EXKLUSIV

Wohngebäude unter Druck: Warum Prävention zum Schlüssel wird

Die Versicherer unterstreichen dies. Daniel Schulze Lammers, Vorstandsvorsitzender der HDI Versicherung, sagt: „Wir brauchen einen ganzheitlichen Ansatz, der neben einem flächendeckenden Versicherungsschutz mit Opt-out-Möglichkeit auch verpflichtende Präventionsmaßnahmen – etwa Baustopps in Überschwemmungsgebieten und gezielte Entsiegelung von Flächen – sowie eine verlässliche öffentlich-private Partnerschaft für Extremereignisse umfasst.“ So bliebe Schutz vor Elementarschäden für alle möglich und auch in Hochrisikogebieten künftig bezahlbar.

Daniel Schulze Lammers, HDI

ALH, Allianz, die Bayerische, Domcura und Ergo fordern ebenfalls eine Kombi aus Prävention, Maßnahmen zur Klimafolgenanpassung und Versicherungsschutz, ALH und Allianz ergänzen staatliche Unterstützung in Extremfällen. Die Pflicht zur Elementarversicherung sehen die Versicherer grundsätzlich positiv, betonen aber, dass die Ausgestaltung wichtig sei und vor allem, dass es allein damit nicht getan sei. „Die Absicherung gegen Elementarschäden ist essenziell, da die Risiken durch Naturgefahren zunehmen werden“, sagt Jens Birnbaum, Abteilungsleiter Produktmanagement, Produktentwicklung Sach bei der Ergo Versicherung.  

Kai Waldmann, Vorstand der Alte Leipziger Versicherung AG, sagt: „Wir begrüßen ausdrücklich die Bestrebungen zur Einführung einer verpflichtenden Elementarschadenversicherung. Allerdings kann dies nur unter Berücksichtigung von flankierenden Maßnahmen – wie etwa der verbindlichen Regelung von Präventionsmaßnahmen oder der Teilung von hohen Risiken für Extremfälle – wirtschaftlich tragfähig und damit zukunftssicher sein“. Um unnötige Kosten für Kunden und Versicherer zu vermeiden, dürfe die Elementarschadenplicht aber keine neuen Bürokratieanforderungen mit sich bringen.

Laut HDI zeigt die Zunahme extremer Wetterereignisse, dass die Pflichtversicherung ein wichtiger Schritt zur Klimawandelanpassung und zum flächendeckenden Schutz vor existenzbedrohenden Schäden ist, sowohl für private Immobilieneigentümer als auch für Unternehmen. Entscheidend für Akzeptanz und Umsetzbarkeit bleibe aber die Ausgestaltung im Detail. Der Markt biete bereits geeignete Versicherungsprodukte, jedoch seien diese bislang nicht genug verbreitet. Jeder Einfamilienhauseigentümer sollte gegen Elementarschäden abgesichert sein, so die Bayerische. Eine Pflichtversicherung könne helfen, sei aber kein Allheilmittel. Ein rechtssicheres, transparentes und praktikables Opt-out-Modell könne ein Kompromiss zwischen kollektiver Absicherung und individueller Verantwortung sein.

Dr. Annika Obermayer, die Bayerische

Entscheidend sei aber: „Prävention darf nicht zur Randnotiz werden. Eine Pflichtversicherung darf nicht dazu führen, dass bauliche, technische oder digitale Vorsorgemaßnahmen vernachlässigt werden“, betont Dr. Annika Obermayer, Leiterin Komposit bei der Versicherungsgruppe die Bayerische. Im Gegenteil: Prävention müsse sich finanziell lohnen – etwa durch Beitragsvorteile, Förderprogramme oder konkrete Anreize für Schutzmaßnahmen wie Rückstauventile oder Leckage-Sensoren. Beim Thema staatliche Rückversicherungsmodelle sei man offen. Die Bayerische biete schon heute abhängig von der Zonierung die Wohngebäudeversicherung grundsätzlich mit Elementardeckung an. Domcura bekräftigt, dass eine Pflicht zur Elementarschadenversicherung allein die großen Herausforderungen nicht löse. Man setze seit Jahren auf eine Opt-out-Lösung, mit standardmäßig inkludierter Elementarschadenversicherung, die der Kunde abwählen könne, was aber über 85 Prozent der Versicherten nicht täten.

