Auf Warp-Geschwindigkeit gehen

Ein digitaler Vorreiter ist die Finanzdienstleistungsbranche zwar auch heute noch nicht, viele Defizite konnten aber während der weltweiten Covid-19-Pandemie behoben werden. Jetzt darf die Branche nicht nachlassen.

Egal ob Versicherer, Vertriebe oder Immobilienentwickler: Die Finanzdienstleistungsbranche galt bis zum Frühjahr 2020, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade als Vorreiter der Digitalisierung. Im Gegenteil: Im Vergleich zu den jungen, frisch und quirlig auftretenden Fin- und Insurtechs wirkte sie häufig wie ein veraltetes analoges Schlachtschiff. Ein digitaler Vorreiter ist die Branche zwar auch im Frühjahr 2022 noch nicht, viele Defizite konnten aber während der weltweiten Covid-19-Pandemie behoben werden. Hört man sich heute in der Branche um, wird fast überall gelobt, wie schnell sie sich auf die neuen Bedingungen eingestellt habe. 

Der Luxemburger Portfoliomanager Muirfield Capital Global Advisors, der Versicherungsvermittlern die Möglichkeit gibt, über den Widerspruch von Lebens- oder Rentenversicherungen verloren geglaubte Erträge für ihre Klientel zurückzuholen, kooperiert mit Vermögensverwaltern, Family Offices und diversen Finanzdienstleistungsunternehmen. Director Sales Peter Paschke hat bei jedem Partner festgestellt, dass die technologische Entwicklung in diesen Unternehmen enorme Fortschritte macht: „Natürlich ist auch der technologische Fortschritt rasant schnell, aber ich denke, dass hier in den letzten zwei Jahren ordentlich gearbeitet wurde.“ Er betont aber auch, wie wichtig es sei, dass die individuelle Betreuung des Kunden erhalten bleibt. „Auch wir wollen mit unserem Produkt die Vermittler nicht ersetzen, sondern durch smarte digitale Lösungen einen Mehrwert bieten.“

Auch das Segment der Sachwertanlagen stand lange Zeit in dem Ruf, die Digitalisierung verschlafen zu haben. Doch auch dort scheint der Schritt ins digitale Zeitalter mittlerweile vollzogen worden zu sein. „Die Pandemie hat für einen ordentlichen Schub gesorgt“, sagt Lars Gentz, Geschäftsführer der RWB-Schwestergesellschaft Walnut, die in den letzten Monaten mehrere namhafte Emissionshäuser an ihre Online-Beratungsplattform „Walnut Live“ anschließen konnte. „Kunden scannen heute wie selbstverständlich QR-Codes und nutzen Apps zur Registrierung sowie diverse digitale Kommunikationstools. Viele bislang analoge Prozesse im Privatleben und im beruflichen Umfeld wurden im Eiltempo digitalisiert. Diese Entwicklung ist am Vertriebsalltag nicht vorbeigegangen. Im Gegenteil: Um handlungsfähig zu bleiben, mussten sich Berater und Vermittler zwangsläufig von einigen analogen Gewohnheiten verabschieden.“ Offenbar mit Erfolg. 

Dennoch bleiben die Ergebnisse der digitalen Transformation in vielen Fällen noch hinter den Bedürfnissen und Erwartungen der Kunden zurück. Das hat im letzten Jahr eine Markteinschätzung der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners im Versicherungsbereich gezeigt, die sich ohne weiteres auf andere Bereiche der Finanzdienstleistung übertragen lässt. „Die ansonsten mitunter schwerfällige Branche hat in den vergangenen Monaten erstaunlich schnell auf die Coronakrise reagiert“, berichtet Dirk Schmidt-Gallas, Senior Partner und Leiter der Versicherungs-Practice bei Simon-Kucher. „Viele Versicherer haben bei der Digitalisierung plötzlich Dinge innerhalb von zwei Wochen hinbekommen, die vorher zwei Jahre gedauert hätten. Allerdings sollten sie bei dem Tempo nicht nachlassen. Versicherer, die die Bedürfnisse und Erwartungen ihrer Kunden wirklich erfüllen und ungenutztes Wachstumspotenzial heben wollen, sollten jetzt den Turbo einschalten oder – besser noch – auf Warp-Geschwindigkeit gehen“, rät Schmidt-Gallas. Gar nicht so einfach für ein Schlachtschiff, das bis vor kurzem noch analog unterwegs war. 

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