29. September 2011, 12:00
Teilen bei: Ihren XING-Kontakten zeigen | Ihren XING-Kontakten zeigen

“Die Politik muss liefern”

Die Schuldenkrise in den Industriestaaten eskaliert und hat die Börsen weltweit auf Achterbahnfahrt geschickt. Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank und Cash.-Kolumnist, erklärt im Interview, was die Verantwortlichen leisten und Anleger beachten müssen.

Robert Halver, Baader Bank

Cash.: Die Aktienmärkte sind seit Wochen in Aufruhr. Warum eigentlich?

Halver: Zum einen stört das anhaltende Grundrauschen aus Europa, wo die Politik keine belastbare Lösung für die angeschlagenen Mitgliedsstaaten und die zukünftige Organisation der Euro-Zone findet. Ausschlaggebend für die Turbulenzen ist aber nicht die verschnupfte Staatengemeinschaft, sondern der komatöse Patient auf der anderen Seite des großen Teichs. Selbst die drohende Rating-Herabstufung hat nicht dazu geführt, dass die US-Politiker ihre Scheuklappen vom Kopf reißen. Amerika war vor gar nicht langer Zeit noch das stärkste Land der Welt und in der Lage, jede Krise durch Pragmatismus zu lösen. Republikaner und Demokraten haben immer kooperiert, wenn es darauf ankam, zuletzt nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008. Jetzt herrscht Stillstand – die republikanische Tea-Party verweigert jegliche Zusammenarbeit mit dem Ziel, US-Präsident Barack Obama zu stürzen. Höhere Steuern lehnen führende Mitglieder wie Michele Bachmann oder Sarah Palin kategorisch ab. Dass die Ratingagentur S&P Amerikas Bonität herabstuft, ist mindestens zur Hälfte der bislang unvorstellbaren Lähmung des Landes geschuldet.

Cash.: Wären größere Sparpakete und Steuererhöhungen überhaupt eine Lösung?

Halver: Die Schulden wird man so nicht mehr los. Aber das Land braucht doch eine Perspektive, einen eigenen Marshall-Plan. Der auf Pump finanzierte Konsum muss einer ungestützten Nachfrage weichen. Amerika leidet nicht an zu hohen Steuern, sondern an zu wenig solventen Konsumenten. Deswegen muss wieder eine wettbewerbsfähige Industrie entstehen, die neue Arbeitsplätze schafft. Momentan verdienen US-Unternehmen zwar blendend, aber keines investiert vor Ort in Beschäftigung. Früher hätte ein Aufschwung dieser Größe nahezu für Vollbeschäftigung gereicht.

Cash.: Obama hofft auf einen Sputnik-Effekt – die Krise soll für nationale Einheit sorgen und wirtschaftliche Innovationen auslösen. Was verhindert den großen Wurf?

Halver: Wenigstens drei mächtige Waffen sind längst abgestumpft. Zum einen hat die Notenbank früher billiges Geld bereitgestellt. Da die Zinsen bereits bei Null sind, fällt dieser Anschub weg. Auch eine Liquiditätsoffensive ist nicht wirkungsvoll, da die Renditen ohnehin sinken und man Pferde nicht zum Saufen zwingen kann. Gestützte Aktienkäufe, wie in Japan praktiziert, hätten eine verheerende Wirkung auf das Vertrauen der Investoren. Last but not least fehlt auch der ehemals stärkste Impuls, nämlich deutlich mehr Schulden aufzunehmen. Ein massiver Anstieg – wie seit Präsident Ronald Reagan regelmäßig praktiziert – scheint politisch nicht mehr erwünscht. Davon abgesehen gibt es berechtigte Zweifel, ob der Standort USA überhaupt etwas entwickeln kann, womit etwa Indien oder China nicht konkurrieren können. Dennoch: Der Weg ist lang und steinig, aber Amerika kann mit zielgerichteten Investitionen wieder zu einem Industrieland aufsteigen. Allein der Wiederaufbau der maroden Infrastruktur sollte schon einen erheblichen Schub auslösen.

Seite 2: Das Wachstum der Wirtschaft kann sich sehen lassen.

Weiter lesen: 1 2 3

Ihre Meinung



 

Versicherungen

Kreditversicherung: Wirtschaftsministerium will Warenverkehr länger absichern

Das Bundeswirtschaftsministerium strebt eine Verlängerung des Schutzschirms für Warenkreditversicherer an. Eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums bestätigte die Pläne,  nachdem zunächst die Deutsche Verkehrs-Zeitung darüber berichtet hatte. Das Ministerium stehe in Verhandlungen mit Warenkreditversicherern über eine Verlängerung von Garantien bis zum 30. Juni 2021. Nach jetzigem Stand laufen diese Ende des Jahres aus.

mehr ...

Immobilien

Miete oft höher als 30 Prozent des Einkommens

Zwei Drittel der Wohnungssuchenden bereit, mehr für Miete zu zahlen als empfohlen Eine Faustregel lautet: Die Kaltmiete einer Wohnung sollte nicht höher als 30 Prozent des Nettoeinkommens des Mieters sein.

mehr ...

Investmentfonds

Entscheidung über Wirecard-Verkauf im November?

Der Insolvenzverwalter des Skandalkonzerns Wirecard erwartet für November die Entscheidung über den Verkauf des Kerngeschäfts bei dem insolventen Bezahldienstleister. Das schreibt der Anwalt Michael Jaffé in einem Brief an die Mitarbeiter, über den die “Süddeutsche Zeitung” berichtete.

mehr ...

Berater

Konsolidierung mit Kapital und Köpfen

Suchten Makler in der Vergangenheit Anschluss an einen Pool oder wollten zu einem anderen wechseln, lenkten sie den Blick meist auf die Provisionstabellen. Wettbewerb lief vor allem über die Vergütung und Produktpalette. Diese Zeiten sind vorbei. Natürlich spielen beide Kriterien noch eine Rolle, aber die entscheidende Frage lautet: Wie bewältigt der Pool des Vertrauens die Herausforderungen, die wegen der enorm schnellen und einschneidenden technischen Entwicklung entstehen?

mehr ...

Sachwertanlagen

BaFin nimmt Deutsche Edelfisch DEG II ins Visier

Die Finanzaufsicht BaFin hat den hinreichend begründeten Verdacht, dass die Deutsche Edelfisch DEG GmbH & Co. II KG in Deutschland Wertpapiere in Form von Schuldverschreibungen ohne das erforderliche Wertpapier-Informationsblatt öffentlich anbietet. Im Markt der Vermögensanlagen ist das Unternehmen nicht unbekannt.

mehr ...

Recht

Haftpflichtkasse muss Gasthaus für Corona-Schließung entschädigen

In der Klagewelle um die Kosten für Gaststätten, die wegen der Corona-Pandemie schließen mussten, hat ein weiterer Wirt gegen seine Versicherung gewonnen.

mehr ...