Die Bröning-Kolumne: Wertverlust mit Sicherheit – das schaffen nur Geldwerte

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Tim Bröning, Fonds Finanz

Null- und Niedrigzinsen verhinderten jahrelang, dass Anleger für risikoarm geparktes Geld nennenswerte Zinsen erhielten. Wer Rendite wollte, der musste daher in Anlageklassen investieren, die als risikoreicher gelten, z. B. Aktien oder Immobilien. Wer dagegen Anleihen oder Bargeld hielt, war den Niedrigzinsen und Verwahrentgelten schonungslos ausgeliefert.

Nun hob in den USA die Notenbank Fed diesen März den Leitzins erstmals seit 2018 an. Große Wall-Street-Banken erwarten eine Reihe von Zinserhöhungen durch die Fed. So sieht die Citibank den US-Leitzins Ende 2022 bei circa drei Prozent. Selbst von der zurückhaltenden EZB, die den Leitzins zuletzt 2011 erhöhte, werden Anhebungen erwartet. So könnte der Leitzins Ende des Jahres in der Eurozone null Prozent oder sogar leicht positives Territorium erreichen.

Doch der bisherige Anlagenotstand wird sich paradoxerweise auch bei steigenden Zinsen verschlimmern. Zum einen, weil Zinserhöhungen die Renditeaussichten großer Teile des Aktienmarktes schmälern, z. B. bei unprofitablen Wachstumsfirmen, deren Bewertungen bei steigenden Zinsen sinken. Zum anderen aufgrund der rasant steigenden Inflation. Die Teuerungsrate kletterte in Deutschland im März auf 7,3 Prozent. In den USA liegt sie sogar schon bei 8,5 Prozent.

Die hohe Inflation vernichtet die Kaufkraft von Geldwerten. Es ist zwar denkbar, hierzulande bald wieder ein Prozent Zinsen pro Jahr auf Tages- oder Festgeldkonten zu erhalten. Zwei Prozent Rendite bei der zehnjährigen Bundesanleihe scheinen ebenfalls erreichbar. Der dabei entstehende Wertverlust bei der derzeitigen Inflationsrate entspräche aber dann mehr als fünf Prozent pro Jahr! Auch die staatliche Rente ist betroffen. So rechnet das Bundesministerium für Arbeit und Soziales für 2022 mit einem Rentenanstieg von 5,35 Prozent im Westen und 6,12 Prozent im Osten. Beides bedeutet einen erheblichen Kaufkraftverlust.

Ein giftiger Cocktail aus Inflationstreibern

Für die meisten Berufstätigen ist diese Situation Neuland, denn ähnlich hohe Inflationsraten erlebten die Deutschen im Zuge zweier Ölkrisen zuletzt während der 1970er und Anfang der 80er-Jahre. In den USA, die am stärksten betroffen waren, dauerte es damals fast ein Jahrzehnt, bis sich die Inflation normalisierte. Zudem waren radikale Notenbankmaßnahmen erforderlich, die den Leitzins auf über 20 Prozent trieben und grausame Nebenwirkungen zeigten, etwa den Bankrott vieler Betriebe und eine hohe Arbeitslosigkeit.

Noch besteht Hoffnung, dass sich die Teuerungsrate einfacher und schneller in den Griff bekommen lässt als damals. Doch aus der Coronapandemie und dem Ukraine-Krieg entsteht ein giftiger Cocktail der Inflation. Die Pandemie störte bereits erheblich die Verhältnisse zwischen Angebot und Nachfrage bei Materialien und Vorprodukten. Auf Produktionsstopps und überbuchte Lieferketten aufgrund von Corona-Lockdowns treffen seit Kurzem auch Fertigungs- und Ernteausfälle aufgrund von Fliegeralarmen und Bombenangriffen in der Ukraine oder Sanktionen gegen Russland.

