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Wohngebäude unter Druck: Warum Prävention zum Schlüssel wird

Dennis Wittkamp, Assekurata
Foto: Assekurata
Dennis Wittkamp, Assekurata: "Verbindliche Präventionsmaßnahmen sind der absolute Schlüssel, um die derzeitigen Problem bei Wohngebäude zu lösen."

Extremwetter, Baukosten und politische Pläne setzen die Wohngebäudeversicherung unter Druck. Während die Bundesregierung über eine Pflicht für Elementarschäden nachdenkt, fordern Marktteilnehmer mehr als nur neue Vorgaben. Ohne Prävention und klare Risikoteilung wird es nicht gehen. Von Silvia Fischer

Wohngebäudeversicherungen müssen in der heutigen Risikosituation laut Assekurata und Morgen & Morgen weit mehr bieten als die unverzichtbare Absicherung der Grundrisiken. So seien Elementarschutz und gleitende Neuwertversicherung essenziell. Laut Assekurata muss der Elementarschutz Überschwemmung, Rückstau, Erdbeben, Erdsenkung, Erdrutsch, Schneedruck und Lawinen absichern. Er solle entweder standardmäßig oder zumindest als einfach wählbare, transparente Option im Taif enthalten sein. Eine integrierte gleitende Neuwertversicherung brauche ausreichend hohe Anpassungsfaktoren, um im Schadenfall die Wiederherstellungskosten adäquat abzudecken.

„Idealerweise sollte der Versicherer hier proaktiv agieren und die Versicherungssumme regelmäßig an die Baukostenentwicklung anpassen“, empfiehlt Dennis Wittkamp, Senior-Analyst und Fachkoordinator für die Schaden-/Unfallversicherung bei Assekurata.

Laut Morgen & Morgen ist es auch essenziell, dass Wärmepumpen, Photovoltaik-/Solaranlagen sowie deren Ertragsausfall und grobe Fahrlässigkeit versicherbar sind. Und Wasserrohre – meist als Zusatzbaustein.

Thorsten Saal, Morgen & Morgen

„Natürlich muss aber immer der individuelle Absicherungsbedarf im Fokus stehen, das heißt, was ist Bestandteil des Hauses und muss versichert werden“, betont Thorsten Saal, Bereichsleiter Mathematik & Rating bei Morgen & Morgen. Entsprechend ist laut Assekurata der flexible und modulare Aufbau eines Tarifs wichtig, um unterschiedliche Gebäudetypen und Eigentümerbedürfnisse abzudecken. Dies könnten Bausteine mit bspw. spezifischen Leistungen für Photovoltaikanlagen, Smart-Home-Technologien oder erweiterte Assistance-Leistungen erreichen. Sehr wichtig seien auch verständlich formulierte Versicherungsbedingungen; vor allem klar kommunizierte Ausschlüsse und Obliegenheiten, um im Schadenfall Missverständnisse zu vermeiden.

„Positiv sehen wir zudem Tarife, die Präventionsmaßnahmen aktiv fördern, sei es durch Beitragsnachlässe für bestimmte Sicherungssysteme oder durch Beratungsangebote“, so Wittkamp. Auch Assistance-Leistungen mit schneller und unbürokratischer Hilfe im Schadenfall, wie ein Notfallservice oder eine Handwerkervermittlung, seien ein Mehrwert. Zunehmend relevant seien auch Leistungen, die Wiederaufbau oder Sanierung nach einem Schaden unter ökologischen Gesichtspunkten förderten, etwa durch die Kostenübernahme für energieeffiziente Materialien oder Technologien.  

Die Prämien der Wohngebäudeversicherung steigen häufig. Wie können Kunden diese vergleichen? Laut Assekurata greift ein reiner Preisvergleich zu kurz und ist wegen der vielen verschiedenen Faktoren, welche die Prämie beeinflussen, auch nur schwer sinnvoll umsetzbar. „Es ist wichtig, den Kunden zu vermitteln, dass ein niedriger Preis oft mit geringerem Schutz oder höheren Selbstbehalten einhergeht. Folglich ist eine hohe Transparenz insbesondere über prämienbeeinflussende Faktoren der Schlüssel zu einer verbesserten Vergleichbarkeit“, sagt Wittkamp. Versicherer sollten die individuellen Risikofaktoren für die Prämienkalkulation nachvollziehbar kommunizieren, wobei eine Visualisierung des individuellen Risikoprofils helfen könne, etwa über Geo-Informationssysteme. Schließlich sollten die Mechanismen der gleitenden Neuwertversicherung und die jährlichen Anpassungen des Baupreisindexes klar kommuniziert werden, um die Prämienentwicklung besser nachvollziehen zu können.

