Quality Investing steht derzeit wieder stärker in der Kritik, da frühere Marktführer an Dynamik verlieren und Investoren die Relevanz hinterfragen. Qualität bleibt jedoch ein wichtiger Ansatz, muss aber selektiv angewendet werden. Wahre Qualität liegt jenseits von Branchenbezeichnungen und rückblickenden Kennzahlen und erfordert eine sorgfältige Titelauswahl, Aufmerksamkeit für marginale Kapitalrenditen sowie eine disziplinierte Bewertung in einem sich wandelnden wirtschaftlichen Umfeld.
Nach der globalen Finanzkrise waren Investoren mehr als ein Jahrzehnt lang damit zufrieden, „Qualität“ zu fast jedem Preis zu halten. Kapital floss kontinuierlich in die Bereiche Basiskonsumgüter, Gesundheitswesen und Software, von denen man annahm, dass sie Widerstandsfähigkeit, Preissetzungsmacht und dauerhaftes Wachstum bieten. In den letzten drei bis fünf Jahren wurde diese Annahme jedoch zunehmend in Frage gestellt.
Frühere Favoriten unter den Qualitätsaktien, zunächst Basiskonsumgüter und Gesundheitswerte, zuletzt aber auch Software- und Informationsdienstleister, schneiden nicht nur gegenüber technologiegetriebenem Wachstum, sondern auch gegenüber traditionell wertorientierten Sektoren wie Banken, Bergbauunternehmen und Halbleiterfirmen zunehmend schlechter ab. Infolgedessen hinterfragen Investoren, ob es überhaupt noch notwendig ist, ein Engagement in Qualitätsaktien aufrechtzuerhalten.

Wir sind weiterhin überzeugt, dass Qualität ins Zentrum jedes langfristigen Anlageportfolios gehört. Es ist unerlässlich, Unternehmen mit dauerhaften Wettbewerbsvorteilen, langfristigem Wertpotenzial, Preissetzungsmacht, Widerstandsfähigkeit dank einer geringen operativen Hebelwirkung sowie starken Bilanzen zu besitzen. Ebenso wichtig ist das langfristige Wertsteigerungspotenzial durch Reinvestition, das sich in der Fähigkeit widerspiegelt, Kapital fortlaufend zu hohen marginalen Kapitalrenditen reinvestieren zu können. Zusammen sollten diese Eigenschaften mittelfristig bis langfristig zu starken Aktionärsrenditen bei begrenzter Volatilität führen. Ein Barbell-Ansatz, der sich ausschließlich auf die Extreme von hoch bewerteten Wachstumswerten und stark unterbewerteten Value-Titeln konzentriert, ist riskant und kann in bestimmten Phasen des Zyklus zu ausgeprägter Volatilität führen.

Ben Leyland (Foto: JO Hambro)
Der Unterschied liegt für uns jedoch darin, wo Investoren diese Eigenschaften finden können. Sie sind nicht das ausschließliche Privileg einiger weniger Sektoren, sondern lassen sich über ein deutlich breiteres Spektrum von Unternehmen hinweg finden – vorausgesetzt, die Titelauswahl ist ausreichend selektiv.
Kein Sektor ist so homogen, dass alle darin enthaltenen Unternehmen diese Eigenschaften im gleichen Maße aufweisen. Entsprechend sollte der Fokus eher auf der Auswahl einzelner Aktien als auf der Sektorallokation liegen. Es ist ebenso irreführend zu behaupten, alle Hersteller von Basiskonsumgütern seien von hoher Qualität, wie zu argumentieren, alle Banken seien von niedriger Qualität.
Anleger, die nach „Qualität“ suchen, neigen oft dazu, einfache, leicht zu filternde und rückwärtsgerichtete Kennzahlen – etwa die Rendite auf das investierte Kapital (ROIC) – mit einem echten Verständnis für die Dauerhaftigkeit der Wettbewerbsposition eines Unternehmens gleichzusetzen. Letzteres ist jedoch naturgemäß komplex und in hohem Maße qualitativer Natur. Die Kapitalrendite ist bestenfalls ein Indikator für Qualität: Sie liefert Hinweise, aber niemals Beweise dafür, welche Unternehmen wirklich über Preissetzungsmacht, Wettbewerbsvorteile und die Fähigkeit verfügen, über die Zeit hinweg Wertzuwächse zu kumulieren. Wir würden zudem argumentieren, dass Richtung und Tempo der Veränderung der Kapitalrendite eines Unternehmens ebenso wichtig sind wie ihr zuletzt ausgewiesenes Niveau. Anders ausgedrückt: Marginale Kapitalrenditen können genauso wichtig sein wie historische.

Gleichzeitig befindet sich die Welt in stetigem Wandel, und Investoren müssen aufmerksam verfolgen, wie sich Qualität über lange Zyklen hinweg stärken oder auch verschlechtern kann. Zwar haben höhere Inflation und KI-getriebene technologische Umbrüche zu einer stärkeren Überprüfung der Preissetzungsmacht und des langfristigen Wertpotenzials bestimmter Basiskonsumgüter- und Softwareunternehmen geführt. Das stellt jedoch das grundlegende Prinzip nicht infrage, dass Preissetzungsmacht und langfristige Wertbeständigkeit zentrale Bestandteile eines robusten Investmentportfolios bleiben.
Abschließend ist die Bedeutung von Bewertungsdisziplin hervorzuheben. Qualitätsmerkmale sind keine Garantie für eine hervorragende Aktionärsrendite. Sie können zwar das Vertrauen in die Nachhaltigkeit der Fähigkeit eines Unternehmens stärken, Cashflows zu generieren oder seine Gewinne zu steigern, doch langfristig ist ein überbewerteter Vermögenswert nie ein gutes Investment. Der Markt beginnt zu erkennen, dass „Qualität um jeden Preis” genauso problematisch sein kann wie Deep-Value- oder aggressive Wachstumsinvestitionen. Qualitätsmerkmale müssen daher selektiver angewendet und – im Zuge von Marktrotationen – durch zyklische Chancen und Restrukturierungsmöglichkeiten ergänzt werden. Dies ist nicht der Zeitpunkt, um auf Qualität zu verzichten. Es ist vielmehr der Moment, um alte Faustregeln zu hinterfragen, überholte Narrative zu überprüfen und einen frischen Blick darauf zu werfen, was Qualität wirklich bedeutet und wo sie zu finden ist.
Autor Ben Leyland ist Senior Fund Manager bei J O Hambro.