Äußerst ernüchternd ist die Erkenntnis, dass sich viele aktuelle Inflationstreiber nicht von heute auf morgen lösen lassen. So stellen Russland und die Ukraine rund 30 Prozent des weltweiten Weizenangebots. Die Putin-Regierung hat Getreideexporte aufgrund von Knappheit vorerst gestoppt. Die Ausfuhren der Ukraine sind laut Forbes Magazine kriegsbedingt von fünf Millionen monatlich auf wenige hunderttausend Tonnen Getreide nahezu kollabiert. Auch Fleisch und andere tierische Lebensmittel werden dadurch deutlich teurer, denn der Futtermittelanbau ist ebenfalls betroffen. Fast ein Drittel der ukrainischen Felder könnten laut der UN bis 2023 ungeerntet bleiben. Bleibt zudem die Saat aus, kann später nicht geerntet werden. So könnte sich der Mangel und die Preisanstiege noch Monate – wenn nicht sogar Jahre – hinziehen.

Die Abschottung Russlands treibt zudem die Öl- und Gaspreise kräftig an. In der EU wird Kraftstoff vermehrt und vor allem teurer per Schiff aus den USA oder dem Nahen Osten importiert. In kürzester Zeit muss die restliche Energieversorgung auf erneuerbare Energieerzeugung umgebaut werden, um den Bedarf ausreichend decken zu können, falls Russland den Gashahn zudreht. Noch viele Jahre dürfte sich die Finanzierung dieses Infrastruktur-Mammutprojekts in Form von gestiegenen Energiekosten auf die Verbraucher auswirken.

Der Anlagenotstand erreicht eine neue Dimension

Menschen müssen sich daher darauf einstellen, dass ihnen nach Kosten deutlich weniger Gehalt übrig bleibt. Das bedeutet wiederum, dass viel weniger Geld für die private Vorsorge oder die Geldanlage zur Verfügung steht, um z. B. den Kaufkraftverlust bei der Rente auszugleichen. Der Anlagenotstand erhält dadurch eine neue Dimension. Gehaltserhöhungen als Reaktion auf explodierende Preise lassen die Lohnkosten für Unternehmen steigen. Mittels Preiserhöhungen versuchen sie diese Kosten im Anschluss zu kompensieren. Schaffen die Unternehmen dies, so entstehen die berüchtigte Lohn-Preis-Spirale und eine Verstetigung des Problems, aber keine tatsächliche Besserung. Gelingt es nicht, entsteht eine Margenerosion, wodurch die Aktienkurse fallen.

Umso wichtiger ist es, dass Anleger das Geld, das ihnen übrig bleibt, kaufkrafterhaltend und somit sachwertbasiert investieren. Die Goldpreisentwicklung konnte z. B. über lange Zeiträume messbar einen Werterhalt gewährleisten. Entscheidend ist, Gold als festen Portfoliobestandteil einzusetzen und dem Edelmetall mehrere Jahre Zeit zu geben, damit es seinen Inflationsschutz entfalten kann. Historisch wurden langfristig orientierte Goldanleger dann sogar mit einem Wertzuwachs über die Inflationsrate hinaus belohnt. Auch andere Sachwerte wie die selbst genutzte Immobilie können Kaufkrafterhalt bieten. Auf der Aktienseite gilt es wählerisch zu sein – aber auch dort gibt es selektiv Chancen. Solide Firmen mit Preissetzungsmacht, die z. B. unverzichtbare Alltagsprodukte herstellen, können gestiegene Kosten oft erfolgreich an die Kunden weitergeben, auch in schwierigen Zeiten Gewinnwachstum generieren und dadurch ihre Aktienkurse steigern.

Vielen mag eine solche sachwertebasierte Strategie zu riskant erscheinen. Trotzt steigender Zinsen ist der reale Wertverlust bei Geldwerten aber vorprogrammiert. Mit einer durchdachten Anlagestrategie bestehen hingegen gute Chancen auf den Inflationsausgleich. Eine Garantie auf einen realen Wertverlust können hingegen nur Tagesgeld-, Festgeldkonten, Sparbuch und Co. bieten.

Tim Bröning ist seit 2009 in der Geschäftsleitung der Fonds Finanz Maklerservice GmbH und verantwortlich für den Bereich Non-Insurance, Finance & Legal.

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