Man präferiere das Modell auch weiterhin. „Klar muss sein: Wer sich bewusst gegen Versicherungsschutz entscheidet, sollte im Schadenfall keine staatlichen Hilfen erwarten können“, unterstreicht Domcura-Vorstandschef Lars Fuchs. Die Allianz ist gegen eine isolierte Pflichtversicherung. Der Elementarschadenschutz solle Standardbestandteil jeder Wohngebäudeversicherung sein; bestehende Verträge sollten mit Opt-out-Möglichkeit angepasst werden. Dies könne die Versicherungsabdeckung in der Elementarschadenversicherung erheblich erhöhen. Damit eine solche Versicherung für die Hauseigentümer erschwinglich bleibe, müssten die Infrastruktur (z.B. Deiche) und das Bau- und Wasserrecht an den Klimawandel angepasst werden, z.B. durch Bauverbote. Dies plane der Bund schon länger. „Bisher sind jedoch lediglich fünf Prozent der geplanten Infrastrukturprojekte beim Hochwasserschutz abgeschlossen und weitere 16 Prozent in Planung oder im Bau – das ist zu langsam“, betont Dr. Lisa Schneeberger, Fachbereichsleiterin Private Sach-/Haftpflichtversicherungen Allianz Versicherungs-AG.

Dr. Lisa Schneeberger, Allianz

Die Realisierung dieser Maßnahmen sollte öffentlich transparent gemacht werden. Auch Bürger sollten ihre individuellen Risiken verstehen und die Risikovorsorge stärken. „Schon beim Hauskauf sollte man auf die Energieeffizienz und die Betroffenheit durch Naturgefahren achten“, rät Schneeberger. Die Allianz unterstütze ihre Kunden bei Aufklärung, Risikobewusstsein und Prävention, etwa durch ein kostenloses Tool und die Allianz Unwetterwarnung. Prävention sollte bei Neubau und Sanierung beachtet werden, etwa mit wasserdruckdichten Kellerräumen, Türen und Fenstern beim Neubau oder dem Einbau von Rückstausicherungen. Die Allianz spricht sich für eine staatlich unterstützte Rückversicherungslösung bei schweren Katastrophen mit einem Schadenvolumen von mehr als 30 Milliarden Euro aus, auch als Anreiz für den Staat, zügig in risikosenkende Maßnahmen zur Klimafolgenanpassung zu investieren.

Bestand und Neugeschäft unter

Die Versicherer analysieren in Neugeschäft und Bestand die Risiken auf Basis aktueller Daten kontinuierlich und passen Tarife und Prämien so an, dass sie individuell zugeschnitten, risikoadäquat, wettbewerbsfähig, fundiert und tragfähig sind. Die Bayerische hat PrimeHome neu aufgestellt. „Wir sind bewusst weg vom pauschalen Quadratmetermodell und hin zu einer risikoadäquaten, zukunftsfähigen Absicherung einzelner Wohngebäude gegangen“, erklärt Obermayer. Kern sei die exakte Ermittlung des 1914-Wertes als realistische Basis der Versicherungssumme. Ergänzt werde das durch einen konsequenten All-Risk-Ansatz im Verbund: Wohngebäude, Hausrat, Glas und Haftpflicht griffen nahtlos ineinander. Das reduziere Deckungslücken und vereinfache die Absicherung für Eigentümer deutlich. Neu sei zudem das Vorsorgebudget, mit dem man Prävention systematisch monetär unterstütze. Bei der neuen All-Risk-Deckung in Kombination mit umgekehrter Beweislast greife der Versicherungsschutz grundsätzlich bei allem, was nicht explizit ausgeschlossen sei – ein echter Paradigmenwechsel im Wohngebäude. In der Risikobewertung arbeite man heute mit internen und externen Datenpools, sowie bewusst integrierten Erweiterungen wie HGK und SGK.  

Schöner Wohnen

Planen die Versicherer fürs „SCHÖNER WOHNEN“ eine restriktivere Zeichnungspolitik und/oder Kündigungen im Bestand? Die ALH prüfe regelmäßig die Notwendigkeit von Anpassungen ihrer Zeichnungspolitik wie auch des Bestands. Auch Domcura überprüft das Portfolio kontinuierlich. Anpassung und individuelle Lösungen gingen dabei vor Kündigungen: „Kündigungen sind und bleiben für uns das letzte Mittel – nicht das strategische Instrument“, betont Vorstand Fuchs.

Wichtig sei, Risiken ehrlich zu bewerten und mit der korrekten Summe zu versichern, so Domcura, die Bayerische und Ergo. Die Bayerische arbeite im Bestand mit normalen, sachgerechten Sanierungsprozessen, bspw. nach Leitungswasserschäden. Die Ergo biete seit mehreren Jahren auch in Hochrisikogebieten Schutz gegen Elementarschäden. Birnbaum sagt: „Wir sehen aktuell keine Veranlassung unsere Zeichnungspolitik restriktiver zu gestalten oder uns von Bestandteilen zu trennen.“ Vertriebsprofis nennen unterschiedliche Aspekte, die eine Wohngebäudelösung attraktiv machen.

