Warum Beratung gefragt bleibt – und wo Kunden heute selbst investieren wollen

Beratung
Foto: KI-generiertes Symbolbild
Beratung bleibt für viele Anleger ein relevanter Rendite- und Orientierungsfaktor.

Inflation, Zinsen, Konjunkturzyklen und KI verändern die Spielregeln für Anleger – und damit auch die Erwartungen an Berater. Eine Studie zeigt, wo Beratung Vertrauen schafft und wo digitale Tools Druck machen.

Die Unsicherheit an den Finanzmärkten ist für viele Marktteilnehmer zum Dauerzustand geworden. Nach zwei Jahrzehnten niedriger Inflation und Zinsen sowie langen Wachstumszyklen prägen inzwischen volatilere Preisentwicklungen und kürzere, häufigere Konjunkturphasen das Umfeld. Für die Vermögensallokation bedeutet das: Diversifizierung wird anspruchsvoller, Portfolios müssen häufiger überprüft und angepasst werden.

Vor diesem Hintergrund nimmt ein Bericht von Wellington Management die Perspektive von Wealth-Management-Beratern und vermögenden Privatanlegern in Deutschland in den Blick. Grundlage ist eine quantitative Studie, die Phronesis Partners im Oktober 2025 im Auftrag von Wellington Management durchgeführt hat. Befragt wurden 303 Vermögensberater sowie 306 vermögende Anleger in Deutschland. Zusätzlich floss eine Erhebung unter 211 vermögenden Anlegern im Alter von 25 bis 35 Jahren mit einem Mindesteinkommen von 75.000 Euro ein.

Ein zentrales Ergebnis: Beratung bleibt für viele Anleger ein relevanter Rendite- und Orientierungsfaktor. Vier Fünftel der befragten Anleger sind der Meinung, mit Unterstützung eines Beraters höhere Portfolioerträge zu erzielen, als wenn sie allein investieren würden. 72 Prozent nutzen den Berater für Finanzinformationen, und 30 Prozent sehen ihn als vertrauenswürdigste Quelle. Zugleich zeigen die Daten, dass Kunden heute stärker abwägen, welche Leistungen sie extern einkaufen und welche Aufgaben sie selbst übernehmen.


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Die Beziehung zwischen Beratern und Kunden wird überwiegend positiv bewertet. 92 Prozent der Anleger geben an, dass sie gerne mit ihrem Berater über Anlagen sprechen. Auf Beraterseite sagen 88 Prozent, der Kundenkontakt sei der Teil ihrer Arbeit, den sie am meisten schätzen. Auch beim Preis-Leistungs-Verhältnis fällt das Urteil häufig zugunsten professioneller Unterstützung aus: Zwei Drittel der Anleger halten die Gebühren langfristig für angemessen.

Gleichzeitig wächst die Bereitschaft, Verantwortung zu verlagern. Auf die Frage, ob sie bei einem heutigen Einstieg in die Geldanlage wieder mit einem Berater arbeiten würden, antworten 13 Prozent, sie wollten ihr gesamtes Portfolio selbst verwalten. Weitere 34 Prozent würden zwar grundsätzlich an der Zusammenarbeit festhalten, aber mehr Aufgaben selbst übernehmen. Als Motive nennen Anleger vor allem die Vermeidung von Gebühren sowie den Eindruck, dass sich Investments mit digitalen Tools leichter steuern lassen.

Für Berater verschärft das den Wettbewerb um Aufmerksamkeit. 63 Prozent nennen die Kundenakquise als Herausforderung. Ein Viertel empfindet es zudem als schwierig, realistische Erwartungen an Finanzberatung zu vermitteln. Gleichzeitig sieht nur eine Minderheit digitale Plattformen als unmittelbare Konkurrenz: 13 Prozent der Berater bewerten dies als Problem. Die Studie legt nahe, dass Anleger Vertrauen vor allem dort aufbauen, wo Berater Bedürfnisse verstehen und die Zusammenarbeit unkompliziert ist: 52 Prozent nennen das gezeigte Verständnis als Auswahlgrund, 41 Prozent die einfache tägliche Interaktion.

Sorgen um Qualität und Datenschutz

Künstliche Intelligenz beeinflusst nicht nur, wie Anleger investieren, sondern auch, wie Beratung organisiert wird. 91 Prozent der befragten Berater nutzen KI-Tools in ihren täglichen Geschäftsaktivitäten. Besonders verbreitet ist der Einsatz für Research und Analyse (64 Prozent), für Notizen und Besprechungszusammenfassungen (52 Prozent) sowie für Datenvisualisierung (42 Prozent). Auf Anlegerseite geben 30 Prozent an, bereits KI-Tools für die Anlageplanung zu verwenden.

Der wichtigste Nutzen aus Sicht der Berater ist der Zeitgewinn: 92 Prozent sagen, KI spare Zeit, die sie dann für Kunden nutzen können. Das ist auch deshalb relevant, weil Berater laut Studie nur rund ein Drittel ihrer Zeit für aktive Kundenbetreuung verwenden. Bei durchschnittlich 70 Kunden pro Berater entspreche das 8,6 Stunden pro Kunde und Jahr.

Dem stehen deutliche Vorbehalte gegenüber. 72 Prozent der Berater sorgen sich um ungenaue oder unzuverlässige Ergebnisse sowie Verzerrungen. 61 Prozent nennen Datenschutz- und Sicherheitsrisiken, 40 Prozent mangelnde Transparenz darüber, wie Empfehlungen entstehen. Dennoch bleibt die Sorge, vollständig ersetzt zu werden, begrenzt: Jeder zehnte Berater befürchtet, KI könnte die eigene Rolle komplett übernehmen. Der Bericht betont, dass KI vor allem dann als Fortschritt gesehen wird, wenn sie umsichtig und unter menschlicher Aufsicht eingesetzt wird.

Offen für Beratung bei Bedarf

Besonders deutlich zeigt sich der Strukturwandel beim Blick auf die nächste Anlegergeneration. In der Zusatzbefragung unter 25- bis 35-Jährigen geben 55 Prozent an, monatlich in Sparpläne einzuzahlen. Gleichzeitig nutzen 69 Prozent Mobile-Banking-Apps und 56 Prozent Investment-Apps. Nur 42 Prozent greifen auf Berater oder Vermögensverwalter zurück.

Bei Finanzinformationen dominiert der digitale Zugriff: 42 Prozent nutzen eine allgemeine Internetsuche, 34 Prozent KI-Tools, 27 Prozent professionelle Berater. Soziale Medien sind die wichtigste Quelle für Anlageideen (52 Prozent), gefolgt von Online-Foren und Investment-Apps. Trotz hoher Eigenständigkeit signalisiert etwa die Hälfte der jungen Anleger grundsätzlich Beratungsbereitschaft: 18 Prozent halten es für „sehr wahrscheinlich“, künftig einen Berater zu nutzen, 32 Prozent für „recht wahrscheinlich“. Als Gründe nennen sie vor allem langfristige Begleitung sowie Unterstützung bei Finanzplanung über das reine Investieren hinaus.

Zugleich bleibt Liquidität ein emotionales Thema. Viele junge Anleger halten an Bareinlagen fest; 67 Prozent verbinden damit Sicherheit, 60 Prozent nennen Notfälle als Grund und 58 Prozent den einfachen Zugriff. Für Berater ergibt sich daraus laut Studie die Aufgabe, Liquiditätsbedürfnisse mit langfristigen Renditezielen in Einklang zu bringen – und dabei digitale Erwartungen an Zugänglichkeit, Klarheit und Transparenz zu erfüllen.

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