Vergleichstools unersetzlich

Saal empfiehlt ein Vergleichstool wie M&M Office, das analysiere, was der Kunde wirklich brauche und was er sich leisten könne. „Die Analyse der Leistungskriterien und Prämieninformationen, inklusive Zusatzbeiträgen für kostenpflichtige Erweiterungen, sind für die Vergleichbarkeit unersetzlich. Nur so ist die Entscheidung für das beste Preis-Leistungsverhältnis möglich“, erläutert er. Bei Bestandstarifen sei regelmäßig zu prüfen, ob man die Leistungen optimieren könne, etwa mit dem Morgen & Morgen Tarifoptimierer. Dessen objektive Analyse der Leistungsstärke bestehender Verträge im direkten Vergleich mit aktuellen Tarifen zeige direkt, ob der Vertrag den heutigen Anforderungen noch gerecht werde – oder ob eine Alternative besser wäre. Wie bewerten die Rater die von der Bundesregierung angedachte Pflicht zur Elementarschadenversicherung?

Laut Saal ist diese sinnvoll und in vielen Teilen Deutschlands aufgrund der unterschiedlichen Gefahrenzonen (HKG / ZÜRS) auch finanziell leistbar. Er schränkt jedoch ein: „Die Kosten in Hochrisikogebieten sind für viele Kunden eine Herausforderung.“ Grund für eine Verpflichtung zur Elementarschadenversicherung seien sicher haushälterische Erwägungen. In der Vergangenheit habe bei Naturkatastrophen immer der Staat unterstützen müssen, da nur etwa 57 Prozent der Wohngebäude gegen Elementarschäden versichert seien.

Wittkamp sagt: „Grundsätzlich halte ich eine Pflichtversicherung für Elementarschäden für sinnvoll, da die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Extremwetterereignissen dazu führen, dass immer mehr Menschen von ungedeckten Schäden betroffen sind beziehungsweise in Zukunft betroffen sein werden. Eine Pflichtversicherung würde das Solidarprinzip stärken und die Risikostreuung verbessern. Sie würde auch dazu beitragen, dass im Schadenfall nicht der Steuerzahler die Hauptlast trägt.“ Ein Opt-out sollte laut ihm restriktiv gehandhabt und eine aktive, schriftliche und begründete Erklärung des Eigentümers erfordern, um den gewünschten Effekt der Risikostreuung nicht zu untergraben. Außerdem sollte es nicht unwiderruflich sein und bespielsweise alle fünf Jahre überprüft und neu bestätigt werden müssen. Laut Morgen & Morgen kann die Möglichkeit, aktiv zu widersprechen, die Akzeptanz in der Bevölkerung steigern.

Vorsicht vor dem Opt-Out – umfassende Aufklärung unverzichtbar

Saal und Wittkamp betonen, dass vor der Entscheidung zum Opt-Out eine umfassende Aufklärung über die Risiken und potenziellen Folgen eines nicht versicherten Elementarschadens erfolgen muss. Springt der Staat dann im Ernstfall doch ein? „Eine andere Option die Elementarversicherung für alle bezahlbar zu machen, wäre der Kollektivgedanke, das heißt, man könnte die Prämien für Gebäude mit niedrigerem Risiko erhöhen und damit die teuren Risiken subventionieren“, so Saal. Präventionsmaßnahmen seien sinnvoll, eine Kostenbeteiligung der Versicherer aber nicht umsetzbar, der Kunde müsse in „Vorleistung“ gehen. Versicherer könnten dies dann bei der Prämiensetzung berücksichtigen. Für Wittkamp sind verbindliche Präventionsmaßnahmen der „absolute Schlüssel“, um die derzeitigen Probleme bei Wohngebäude zu lösen.

Im Fokus stehen laut Saal und Wittkamp Maßnahmen zum Hochwasserschutz. Bei außergewöhnlichen Katastrophen befürwortet Wittkamp eine Zusammenarbeit zwischen Staat und Versicherungswirtschaft, bspw. über eine Rückversicherung, bei der beide Seiten das Risiko gemeinsam tragen. „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine umfassende Strategie, die aus Pflichtversicherung, konsequenter Prävention und einer intelligenten Risikoteilung besteht, der einzige Weg ist, um die Herausforderungen der Elementarschäden in der Wohngebäudeversicherung nachhaltig zu meistern“, so der Experte der Assekurata.

Lesen Sie hier, wie es weitergeht.

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