Brexit-Unsicherheit ist Gift für die Finanzmärkte

Mit nur rund 8.000 Einwohnern und einer Fläche von knapp drei Quadratkilometern ist die City of London eigentlich nur ein kleiner Fleck auf der Landkarte. Der Rademacher-Kommentar

Tim Rademacher, leitender Redakteur bei Cash., schätzt die Lage nach dem Brexit-Referendum ein.
Tim Rademacher, leitender Redakteur bei Cash., schätzt die Lage nach dem Brexit-Referendum ein.

Für das Vereinigte Königreich ist diese winzige Fläche aber von entscheidender Bedeutung. So befindet sich hier mit 400.000 Mitarbeitern die Schaltzentrale des britischen Finanzsektors, der immerhin einen Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung von zwölf Prozent hat. Zudem zahlt dieser Bereich rund elf Prozent aller Steuern in Großbritannien und trägt zu einem Handelsüberschuss von rund 90 Milliarden Euro bei. Diese Einnahmen sind für den Staat von entscheidender Bedeutung, da der Inselstaat kaum noch reale Güter, ähnlich wie Deutschland, in die ganze Welt exportiert.

Mit dem Brexit-Referendum ist die Zukunft der City of London ungewisser denn jemals zuvor. So leben die Bankiers zum Großteil von Kunden aus dem EU-Ausland, die die Stadt als Drehkreuz für ihre Geldanlagen nutzen. Zudem profitieren die Firmenzentralen hier von umfangreichen Zuflüssen, die ihre ausländischen Filialen in der gesamten Europäischen Union aufgebaut haben. Mit dem möglichen Ausscheiden der Briten aus der EU ist dieses Geschäft aber nun ernsthaft in Gefahr geraten.

London könnte Hinterland verlieren

Verliert London tatsächlich seinen Zugang zum europäischen Binnenmarkt und seinen europäischen Pass, der das Anbieten von Finanzdienstleistungen in allen anderen 27 Mitgliedsstaaten massiv erleichtert, dann würde die City erhebliche Umsatzeinbußen verkraften müssen. Dies wäre durchaus vergleichbar mit der Situation von West-Berlin, wo nach der Errichtung des eisernen Vorhangs die Verbindungen zum Hinterland wegbrachen. Damals konnte der Wirtschaftskreislauf in der ummauerten Stadt nur mit massiven Subventionen aufrechterhalten werden.

Aktuell ist unklar, welche politischen Konsequenzen es für Großbritannien geben wird. Immerhin strebt Boris Johnson, der als Favorit für den kommenden Premierministerposten gilt, weiterhin einen ungehinderten Zugang zum europäischen Binnenmarkt an. Theoretisch wäre der wirtschaftliche Zugang zu Europa für Großbritannien durchaus möglich. Länder wie die Schweiz, Liechtenstein, Norwegen und Island genießen unter anderem diese Vorteile. Allerdings haben diese Länder auch die Arbeitnehmerfreizügigkeit für Angehörige von EU-Staaten sowie umfangreiche Geldzahlungen an Brüssel akzeptiert.

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Da Boris Johnson und auch andere Politiker wie Nigel Farage aber versprochen haben, die Zahlungen an die EU zumindest massiv zu reduzieren und die Einwanderung aus diesen Staaten stark zu regulieren, steht ein massiver Konflikt bevor. Österreichs neuer Bundeskanzler Christian Kern und andere führende Politiker lehnten es in einer ersten Reaktion ab, dass die Briten „Rosinenpickerei“ betreiben, indem sie zum einen von allen Vorteilen der Staatengemeinschaft profitieren wollen, aber es zum anderen ablehnen, die Verpflichtungen, ähnlich wie andere assoziierte Länder, zu übernehmen.

Seite zwei: Streit ist vorprogrammiert

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