Südostasien: kurzfristige Risiken, aber langfristige Chancen

Foto: Cadence IP
Richard Evans, Cadence Investment Partners

Im Segment Asien nutzt Mediolanum International Funds die Expertise von Cadence Investment Partners aus Schottland. Richard Evans, Co-Manager des Cadence Strategic Asia Fund von Cadence Investment Partners, erläutert, warum und welche südostasiatischen Staaten gegenüber China und Indien zukünftig deutlich schneller wachsen sollten und von Anlegern als Investment ins Auge gefasst werden sollten.

Für einige Zeit waren die Märkte in Südostasien für viele Anleger weltweit nur marginal interessant. China und bis zu einem gewissen Grad auch Indien haben einen Schatten auf die Geschicke von Ländern wie Malaysia, Indonesien, Thailand, die Philippinen und Vietnam geworfen, obwohl allein diese fünf zusammen über eine Bevölkerung von fast 600 Millionen überwiegend jungen Verbrauchern verfügen. Eine unbeständige Politik und das Fehlen inländischer Reichweite haben chinesischen Unternehmen dabei geholfen, sich weltweit zu etablieren, während die Anlagechancen der genannten fünf Staaten Südostasiens reduziert wurden. Dennoch hat die jüngste Zunahme geopolitischer Spannungen zwischen China und den USA dazu geführt, ein neues Licht auf eine der überzeugendsten weltweiten Wachstumsgeschichten in Südostasien zu werfen, die zudem mit einer spektakulären technologiegetriebenen Beschleunigung des lokalen Konsums zusammenfällt.

Demografisch gesehen lassen sich die Attraktionen Südostasiens für jeden langfristigen Anleger kaum ignorieren – die Mittelschicht entwickelt sich analog der chinesischen und bringt verfügbares Einkommen mit. Der Altersdurchschnitt in Malaysia, Indonesien, Thailand, den Philippinen und Vietnam liegt mit 31 deutlich unter dem chinesischen von 38, und wächst zudem deutlich schneller. Das mittlere Pro-Kopf-Einkommen in diesen fünf Ländern beträgt laut Daten der Weltbank von 2019 im Schnitt 3.700 US-Dollar und nähert sich damit einer Höhe, bei der wir in der Vergangenheit einen Wendepunkt in der Nachfrage nach höherwertigen Konsumgütern gesehen haben. Relativ niedrige Lohnkosten, ein steigendes verfügbares Einkommen und der Reiz, bei der Konfrontation Chinas mit den USA ‚außen vor’ zu sein, sind aus Anlegersicht überzeugende, wenn auch nicht neue Faktoren.

Die wichtigste Herausforderung in dieser Phase der wirtschaftlichen Entwicklung ist die Infrastruktur – Transport, Kommunikation und Versorgungsnetzwerke –, die Unternehmen ermöglicht, Kunden effizient zu erreichen. Länder wie Indonesien und die Philippinen stehen in dieser Hinsicht mit einer weit und über Inselketten hinweg verstreuten Bevölkerung vor besonderen Herausforderungen. Mithilfe von technologischen Lösungen können einige dieser Probleme umgangen werden, sodass Verbraucher einige der historischen Zugangshindernisse überwinden können.

Die rasche Verbreitung erschwinglicher Smartphones hat Online-Marktplätze für alle Schichten der Gesellschaft eröffnet und den Bedarf an ortsgebundenem, stationärem Einzelhandel minimiert. Dadurch wird nicht nur der Marktzugang für Unternehmen beschleunigt, sondern schneller denn je ein effizienteres und umweltschonenderes modernes Wirtschaftsmodell geschaffen. Auf dieser Grundlage sehen wir das Potenzial für einen schnellen Übergang zu verbrauchergestütztem Wachstum, das Wirtschaftswachstum und Anlagemöglichkeiten steigert.
Es sind bereits zahlreiche lokale und internationale Akteure entstanden, die um den Online-Markt in Südostasien konkurrieren – wovon einige wie Gojek, Grab und SEA bereits weltweit bekannt und durch Kapitalbeteiligungen von Internetriesen wie Amazon, Tencent und Alibaba unterstützt werden. Unser eigenes Investment in die SEA Ltd., einem führenden regionalen Online-Marktplatz und Unternehmen im Bereich mobiler Internetspiele, basiert auf überzeugenden Wachstumsaussichten für die nächsten zehn bis 15 Jahre, mit einem zunehmenden Anteil an einem wachsenden Konsumentenmarkt. Unserer Ansicht nach sollten sich Anleger mit einem langfristigen Horizont in solchen Unternehmen positionieren, um auf eine steigende lokale Nachfrage zu setzen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um die wahrscheinlichen Gewinner der Zukunft zu identifizieren.

Mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen der Märkte wirft dies dennoch Fragen auf sich, da sich Asiens Aktienkurse über die letzten 12 Monate stabil gezeigt haben. Die Bewertungen sind mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 1,8 im historischen Vergleich nicht teuer aber auch nicht überzeugend günstig. Die Bewertungen basieren zurecht auf der Performance der Unternehmen, deren Gewinne sich schnell von den wirtschaftlichen Auswirkungen durch COVID erholt haben. Es bestehen allerdings nach wie vor Risiken, die zu einer Verlangsamung der Märkte im zweiten Halbjahr führen können und dadurch möglicherweise attraktive Einstiegsmöglichkeiten offerieren könnten.

Die Inflationserwartungen sind ständig gestiegen und es gibt aufgrund einer sich erholenden Nachfrage Lieferengpässe in Sektoren wie Halbleiter und Versandkapazitäten. Dies wird sich für viele Unternehmen kurzfristig negativ auf die Margen auswirken, da ihre Herstellungskosten steigen, was sich wiederum in Gewinnenttäuschungen und Kursschwäche niederschlagen kann. Die Preissetzungsmacht ist jedoch eines der wichtigsten Merkmale, auf die wir bei unseren Anlagen achten, und wir können davon ausgehen, dass die Rentabilität wieder steigen wird, wenn diese Inflationswelle die Produktionskette durchlaufen hat. Politisch motivierte Handelsfragen, mit Schwerpunkt auf China sind eine andere aktuelle Risikoquelle, die sich zuletzt in einem weiteren Durchgreifen der chinesischen Regulierungsbehörden bei US-börsennotierten chinesischen Unternehmen gezeigt hat. Dies hat insbesondere den Internetunternehmen geschadet.

Der andere offenkundige Risikofaktor ist das Coronavirus. Generell hat COVID den größten Teil der Region ganz anders getroffen als den Rest der Welt. Asien insgesamt hat aus den harten Lektionen von SARS, MERS und der Vogelgrippe gelernt und war besser auf das Virus vorbereitet als der Rest der Welt. Beim Auftreten von COVID reagierten die Regierungen schnell mit Lockdowns, und das Tragen von Masken wurde über Nacht zur Regel. Dadurch blieb ein Großteil der Region von den schlimmsten Auswirkungen des Virus bis 2020 verschont. Weniger eindrucksvoll war in denselben Ländern in den letzten Monaten allerdings die Entwicklung des Impfgeschehens. Selbst relativ kleine Ausbrüche der neuen Deltavariante führten kürzlich zu Panik in Vietnam und Taiwan, wo Angst vor erneuten Lockdowns herrscht.

Die Märkte haben sich schnell von den ersten Auswirkungen von COVID im letzten Jahr erholt, werden jedoch sicherlich weiterhin anfällig für diese aufkeimenden Ängste sein, bis die Mehrheit der Bevölkerung geimpft ist. Letzteres gepaart mit den stark schwankenden Beziehungen zwischen China und den USA und einem möglichen Wiedererstarken der Inflation könnte kurzfristig für Anleger wie uns, die auf langfristige Investmentchancen in Asien setzen, einige interessante Kaufgelegenheiten mit sich bringen.

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