EXKLUSIV

Wertpapierdepots in Deutschland: Wachstum ohne Volumen

Foto: Team Uwe Noelke
Swen Köster, Moventum

Immer mehr Menschen in Deutschland eröffnen ein Wertpapierdepot. Doch die steigende Zahl allein sagt wenig über den tatsächlichen Vermögensaufbau aus. Entscheidend ist, ob aus dem Einstieg auch eine tragfähige Anlagestrategie wird.

Die aktuellen Zahlen zum Wachstum von Wertpapierdepots in Deutschland zeigen eine klare Entwicklung: Der Zugang zum Kapitalmarkt wird breiter, digitaler und niedrigschwelliger. Das ist sehr zu begrüßen. Mehr Menschen beschäftigen sich mit Geldanlage, mehr Menschen investieren. Diese Entwicklung stärkt langfristig die private Vermögensbildung und entlastet auch staatliche Systeme. Doch Vermögensaufbau gelingt anderenorts.

So greift der Blick auf die absolute Zahl der Depots etwas zu kurz. Sie ist eingängig, aber nur begrenzt aussagekräftig. Ende 2025 hielten private Haushalte in Deutschland 37,2 Millionen Wertpapierdepots – ein Zuwachs von 2,8 Millionen innerhalb eines Jahres. Diese Dynamik ist beachtlich, sagt aber wenig über die tatsächliche Vermögensbildung aus. Ein Depot ist zunächst nur eine Hülle. Entscheidend ist, was darin passiert: die Struktur der Anlagen, die Risikosteuerung, die Diversifikation und die langfristige Strategie. Die Zahl der neu eröffneten Depots liefert keine belastbare Aussage über Qualität, Nutzung oder Nachhaltigkeit.

Ein differenzierter Blick auf den Markt zeigt zudem ein strukturelles Ungleichgewicht: Die Institute mit den höchsten Zuwachsraten bei Depotzahlen verwalten häufig deutlich geringere Volumen pro Kunde. Sie liegen bei digitalen und stark wachstumsorientierten Anbietern durchschnittlich bei etwa 11.000 bis circa 50.000 Euro. Demgegenüber erreichen etablierte Institute deutlich höhere Werte – in einzelnen Segmenten rund 100.000 bis 120.000 Euro je Depot im Schnitt über alle Kunden. Diese Differenz ist wesentlich aussagekräftiger als reine Stückzahlen.

So weisen gerade jene Banken, die in absoluten Zahlen weniger stark wachsen, signifikant höhere Bestände auf. Während das Wertpapiergeschäft der Großbanken zuletzt lediglich um 0,1 Prozent auf 4,61 Millionen Depots zulegte, zeigt sich in anderen Segmenten ein ähnliches Bild: geringere Wachstumsraten, aber höhere Volumen pro Kunde. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck unterschiedlicher Geschäftsmodelle und Betreuungsansätze.

Das liegt zum einen daran, dass in vielen neu eröffneten Depots zunächst nur geringe Beträge investiert werden. Diese können sich über die Zeit entwickeln, bleiben jedoch häufig auf niedrigem Niveau. Zum anderen zeigt die Erfahrung, dass ein Teil dieser Depots nach einer initialen Phase kaum aktiv genutzt wird. Sie bestehen formal weiter, tragen jedoch wenig zur tatsächlichen Vermögensbildung bei. Denn woran es hier fehlt, ist Beratung. Ab einem gewissen Depotvolumen kommen Fragen auf, die ohne eine beratende Stimme kaum oder gar nicht zu lösen sind. Das betrifft nicht nur die optimale Mischung der Depots. Es geht viel weiter und stellt die Frage nach dem Ziel der Anlage in den Vordergrund, nach den Horizonten und nach Risiken. Denn so gut automatisierte Abfragen auch geworden sind: Wenn der Kunde nicht weiß, wonach er fragen muss, wird er es nicht tun.

Insofern sind hohe Depotvolumen in der Regel das Ergebnis kontinuierlicher Beratung, strukturierter Prozesse und einer langfristigen Kundenbeziehung. Sie entstehen nicht primär durch schnellen Zugang, sondern durch Planung, Disziplin und Anpassung an sich verändernde Lebenssituationen. Kunden, die in solchen Strukturen betreut werden, verfügen typischerweise über klar definierte Ziele und eine entsprechende Anlagestrategie. Sie haben einen Berater an der Seite, der dem Kunden gegenüber in der Lage ist, kurzfristige Hypes von langfristigen Trends zu unterscheiden – und der in vielen Fällen vor Fehlinvestitionen warnen kann.

Und ja, mit immer neuer Technik entstehen auch immer neue Geschäftsmodelle in der Beratung. Diese Entwicklung ist nicht neu. Seit Jahrzehnten entstehen immer wieder andere Angebotsformen: zunächst Direktbanken und Online-Broker, heute Neobroker und App-basierte Plattformen. Sie alle haben den Zugang vereinfacht und neue Kundengruppen erschlossen. Dennoch zeigt sich über die Zeit ein Muster: Trotz hoher Wachstumsraten bei den Depotzahlen ist es diesen Anbietern bislang nicht gelungen, in die Top-Ränge vorzudringen, wenn es um die verwalteten Gelder geht. Die Differenz zwischen Anzahl und Substanz bleibt bestehen, obwohl die Pioniere auf diesem Gebiet jetzt bereits 30 Jahre Zeit hatten. Dafür gibt es zwei mögliche Gründe: Anleger vertrauen den neuen Institutionen zwar ihr freies Kapital an. Doch tatsächlich wichtige, für die Alterssicherung vorgesehene Beträge legen sie immer noch zu solchen Instituten, die einen längeren Track Record haben. Der zweite Grund wäre, dass die Portfolios bei den neuen Anbietern einfach nicht genug Rendite abwerfen – was an der fehlenden Beratung liegen mag.

Das bedeutet nicht, dass digitale Plattformen keinen Beitrag leisten. Im Gegenteil: Sie senken Eintrittsbarrieren und schaffen Zugang für neue Anlegergruppen. Doch der Übergang vom Einstieg zur strukturierten Vermögensanlage ist ein kritischer Punkt. Ohne Begleitung besteht das Risiko fragmentierter Portfolios, kurzfristiger Entscheidungen und einer unzureichenden Risikosteuerung. Entscheidend sind daher die Qualität der Asset-Allokation und die Stabilität der Portfolios. Der Fokus sollte auf der Verbindung von Beratungskompetenz und professioneller Investmentplattform liegen. Berater und Kunden müssen in der Lage sein, fundierte Entscheidungen zu treffen und diese konsistent umzusetzen.

Das starke Wachstum bei digitalen Anbietern zeigt, dass der Bedarf nach einfachen Lösungen hoch ist. Gleichzeitig belegen die höheren Bestände in beratungsintensiven Segmenten, dass Qualität und Struktur weiterhin entscheidend sind, wenn es um nachhaltigen Vermögensaufbau geht. Die Zukunft liegt in der Kombination beider Welten: effizienter Zugang und fundierte Beratung. Die reine Menge an Depots ist kein belastbarer Indikator für den Erfolg. Entscheidend ist, ob sich in einem neu eröffneten Depot auch ein signifikantes und gut strukturiertes Vermögen entwickeln wird.

Autor Swen Köster ist Head of Sales Asset Management Solutions bei Moventum AM.

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