EXKLUSIV

Warum Lebensphasen für Anleger wichtiger sind als Marktzyklen

Foto: Team Uwe Noelke
Swen Köster, Moventum

Nachrichten aus Politik und Wirtschaft bewegen Märkte – und verunsichern Anleger. Für den langfristigen Vermögensaufbau zur Altersvorsorge ist jedoch nicht der Blick auf Marktzyklen entscheidend, sondern die eigene Lebenssituation. Wer strategisch plant, denkt in Lebensphasen statt in Schlagzeilen.

Gründe zu handeln, scheint es täglich zu geben. Die geopolitische Lage verunsichert Investoren und kann schnell dazu verleiten, im Depot umzuschichten. Doch beim langfristigen Vermögensaufbau zur Altersvorsorge ist der Blick auf die eigene Lebenssituation wichtiger als Markttrends. Nicht emotionales Reagieren entscheidet über den Anlageerfolg, sondern ein strukturierter, an Lebensphasen ausgerichteter Plan.

Ist die Rally bei Gold und Silber ein Warnsignal? Liefert die Berichtssaison Anzeichen, dass es doch nicht so schnell zum befürchteten Platzen einer „KI-Blase“ kommt? Nachrichten aus Politik und Wirtschaft bewegen Börsenkurse – und Investoren. Sie wecken Furcht oder Gier und verleiten zu persönlichen Prognosen, um das eigene Portfolio bestmöglich für die jeweilige Marktphase aufzustellen. Wer sich beim Investieren von Nachrichten leiten lässt, handelt allerdings eher emotional im Hier und Jetzt statt strategisch mit Blick auf die persönliche Lebensperspektive.

Das tägliche Geschehen hallt in Medien und Gesprächen im Kollegen- oder Familienkreis wider und erzeugt ein Momentum, von dem man sich nur schwer abkoppeln kann. Wenn beispielsweise plötzlich überall zu lesen ist und alle davon reden, dass europäische Aktien in der nächsten Zeit besser laufen könnten als US-Titel, fühlt man sich leicht unter Zugzwang. Was dabei außer Acht bleibt: Ein Trend mag kurz- oder mittelfristig die Märkte dominieren, doch er nimmt keine Rücksicht auf die individuelle Lebenssituation.

Struktur schlägt Spekulation

Die Versuchung, auf jeden Marktimpuls zu reagieren, ist menschlich – aber selten zielführend. Studien belegen immer wieder, dass aktives Market-Timing, also der Versuch, günstige Ein- und Ausstiegszeitpunkte zu erwischen, in den wenigsten Fällen zum gewünschten Mehrertrag führt. Vielmehr entstehen durch häufiges Umschichten zusätzliche Kosten und oft genug wird aus Unsicherheit zum falschen Zeitpunkt verkauft oder gekauft.

Hinzu kommt: Wer ständig auf Schlagzeilen reagiert, verliert den Überblick über das große Ganze. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob man jetzt in Technologie- oder Nebenwerte investieren sollte, sondern: Passt meine Anlagestrategie noch zu meiner aktuellen Lebensphase und meinen mittelfristigen Zielen? Eine 29-jährige Berufseinsteigerin mit stabiler Einkommenssituation hat völlig andere Bedürfnisse als ein 58-jähriger Unternehmer, der in wenigen Jahren seinen Ruhestand plant. Beide können dieselben Nachrichten lesen – doch die Konsequenzen für ihr Portfolio sollten grundverschieden sein.

Eine solide Vermögensplanung richtet sich nicht nach Marktzyklen, sondern begleitet Lebensphasen. Statt auf Timing zu setzen, folgt sie strukturellen Entwicklungen. Wer den Kauf einer Immobilie plant, legt anders an als ein Investor, der im Eigenheim lebt. Wer mitten im Arbeitsleben steht, kann in der Regel mehr Risiko tolerieren als jemand im Rentenalter, bei dem die Entnahmephase, also der schrittweise Verzehr des Vermögens, bereits begonnen hat.

