11. November 2019, 11:30
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Europa-Aktien vor Aufholjagd?

Der französische Politiker Edgar Faure sagte gern: „Wetterfahnen drehen sich nicht, der Wind tut es“. Angesichts des erneuten und sehr zyklischen Optimismus an den Aktienmärkten und der langfristigen Anleihezinsen im Oktober stellt Benjamin Melman von Edmond de Rothschild Asset Management die Frage, ob sich der Konjunkturzyklus weiter fortsetzt – oder ob dies lediglich beiläufige Begleiterscheinungen sind.

Europa-Kurve in Europa-Aktien vor Aufholjagd?

Gute Unternehmensgewinne bei europäischen Unternehmen locken zum Einstieg.

Nach Ansicht des Global Chief Investment Officers der französischen Fondsgesellschaft basieren diese zyklischen Bewegungen auf:

  • Ermutigenden Verlautbarungen über ein Abkommen zur ersten Phase der chinesisch-amerikanischen Handelsgespräche;
  • Einem kurzfristig signifikanten Rückgang des Risikos für einen harten Brexit;
  • Anzeichen einer Stabilisierung des globalen Fertigungssektors gemäß neusten Einkaufsmanager-Umfragen nach einem Jahr schwerer Einbrüche.

„Die jüngste Abnahme des politischen Risikos ist eine deutliche Veränderung in einem Klima, das zuvor durch gegenseitiges Hochschaukeln durch die beteiligten Entscheidungsträger geprägt war“, sagt Melman. Gleichzeitig hält der Experte es für sehr wahrscheinlich, dass die Hoffnungen auf ein Abkommen zwischen den USA und China sowie das gesunkene Risiko eines harten Brexits primär die Bereitschaft aller Beteiligten reflektiert, ein Worst-Case-Szenario zu vermeiden. „Das allein würde einen Anstieg der von Nervosität gekennzeichneten Märkte rechtfertigen“, so Melman. Allerdings lassen sich aus seiner Sicht keine Gründe für eine wesentliche Verringerung der Ungewissheit ausmachen. „Angesichts der Dimension des Handelsstreits zwischen den Vereinigten Staaten und China ist die erste Phase eines möglichen Abkommens vergleichsweise einfach. Phase 2 und vor allem Phase 3 würden hingegen eine grundlegende Veränderung des politischen Klimas erfordern, dass ein Durchbruch diesbezüglich derzeit unerreichbar erscheint.“

China soll gängige Handelspraktiken übernehmen

Denn klar ist seiner Ansicht nach: „In den USA herrscht ein politischer Konsens, so lange Sanktionen gegen China zu verhängen, bis Peking gängige Handelspraktiken übernimmt. Und in Großbritannien dürften die Verhandlungen, auch wenn ein harter Brexit vermieden wird, über den geplanten Zeitrahmen, das heißt über 2020 hinaus, fortdauern.“ Der Experte gibt zu bedenken, dass ein Abschluss von Handelsabkommen immer mehrere Jahre beansprucht, und derzeit noch nicht absehbar ist, wie sich die nächste britische Regierung positionieren wird. In beiden Fällen wird die politische Unsicherheit laut Melman hoch genug bleiben, um die Investitionsentscheidungen der Unternehmen zu beeinträchtigen.

Auch die Anzeichen einer Stabilisierung des verarbeitenden Gewerbes über einen Monat hinweg stellen für den Global Chief Investment Officer keinen Trend dar, zumal der bisher an sich robuste Dienstleistungssektor nun etwas anfälliger für den anhaltenden industriellen Einbruch zu sein scheint. „Daher halten wir an unserer Einschätzung einer globalen Konjunkturabschwächung fest“, resümiert Melman. „Ungeachtet der politischen Unsicherheiten setzen Lohnforderungen die Margen der Unternehmen sowohl in den USA als auch in Europa unter Druck. Dies bietet zwar eine gewisse Planungssicherheit bei der Prognose der Verbraucherausgaben, behindert aber Investitionsvorhaben und die Einstellung neuer Mitarbeiter, sodass der Zyklus nun klar auf einen Abwärtstrend eingeschwenkt ist.“

Kein Szenarienwechsel

Aus Sicht von Edmond de Rothschild Asset Management spiegeln die Marktbewegungen im Oktober nicht einen Szenarienwechsel wider, sondern eher das Verhalten von Anlegern, ihre Portfolios weg von einem starken Risikoexposure hin zu defensiven Titeln und geringerer Duration umgeschichtet zu haben. „Vor diesem Hintergrund bleiben wir bei unserer Anlageallokation eher zurückhaltend“, so Melman.

Nachdem das politische Risiko in Großbritannien – und zuvor bereits in Italien – gesunken ist, hat die französische Fondsgesellschaft die Gewichtung europäischer Aktien erhöht. „Denn politische Risiken hatten dazu geführt, dass internationale Investoren europäische Aktien stark untergewichtet hatten“, erklärt Melman. „Jetzt könnte es zu einer Aufholjagd kommen.“

Foto: Shutterstock

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