und Gesundheitsförderung in der Pflege wirksam zu stärken.“

Pflegegrad 1 stärker präventiv ausrichten

Ein zentraler Baustein des Sofortprogramms ist die Neuausrichtung des Pflegegrades 1. Dieser wurde ursprünglich eingeführt, um frühzeitig auf beginnende Einschränkungen zu reagieren und Pflegebedürftigkeit entgegenzuwirken. In der Praxis werde dieses Potenzial jedoch bislang nicht ausgeschöpft. Häufig stünden finanzielle Entlastungen, etwa für hauswirtschaftliche Unterstützung, im Vordergrund.

Der PKV-Verband empfiehlt daher, den Pflegegrad 1 konsequent auf Gesundheitsförderung und Prävention auszurichten. Der Fokus solle stärker auf individueller Beratung, Pflegekursen, Hilfsmitteln sowie Maßnahmen zur Verbesserung des Wohnumfelds liegen. Ziel sei es, Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten und pflegebedingte Risiken frühzeitig zu reduzieren. Gleichzeitig könnten durch den Verzicht auf rein monetäre Leistungen Mittel freiwerden, die gezielt in präventiv wirksame Angebote investiert werden.

Eng damit verknüpft ist die Forderung nach einem nahtlosen Übergang von der Pflegebegutachtung zur Pflegeberatung. Bereits im Rahmen der Begutachtung werden umfangreiche Informationen zu Einschränkungen, Ressourcen und Unterstützungsbedarfen erhoben. Diese Daten könnten nach Auffassung des Verbands besser genutzt werden, um Pflegebedürftige unmittelbar in eine passgenaue Beratung zu überführen.

Pflegeberatung verbindlicher und zielgerichteter gestalten

Nach der Begutachtung sollten Pflegebedürftige möglichst schnell in eine individuelle Beratung geleitet werden, die präventive Aspekte systematisch berücksichtigt. Der PKV-Verband plädiert dafür, Pflegeberatung stärker als Casemanagement zu verstehen. Ziel ist es, Leistungen nicht nur zu erläutern, sondern Pflegebedürftige und ihre Angehörigen aktiv bei der Organisation und Koordination geeigneter Unterstützungsangebote zu begleiten.

Um dieses Ziel zu erreichen, fordert der Verband verbindliche Standards in der Pflegeberatung. Dazu gehört der Einsatz anerkannter Assessments zur Ermittlung des individuellen Präventionsbedarfs ebenso wie eine verpflichtende präventive Pflegeberatung bei Laienpflege. Insbesondere pflegende An- und Zugehörige sollen stärker in den Blick genommen und in ihrer Rolle unterstützt werden, um Überlastungen vorzubeugen und die Stabilität häuslicher Pflegearrangements zu sichern.

Die zusätzliche Beratungsleistung ließe sich nach Einschätzung des PKV-Verbands aus Einsparungen im Pflegegrad 1 refinanzieren. Auf diese Weise könnten präventive Elemente gestärkt werden, ohne die Pflegeversicherung zusätzlich zu belasten.

Qualitätsprüfungen als Treiber für Prävention nutzen

Ein weiterer Ansatzpunkt des Sofortprogramms sind die Qualitätsprüfungen in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen. Diese sollten nach Auffassung des PKV-Verbands nicht nur der Kontrolle dienen, sondern stärker als Instrument der Gesundheitsförderung und Prävention genutzt werden.

Prüfdienste könnten Prävention systematisch in ihre Bewertungen einbeziehen, auf bestehende Defizite hinweisen und konkrete Handlungsempfehlungen geben. Durch den beratungsorientierten Ansatz der Qualitätsprüfungen ließen sich gute Praxisbeispiele identifizieren und weiterverbreiten. Damit könnten Qualitätsprüfungen einen Beitrag leisten, gesundheitsfördernde Strukturen in Pflegeeinrichtungen zu verankern und weiterzuentwickeln.

Besonderen Handlungsbedarf sieht der Verband im ambulanten Bereich. Da der überwiegende Teil der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt wird, sei es dort besonders wichtig, Pflegeverschlechterungen frühzeitig entgegenzuwirken und präventive Maßnahmen systematisch einzusetzen.

Digitale Angebote für flächendeckende Umsetzung

Als fünfte Maßnahme setzt das Sofortprogramm auf den Ausbau digitaler Schulungs- und Beratungsangebote. Prävention in Pflegeeinrichtungen soll durch eine digitale Infrastruktur flankiert werden, um Standards gesundheitsförderlicher Organisationsentwicklung schneller und bundesweit umzusetzen.

Digitale Formate könnten Beratung, Schulung, Vernetzung und Projektmanagement unterstützen und damit insbesondere Einrichtungen entlasten, die unter hohem Zeit- und Personaldruck stehen. Perspektivisch sollen solche Angebote nicht nur in der stationären, sondern auch in der ambulanten Pflege genutzt werden.

Die Vorschläge des PKV-Verbands basieren auf der Expertise seiner Tochterunternehmen Medicproof, compass private pflegeberatung und Careproof sowie der unabhängigen Stiftung ZQP – Zentrum für Qualität in der Pflege. Sie sollen kurzfristig Impulse setzen, um Prävention in der Pflege nicht nur konzeptionell, sondern auch praktisch zu stärken und das Pflegesystem spürbar zu entlasten.

Weitere Artikel
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Comments
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen