Inflation wie in den 1970ern?

Ein Thermometeranzeiger ist im roten Bereich
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Zum Teil ähnelt die aktuelle Inflation der in den 1970er-Jahren. Wo liegen Parellelen sowie Unterschiede und was ist für die weitere Preisentwicklung zu erwarten?

Die Parallelen

Waffen und Butter: In den 1970ern, einem durch ausufernde Preise gekennzeichneten Jahrzehnt, haben mehrere Faktoren zu enormen Preisanstiegen geführt. Einige davon waren bereits in den 1960ern aufgetreten, als die USA, verwickelt in den Vietnamkrieg und kurz vor dem Kalten Krieg mit der Sowjetunion stehend, eine „Waffen und Butter“-Politik verfolgten, also viel Geld für Verteidigung und Sozialprogramme ausgaben. Die heutige Lage ist ähnlich. Die US-Regierung investiert in die Rüstung, und auch in Europa sind die Verteidigungsausgaben wegen des Angriffs Russlands auf die Ukraine schnell gestiegen. Hinzu kommen hohe Sozialausgaben, weil die Babyboomer in den Ruhestand gehen. Und wenn man die Antwort der Regierung auf die Pandemie als ein Signal verstehen darf, gibt es auch in den USA zukünftig großzügigere Sozialprogramme. In anderen Teilen der Welt deuten umfangreiche Sicherheitsnetze und Experimente mit Dingen wie dem bedingungslosen Grundeinkommen ebenfalls auf eine Verbesserung der sozialen Versorgung hin.

Öl und Nahrungsmittel: Die eindeutigste Parallele zwischen den Siebzigern und heute ist der hohe Ölpreis. 1973 und 1979 haben das Ölembargo der OPEC und die Revolution im Iran die weltweite Energieversorgung gefährdet. Heute wirbeln die russische Invasion der Ukraine und ihre Auswirkungen auf das Öl- und Gasangebot die Märkte durcheinander. Zudem hatte die Invasion erhebliche mittelbare Folgen für die weltweite Nahrungsmittelversorgung, weil die Ukraine ihr Getreide nicht außer Landes bekommt und Russland mit Sanktionen belegt wurde. Auch in den Siebzigern sind die Nahrungsmittelpreise durch Engpässe gestiegen. Nach schlechten Ernten in der Sowjetunion und anderen Ländern in den ersten Jahren des Jahrzehnts lieferten die USA subventioniertes Getreide in die UdSSR, was zu einem weltweit knappen Angebot beitrug. 

Fehleinschätzung der Konjunkturschwäche: Eine weitere Parallele ist, dass die US Federal Reserve einige wesentliche Fundamentaldaten falsch eingeschätzt hat – damals wie im Laufe des letzten Jahres. In den Siebzigerjahren hatte die Fed angenommen, dass es eine negative Outputlücke gäbe, weshalb Zinserhöhungen getrost verschoben werden könnten. Heute wissen wir, dass es damals nicht nur keine negative, sondern eine positive Outputlücke gab. Die Wirtschaft wuchs also über Potenzial und schrumpfte lediglich während der Rezession, sodass die Inflation lange hoch blieb. Genau zu dem Zeitpunkt, als sich die Inflation ausgehend von fast null nach dem globalen Lockdown zu Beginn der Pandemie erholte, ging die Fed, der es zehn Jahre lang nicht gelungen war, die Inflation auf den von ihr angestrebten Wert zu heben, zu einem flexiblen durchschnittlichen Inflationsziel über. Das hieß, dass sie nach Jahren mit einer Teuerung unter 2% die Inflation eine Weile über dem Zielwert belassen würde, damit sich im Zeitablauf der gewünschte Durchschnittswert einstellen würde. Das Timing der Zentralbank hätte kaum schlechter sein können. Pandemiebedingte Lieferengpässe, Arbeitskräftemangel und eine Verschiebung der Konsummuster von Dienstleistungen zu Gütern ließen die Preise schnell steigen. Die Fed hielt diese Entwicklung für vorübergehend und reagierte zu spät. Jetzt muss sie die verlorene Zeit aufholen.

Starker Arbeitsmarkt: In den Siebzigerjahren waren erheblich mehr Arbeitskräfte gewerkschaftlich organisiert und viele Arbeitsverträge waren an die Inflation gebunden, sodass die Löhne mit der Inflation stiegen. Heute gibt es bei Weitem nicht so viele Gewerkschaftsmitglieder wie damals. Aber wegen des starken Arbeitsmarktes und der Demografie sind die Arbeitskräfte heute so mächtig wie seit vielen Jahren nicht mehr, und die Gewerkschaften gewinnen etwas mehr Mitglieder, aber noch ist nicht klar, ob sich dieser Trend fortsetzt.

Die Unterschiede

Lockere Geld- und Fiskalpolitik: In den Siebzigern waren Geld- und Fiskalpolitik dauerhaft expansiv, wodurch lange sehr viel Liquidität zur Verfügung stand. Trotz der außergewöhnlichen Wachstumsprogramme während und kurz nach der schlimmsten Phase der Pandemie sind beide heute enger. Tatsächlich dauerten die meisten geld- und fiskalpolitischen Programme der letzten Zeit weniger als ein Jahr, in den Siebzigern dagegen fast ein Jahrzehnt.

Unabhängigkeit der Zentralbanken und Inflationserwartungen: Heute sind die Zentralbanken unabhängiger, weil sie aufgrund der Reformen, die nach der Inflationsphase der 70er-Jahre eingeführt wurden, glaubwürdiger geworden sind und die Inflationserwartungen nicht mehr entgleisen.

Reales Lohnwachstum: In den Siebzigern übertraf das Lohnwachstum recht häufig die Inflation, was zum Entstehen einer Lohn-Preis-Spirale beitrug, weil die Arbeitnehmer genug verdienten, um alles zu kaufen, sodass die Preise stiegen, woraufhin wiederum die Löhne stiegen – und so weiter. Heute steigen die Löhne erheblich weniger stark als die Inflation, sodass wir es zurzeit mit einer nie da gewesenen Schrumpfung der Reallöhne zu tun haben.

Keine Wiederholung der 70er-Jahre, aber …

Einige Ursachen der Inflation in den 1970er-Jahren finden sich heute wieder, aber andere sind ganz anders. Wenn die Inflation jedoch weiter deutlich über ihrer Zielspanne liegt, müssten die Reallöhne meiner Ansicht nach zumindest leicht steigen, und die Fed müsste an ihrer Fehlentscheidung festhalten, die Zinsen nicht ausreichend angehoben zu haben. Das hieße, dass die Fed davon Abstand nehmen müsste, den Arbeitsmarkt im notwendigen Umfang zu belasten, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen – aber ich gehe nicht davon aus, dass es dazu kommt. Stattdessen halte ich es für wahrscheinlicher, dass die Fed die Geldpolitik jetzt zu stark strafft, sodass die Wirtschaft in eine erhebliche Rezession abgleitet und die Inflation schnell wieder auf ihre Zielspanne fällt.

Kompliziert wird es, wenn die Teuerung zwar zurückgeht, sich dann aber auf einem hohen Niveau stabilisiert, beispielsweise zwischen 3,0% und 3,5%. Dann müssten Geld- und Fiskalpolitik entscheiden, ob der Schaden, den sie mit einer weiteren Straffung der Wirtschaft antun würden, um ihre Zielspanne zu erreichen, nicht zu groß wäre.

Ich gehe nicht davon aus, dass die Inflation so stark steigt wie in den Siebzigern. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass sie am Ende eher nur wenig unter 3% liegen wird – ähnlich wie während der beiden Konjunkturzyklen vor der internationalen Finanzkrise in den 1990er-Jahren und den meisten der 2000er-Jahre. Aus meiner Sicht ist die außergewöhnlich niedrige Inflation von unter 2% nach der internationalen Finanzkrise vermutlich nicht das, was wir in puncto Inflation zu erwarten haben.

Autor Erik Weisman ist Chief Economist und Portfoliomanager bei MFS Investment Management.

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