Vermögensaufbau, einige Jahre später ein stärkerer Fokus auf Vermögenserhalt und im Alter möglicherweise Gedanken zum Übergang von Vermögen auf die nächste Generation – ob durch Schenkungen oder Vererben. Das sind typische Phasen, die im Laufe eines Anlegerlebens durchlaufen werden. Je nach Lebensabschnitt unterscheiden sich Prioritäten und Risikotoleranzen. Doch bei allen Unwägbarkeiten gilt: Wer die Rahmenbedingungen des eigenen Lebens berücksichtigt und davon ausgehend Annahmen trifft, schafft für sich Orientierung und macht die Vermögensanlage planbar.

Planbarkeit als Wettbewerbsvorteil

Dabei geht es nicht um starre Konzepte, die einmal festgelegt werden und dann in Stein gemeißelt sind. Vielmehr braucht es regelmäßige Überprüfungen und Anpassungen – aber eben nicht als Reaktion auf Schlagzeilen, sondern als bewusste Auseinandersetzung mit veränderten Lebensumständen. Eine Beförderung mit deutlich höherem Einkommen, die Geburt eines Kindes, eine Scheidung, Erbschaft oder gesundheitliche Einschränkungen sind Ereignisse, die eine Neujustierung der Anlagestrategie erfordern.

Diese biografischen Wendepunkte lassen sich zwar nicht mit Gewissheit vorhersagen, sind aber Teil eines nachvollziehbaren Lebensverlaufs. Im Gegensatz dazu bleibt völlig unklar, wann die nächste Börsenschwankung einsetzt, wie lange eine Korrektur dauert oder welcher Sektor in den kommenden Monaten outperformen wird. Wer seine Finanzplanung auf solche Unwägbarkeiten aufbaut, gibt die Kontrolle aus der Hand und hofft auf Glück – ein riskantes Unterfangen bei Entscheidungen, die über Jahrzehnte hinweg Bestand haben müssen.

So lebensnah und relevant dieser Ansatz ist, wird er doch systematisch unterschätzt. Denn die eigene Lebenssituation erzeugt in der Regel keine Schlagzeilen. Ein Leben nimmt meist eher still und langsam seinen individuellen Lauf, während eine Nachricht schnell und laut den ganzen Kapitalmarkt in Aufregung versetzen kann. Das macht eine an den Lebensphasen ausgerichtete Vermögensplanung nicht immer einfach. Natürlich darf man die Welt- und Marktlage nicht ausblenden, schließlich ist etwa im Alter eine gewisse Absicherung gegen tiefe Einbrüche an den Aktienmärkten ratsam. Sinnvoll ist aber, den Fokus ein gutes Stück weg von einer rein zyklischen Sichtweise und stärker auf die eigenen Lebenslinien zu verlagern. Eine erfolgreiche Vermögensplanung verbindet beides.

Die Balance finden

Der Königsweg liegt also in der Verbindung beider Perspektiven: Eine klare, an Lebenszielen ausgerichtete Grundstrategie bildet das Fundament. Sie definiert Anlagehorizont, Risikotragfähigkeit und die gewünschte Vermögensaufteilung. Innerhalb dieses Rahmens können dann durchaus taktische Anpassungen vorgenommen werden, die aktuelle Marktentwicklungen berücksichtigen – solange diese nicht die Gesamtausrichtung gefährden.

Wer diesen Weg konsequent geht, gewinnt nicht nur an finanzieller Stabilität: Denn statt täglich das Depot zu checken und sich von jeder neuen Nachricht verunsichern zu lassen, entsteht Vertrauen in einen durchdachten Plan. Das bedeutet nicht, gleichgültig gegenüber Marktentwicklungen zu sein, sondern eine gesunde Distanz zum täglichen Rauschen zu haben. Am Ende zählt, ob die persönlichen Ziele erreicht wurden – und das gelingt mit einem biografisch fundierten Ansatz deutlich zuverlässiger als mit opportunistischem Aktionismus.

Autor Swen Köster ist Head of Sales Asset Management Solutions bei Moventum.

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