Eine neue Welt?

Lange Zeit hat sich Warren Buffett, einer der Gründer des Ansatzes des „Contrarian Investing“, gegen Technologieaktien verwehrt – inzwischen ist aber auch er dem Charme der GAFA (Google, Apple, Facebook, Amazon) erlegen. Mit dem Kauf von Amazon-Aktien im vergangenen Monat (2016 war er bei Apple eingestiegen) sorgte der Starinvestor einmal mehr für eine Überraschung und bisweilen für Verwirrung bei seinen Anhängern. Wie dies zu entscheiden ist, erläutert Olivier de Berranger, Chief Investment Officer bei La Financière de Echiquier, in seinem Gastbeitrag.

Olivier de Berranger, Chief Investment Officer und Enguerrand Artaz, Fondsmanager La Financière de L‘Echiquier.

Seine Entscheidung rief besonders lebhafte Reaktionen hervor, weil der Aktienmarkt mit seinen atypischen Ausschlägen in letzter Zeit mehr als einen Anleger auf dem falschen Fuß erwischt hat. Der Markt scheint seit Kurzem einer neuen unerbittlichen Logik zu folgen, die zwischen Technologie- und sogenannten vorhersehbaren Titeln polarisiert und alle anderen Aktien beiseiteschiebt.

Allerdings scheinen die Anleger ein Element von grundlegender Bedeutung zu vergessen: die Bewertung. Die anhaltend niedrigen Zinsen, die ihre Risikobereitschaft fördern sollen, verleiten sie stattdessen vielmehr dazu, auf einen einzigen Unternehmenstypus zu setzen.

Steht der Contrarian-Ansatz somit vor dem Aus oder ist er lediglich mutiert?

Will man sich in dieser neuen polarisierten Welt zurechtfinden, braucht man auch neue Orientierungshilfen. Gegen den Strom zu investieren bedeutet nicht nur „in ein fallendes Messer zu greifen“, indem man Aktien nach starken Kursverlusten kauft. Ein „Contrarian“ investiert systematisch in Werte, die nicht in der Gunst des Marktes stehen – Titel, die mit einem Abschlag gehandelt werden und unterbewertet sind.

Damit befinden sich die „Contrarians“ in der gleichen Kategorie wie die Value-Investoren. Die bloße Unterbewertung eines Unternehmens ist als Kriterium jedoch nicht ausreichend. Die Bewertung per se ist als Ausdruck möglicherweise unbegründeter Erwartungen bisweilen irreführend.

Neue Wirtschaftsmodelle verkomplizieren die Welt

Durch den Vormarsch neuer disruptiver Wirtschaftsmodelle, die unsere bisherige Welt grundlegend verändern, wird die Sache noch komplizierter. Die Strategie der GAFA, die in natürliche Monopole mit praktisch grenzenlosen Wachstumsperspektiven mündet, ist für einen Contrarian eine besondere Herausforderung, vor allem in Sektoren, die im Zentrum der Expansionsstrategie der GAFA stehen.

Dies betrifft beispielsweise die Sektoren Vertrieb und Medien, die sich im Hinblick auf die Disruptionsintensität in vorderster Reihe befinden. Die fehlende Transparenz hinsichtlich der Entwicklung mehrerer Aktivitäten könnte dazu führen, dass sich die Anleger dauerhaft von ihnen abwenden – unabhängig von jeglichen Bewertungserwägungen.

Modeeffekte hat es auf den Finanzmärkten immer gegeben

Der Masse nicht blind hinterherzulaufen, sondern gegen den Strom zu schwimmen, ist auf lange Sicht auf jeden Fall eine Erfolgsstrategie. Die Erfolgsstory von börsengehandelten Indexfonds (ETFs) in Kombination mit diesen Kapitalbewegungen begünstigt Herdenverhalten. Dies geht zu Lasten gesamter Segmente an der Börse.

Die Bewegungen der letzten Monate veranlassten die Märkte, Unternehmen, die Kasse generieren und über noch nicht gehobenes Wachstumspotenzial verfügen, zu verschmähen, obwohl sie nicht von Disruption bedroht sind. Sie sind ideale Ziele für Private-Equity-Fonds, die meistens eine langfristige Strategie verfolgen.

Auch wenn wir uns in dieser neuen Welt anpassen müssen, werden wir dennoch eine goldene Regel von Warren Buffett beherzigen: „Sei ängstlich, wenn andere gierig sind, und gierig, wenn andere ängstlich sind“.

 

Foto: LFDE

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