Homeoffice in Zeiten von Corona: Keine Zeit und kein Raum für Sie allein?

Foto: Verena Reinke
Mareike Fell

Corona und der „Dichtestress“ – klingelt da was bei Ihnen? Dann lesen Sie unbedingt weiter! Die Fürstenberg-Kolumne mit Mareike Fell

Na? Wie geht es Ihnen? Wo erwische ich Sie gerade? Ich möchte Ihnen heute einen Fall aus meiner Beratung* vorstellen, wie er mir am Fürstenberg Institut immer wieder begegnet:

Vor mir sitzt Frau A. Sie ist verzweifelt! Zu Beginn der Pandemie fanden sie und ihr Mann die Arbeit im Homeoffice eigentlich ganz schön: Mehr Zeit für die Kinder, mehr Zeit miteinander und sogar das Homeschooling hat gut geklappt! Mit dem aktuellen Shutdown ist aber alles anders – und sie weiß weder warum, noch was sie dagegen tun kann.

Sie erkennt sich selbst nicht wieder, schreit zu Hause ihre Kinder für jede Kleinigkeit an, was bei ihr große Schuldgefühle auslöst, mit ihrem Mann streitet sie heftig über jede Kleinigkeit. Die ganze Situation macht ihr unglaubliche Angst.

Auch körperlich geht es ihr nicht mehr gut: Sie kann nicht mehr schlafen, ist bei der Arbeit unkonzentriert, und leidet unter innerer Unruhe. Von ihrem Mann fühlt sie sich gar nicht mehr gesehen, geschweige denn wertgeschätzt. Nie hätte sie gedacht, dass sie mal da landen würden – sogar von Trennung war schon die Rede!

Ich mache Frau A. klar, dass sie nicht allein damit ist: Aktuelle Studien konnten nachweisen, dass Corona wie eine Lupe schwelende Konflikte in Beziehungen sichtbar macht. Dazu kommt der so genannte „Dichtestress“, also das Gefühl, keinen Raum und keine Zeit für sich allein zu haben, der in den Wintermonaten deutlicher zutage tritt als noch im Sommer.

Menschliche Bedürfnisse wie Sicherheit, Selbstbestimmtheit, Planbarkeit, Freiheit und Struktur sind weggebrochen und so breiten sich Ohnmacht, Angst und ein Gefühl des Ausgeliefert-seins aus. Dazu kommt, dass die Menschen zu Beginn der Pandemie die Hoffnung hatten, dass ein Ende in Sicht ist. Mittlerweile hat sich – neben Existenzängsten – Corona-Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit hinsichtlich eines nahen Endes breit gemacht.

Dies voraus geschickt schaue ich nun mit Frau A. auf ihre Beziehungsebene – denn dies ist die zentrale Achse im Familien-Mobilé. Unser Ziel: Mehr Augenhöhe, mehr Ich-Zeit für jeden, mehr Frei-Räume, im innen und außen – und wieder mehr Be-Ziehung statt Er-Ziehung.

Dafür Lasse ich sie eine große „Lösungssonne“ an das Flipchart zeichnen. In die Mitte notiert sie „mehr Raum und Zeit für mich“. Den Rest der Stunde entwickeln wir nun ganz individuelle Strategien für Frau A., die sie tun könnte, um an diese Ziele zu kommen und notieren jede Idee auf einem Strahl. So könnten sie die Wohnung zeitlich und räumlich aufteilen, so dass jeder mal für sich sein kann oder sie könnten mal zusammen mit den Kindern vor dem Fernseher Abendbrot essen. Auch in getrennten Zimmern zu schlafen findet Frau A. nach kurzem Zögern eine gute Idee. In dieser Weise kommt Frau A. auf zwölf individuelle Lösungen für sich und ihre Familie.

Bei allen Ideen gilt es, den Preis abzuwägen, den die neue Lösung im Vergleich zum Problem kostet, denn Regeln und Er-ziehung kosten Kraft! Und wenn diese Kraft nicht da ist – weg damit. Dann besser in Be-ziehung gehen, sich zeigen und damit auf Augenhöhe kommen.

Zum Ende der Stunde hat sich nicht nur der Gesichtsausdruck von Frau A. gewandelt: Sie ist nun auch wieder voller Zuversicht und Tatkraft, die Situation zu Hause entschärfen zu können. Sie freut sich schon darauf, ihrem Mann davon zu erzählen, denn, so stellt Frau A. passender Weise fest: „Wenn wir uns von allem trennen, was gerade nicht funktioniert, dann brauchen wir uns ja gar nicht wirklich zu trennen.“

Hier ein paar Tipps für die Zeit von Corona:

  • Wenn es zu Isolationszeiten kommt: Gestalten Sie diese Zeit aktiv! Machen Sie sie zu Ihrer. So werden Gefühle der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins maßgeblich reduziert.
  • Erarbeiten Sie gemeinsam Regeln für diese Ausnahmesituation: Es geht um mehr Augenhöhe, mehr Ich-Zeit und mehr Frei-Räume für jeden, im innen und außen.
  • Treten Sie zurück von dem „battle“, wem es wohl schlechter geht und den Erwartungen an Ihre*n Partner*in: Dort ist nichts zu holen – Sie sind beide am Limit.
  • Gehen Sie statt dessen in die Eigenverantwortung und sorgen Sie selbst dafür, dass Ihre Bedürfnisse erfüllt werden.
  • Um von der Er-ziehung in die Be-ziehung zu kommen hilft es manchmal, einfach die Beziehungs-Pause-Taste zu drücken. In dem Vakuum, das dadurch entsteht, wird es möglich, sich wieder mehr zu spüren und das Gegenüber wieder mehr zu sehen.
  • Genau so drücken Sie mal die Kinder-Erziehungs-Pause-Taste für alle Regeln, die Kraft kosten, durchzusetzen – keine Angst: Sie können zu gegebener Zeit einfach dahin zurück (auch, wenn Sie das dann vermutlich nicht mehr wollen werden).
  • Hängen Sie mutig alle Ideale und Vorstellungen, wie Familie zu funktionieren hat, an den Haken! Schauen Sie gemeinsam bei Pizza zum Abendbrot einen Film; essen Sie vielleicht getrennt, wenn es dort immer kracht; schlafen Sie in getrennten Schlafzimmern – egal!
  • Nutzen Sie den Segen der Digitalisierung: Wenn Sie in diesen Zeiten besser arbeiten (überleben) können, wenn die Kinder mehr Medienzeit nehmen als sonst, ist das eine gute Wahl. Als Faustformel darf gelten: Kinder ab drei Jahren können zehn Minuten Medienzeit pro Lebensjahr pro Tag nehmen – und in Ausnahmesituationen, wenn es Mutter oder Vater nicht gut geht, auch mehr. Der Preis wäre sonst zu hoch.
  • Und zögern Sie nicht, sich bei Bedarf Hilfe zu holen. Wenn zum Beispiel Angst oder Niedergestimmtheit unaushaltbar wird, wenden Sie sich an das Patiententelefon der kassenärztlichen Vereinigung (116117) oder die Telefonseelsorge (0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222). Sollten Sie akute Suizidgedanken haben, nehmen Sie sofort Kontakt mit dem Notdienst Ihrer örtlichen psychiatrischen Klinik oder dem Rettungsdienst (112) auf.

* Der Fall wurde mit dem Einverständnis der Betroffenen anonymisiert.

Autorin Mareike Fell ist systemischer Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie und ist als Beraterin und Trainerin in der externen Mitarbeiterberatung für das Fürstenberg Institut tätig. Internet: www.fuerstenberg-institut.de 

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