Laut Vema sollten Tarife tolerieren, dass Kunden Versicherungslaien sind. „So sollte Unterversicherungsverzicht auch dann gewährt sein, wenn sich bei den Flächenangaben kleine Fehler eingeschlichen haben sollten, ein gewisser 1914er Wert pro Quadratmeter aber nicht unterschritten wurde“, sagt Dr. Johannes Neder, Vorstandsmitglied der Vema, zuständig für Produktmanagement und Marketing.  Obliegenheitsverletzungen sollten möglichst keine Auswirkung auf die Leistung haben, ebenso grob fahrlässig herbeigeführte Schäden. Weiterhin brauche es eine zügige Schadenbearbeitung und erreichbare, kompetente Sachbearbeiter. Die Kalkulation sollte so solide sein, dass Beitragsanpassungen erklärbar und nachvollziehbar blieben. Diese Basics müsse ein Tarif bzw. ein Anbieter heute erfüllen.

Ein zeitgemäßes Wohngebäudeprodukt muss laut BCA vor allem absolut verlässlich sein. Die eigene Immobilie sei für viele Menschen Existenzgrundlage, daher sei ein umfassender Schutz,  der realen Risiken standhalte, essenziell. Dazu zählten ein vollständiger Elementarschutz, der Einschluss sämtlicher Rohrsysteme sowie die Absicherung moderner Gebäudebestandteile wie Photovoltaik, Wallboxen, Gewächshäuser und Nebengebäude. Besonders sensibel sei der Umgang mit Gebäuden mit Vorschäden. „Ein Produkt ist erst dann wirklich marktfähig, wenn es auch hier Lösungen ermöglicht, in etwa über individuelle Selbstbehalte oder Ausgleichsgeschäft, beispielsweise durch verbundene Hausratpolicen. Als Servicemanufaktur unterstützen wir Versicherungsmakler dabei mit persönlichem Support sowie modular aufgebauten, verständlichen und sauber kalkulierten Produkten, die sich präzise an die jeweilige Risikosituation anpassen lassen“, betont Bastian Roeder, Vorstand der BCA.

Ein guter Tarif müsse auch erklärbar sein und das Preis-Leistungsverhältnis nachvollziehbar. Man nutze unter anderem Vergleichsrechner von NAFI, Franke & Bornberg und Comparit. Laut Vema hat schon so mancher Kunde mit einschlägigen Vergleichsportalen teuer Lehrgeld bezahlt: „Wohl niemand käme auf die Idee, ganz allein ein Haus zu bauen, nur weil es im Baumarkt Steine gibt. Um wirklich zu verstehen, was man da abschließt, braucht es einen Vermittler, der alles erklärt“, so Neder. Roeder unterstreicht dies. Die BCA biete Maklern nicht nur Tools, wie die Vermittlerplattform DIVA und die Kunden-App „Ihr Finanzcockpit“, sondern auch persönliche Fachberater. „Erst das Zusammenspiel aus Technologie und Expertise schafft echte Beratungssicherheit und damit Vertrauen beim Kunden“, so Roeder.

„Du möchtest nicht mitmachen? Okay, aber dann ist der Schadenfall allein dein Ding.“

Dr. Johannes Neder, Vema

BCA und Vema sind nicht gegen eine Pflicht zur Elementarschadenversicherung, Roeder befürwortet bei Extremfällen auch eine gemeinsame Risikotragung von Staat und Versicherern. Eine Opt-out-Regelung sei streng zu regeln, zum Verbraucherschutz und um Vermittler haftungsrechtlich nicht zu überfordern. Auch Neder sieht das so: „Du möchtest nicht mitmachen? Okay, aber dann ist der Schadenfall allein dein Ding“. Prävention finden beide wichtig.

Dr. Johannes Neder, Vorstand Vema
Dr. Johannes Neder, Vorstand Vema

Roeder dazu: „Parallel zur finanziellen Absicherung benötigen wir verbindliche Präventionsmaßnahmen, etwa bauliche Standards und intelligente Nutzungskonzepte in Risikogebieten.“ Versicherung könne Schäden abmildern, aber verhindern ließen sie sich nur zusammen mit Prävention. In diesem Sinne: „LIVING AT HOME“!

Silvia Fischer, Finanzjournalistin & Cash.-Autorin

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