Die Inflation und das Märchen vom Basiseffekt

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Die stark steigenden Inflationsraten werden hierzulande gerne mit dem Basiseffekt erklärt. Die Erzählung dahinter lautet dann: Keine Angst vor Inflation, es handelt sich nur um kurzfristige Einmaleffekte, bald ist wieder alles gut. „Doch das stimmt nicht“, sagt Dr. Dieter Falke, Geschäftsführer der Quant.Capital Management GmbH. „Die Indikatoren deuten auf eine Beschleunigung wie auch eine Verstetigung der Inflation hin.“

Es sind vor allem bestimmte Gründe, die als Einmaleffekt taugen: Die Mehrwertsteuer wurde während der Pandemie zeitweise gesenkt und dann wieder erhöht. Dazu kam, dass im Zuge der wirtschaftlichen Schwäche die Energiepreise sanken – und jetzt wieder steigen. „Auch das Wetter, das zu Preissteigerungen bei Lebensmittel führte, oder die Lieferengpässe bei einzelnen Waren oder Vorprodukten werden gerne in die Kategorie eingeordnet“, sagt Falke. Doch während das bei der Mehrwertsteuer stimme, seien die anderen Faktoren keinesfalls nur Eintagsfliegen.

„Wir sehen heute immer noch steigende Ölpreise, in Großbritannien hat sich der Gaspreis vervierfacht und in China wird Energie rationiert“, sagt Falke. „Die Energiepreise steigen gerade auf breiter Front – und das nicht zu knapp.“ Die Zahlen zeigen dies auch: Der Produzentenpreisindex in Deutschland stieg im August 2021 um zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, in Italien fiel der Anstieg mit 13,8 Prozent noch stärker aus, in Frankreich waren es zehn Prozent. „Die Importpreise kletterten über das Jahr betrachtet sogar um 16,5 Prozent“, so Falke. Daraus sinkende Inflationsraten abzuleiten, falle schwer.

Dazu kommt, dass in China Energie so knapp ist, dass nicht nur das stromfressende Mining von Kryptowährungen verboten wurde. In der Hälfte der Provinzen wurden mittlerweile Rationierungsmaßnahmen ergriffen. Viele Unternehmen müssen die Produktion drosseln, was die Lieferengpässe weltweit nur noch verstärkt. „Das treibt die Inflation erneut an, weil knappe Güter tendenziell teurer werden“, sagt Falke. Dass die Menschen zudem in die wieder geöffneten Geschäfte strömen und Anschaffungen nachholen wollen, sorgt ebenfalls für höhere Nachfrage, die auf ein knapperes Angebot trifft. 

Alle diese Faktoren sprechen für einen deutlicheren Anstieg der Inflationsraten. Das wissen inzwischen auch die Gewerkschaften. Nachdem sie lange mit bescheidenen Lohnzuwächsen zufrieden waren, werden jetzt Stimmen laut, den Kaufkraftverlust durch die Inflation auszugleichen und am besten den Wertverlust von Guthaben durch Negativzinsen gleich mit. „Höhere Lohnforderungen bestimmen bereits die laufenden Tarifrunden“, sagt Falke. „Auf diese Weise könnte dann eine Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt werden, die wesentlich länger laufen wird als nur bis zum Jahreswechsel.“ 

Insgesamt lässt all dies die Wahrscheinlichkeit deutlich sinken, dass die erhöhte Inflation nur vorübergehend ist. „Wer heute noch von Einmaleffekten spricht oder deutlich zurückgehende Inflationsraten zum kommenden Jahreswechsel erwartet, ist ein Träumer“, sagt Falke. „Wir werden uns damit anfreunden müssen, dass die Geldentwertung fürs Erste zurück ist.“

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