Silber erreicht einen Rekordpreis. US-Dollar und die Renditen von US-Anleihen allein können die Preisentwicklung nicht erklären. Die Marktdynamik dürfte zumindest bis zu den chinesischen Neujahrsfeiertagen stark bleiben, analysiert Carsten Menke, Head Next Generation Research bei Julius Bär:
Der Silberpreis ist dreistellig: Ende letzter Woche stieg er auf über 100 US-Dollar pro Unze. Bei der Überprüfung der üblichen Verdächtigen waren der US-Dollar und die Renditen von US-Anleihen im Laufe der Woche etwas schwächer, aber das Ausmaß der Bewegungen erklärt nicht die 15-prozentige Preisentwicklung von Silber. Während die Grönland-Saga und die damit verbundenen Befürchtungen einer weiteren geopolitischen Eskalation die Preise zu Beginn der Woche in die Höhe getrieben haben, weigerte sich der Silbermarkt, auf die Deeskalation zu reagieren.
Unserer Ansicht nach spiegeln die Preise nicht mehr den Wert des Metalls wider, sondern vielmehr die Zahlungsbereitschaft derjenigen, die es horten. Angesichts der geringen Größe des Silbermarktes ist nicht viel Geld nötig, um die Preise zu bewegen. Wir sehen nach wie vor eher Kapitalflüsse als Fundamentaldaten als treibende Kraft.
In vielen Schwellenländern wächst das Interesse der Anleger an Silber – die Türkei ist ein typisches Beispiel. Das seit Jahresbeginn an der Istanbuler Börse gehandelte Volumen ist etwa anderthalb Mal so hoch wie im Vorjahresdurchschnitt. Wie lange kann dieses Volumen anhalten, und wie hoch können die Preise steigen?
Chinesische Händler werden Mitte Februar in die Neujahrsferien gehen, und die Börsen werden für zwei Wochen geschlossen sein. Dies könnte zu einem wichtigen Test für den Silbermarkt werden und zeigen, wie stark chinesische Händler den Markt beeinflusst haben.
Bis dahin dürfte die Marktdynamik stark bleiben. Runde Zahlen dürften die nächsten Zielschwellen sein, was bedeutet, dass die technische Analyse ein weitaus geeigneteres Instrument zur Beurteilung des Silbermarktes ist als die Fundamentalanalyse. Es gibt keinen fundamentalen Faktor, der einen Preisanstieg auf 125 oder 150 US-Dollar pro Unze verhindern würde. Zwar wird es irgendwann zu einem Nachfragerückgang kommen, doch nicht sofort. Industrielle Käufer werden nach Alternativen suchen – wie bereits von einigen chinesischen Solarmodulherstellern angekündigt – und preisbewusste Schmuckkäufer werden sich zurückhalten.
Wer von der Rekordrallye profitiert, sollte sich diese Faktoren bewusst machen. Der einzige fundamentale Faktor, der unserer Meinung nach die heutigen hohen Preisniveaus rechtfertigen würde, ist eine länger anhaltende Abwertung des US-Dollars und ein breiterer Vertrauensverlust in den Greenback als Weltreservewährung. Wir sind zwar pessimistisch gegenüber dem US-Dollar, halten solche Szenarien jedoch nach wie vor für unwahrscheinlich.











