Investieren als rationaler Optimist!

„Disruption“ – kein Begriff ist so kennzeichnend für unsere Zeit wie dieser. Dabei sind Zeitphasen der Umbrüche in der Geschichte der Industrialisierung nicht neu. Die Naumer-Kolumne.

Hans-Jörg Naumer, Director Global Capital Markets & Thematic Research Allianz Global Investors

Die Dampfmaschine, die Eisenbahn, das Automobil, die Elektrotechnik, die Informationstechnologie und jetzt die Roboter sowie die Künstliche Intelligenz – immer waren
es bahnbrechende Innovationen, die Arbeitsprozesse und gesellschaftliche Strukturen veränderten – und als Konsequenz zur Wohlstandsmehrung beitrugen.

Augenscheinlich wird dies durch die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes der Welt (vgl. Schaubild). Über die Jahrhunderte hinweg entwickelte sich dies kaum messbar. Erst mit dem Einsetzen der Industrialisierung stieg es merklich, ja exponentiell an. Ebenso das Bevölkerungswachstum. Die Innovationen in der Agrartechnologie sorgten nicht nur dafür, dass immer mehr Menschen ernährt werden können.

Auch der Wohlstand, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, stieg. War bittere Armut für alle, die nicht zur Machtelite gehörten, die Regel vor Beginn der Industrialisierung, lebten Anfang der 1980er Jahre noch ca. 45% der Weltbevölkerung in absoluter Armut (Anteil der Weltbevölkerung, der weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag zum Leben hat). Heute liegt dieser Anteil bei 10% – und das, obwohl die Weltbevölkerung auf ca. 7,5 Mrd. Menschen gewachsen ist. Ohne Innovationen, ohne Technologie wären wir schlichtweg verhungert.

Gleichzeitig mit dem Rückgang der absoluten Armut hat sich eine „globale Mittelklasse“ herausgebildet. „Mittelklasse“ verstanden nach der Definition der Weltbank als
Einkommensgruppe, die über Ländergrenzen hinweg betrachtet zwischen 11 und 110 US-Dollar am Tag verdient (gemessen in Kaufkraftparität von 2011).

Doch nicht nur die Zahl der Menschen stieg, sondern auch deren Lebenserwartung. Lag die Lebenserwartung der Menschen im globalen Durchschnitt Ende des 18. Jahrhunderts unter 30 Jahren, so liegt sie heute bei über 70 Jahren. Für Amerikaner beträgt sie annähernd 80 Jahre, für Europäer sogar etwas mehr. Menschen in Afrika können erwarten, 60 Jahre alt zu werden, in Asien über 70 Jahre.

Die Welt ist im Wandel – aber wandelt sich auch unser Investmentansatz? Wer die Entwicklungen als rationaler Optimist sieht, sollte sich folgende Prämissen für seine
Investitionen überlegen.

1. Investieren in Aktien – investieren in Sachwerte

Die wichtigste Frage, die sich Anleger zuerst stellen sollten, lautet: „Wenn ich dem Paradigma des rationalen Optimismus folge, investiere ich auch in diesen ‚Optimismus‘, in diesen ‚Wandel‘? Habe ich Anteil an den Innovationen und der Wertschöpfung?“ Dies geht letztlich nur durch Beteiligung an Firmen, z. B. über Aktienfonds. Das bedeutet Investitionen in Sachkapital. Mit dem Sparbuch und der Staatsanleihe geht das nicht.

2. Investieren in die Treiber des Wandels

Der technologische Wandel durchzieht alle Branchen und alle Regionen. Warum nicht auch in jene Firmen investieren, die diesen Wandel hervorbringen bzw. bei der Implementierung der neuen Technologien ganz vorn mit dabei sind? „Thematic Investing“ dürfte das nächste große Anlegerthema werden.

3. Investieren in eine bessere Welt

Die Welt ist eine bessere geworden, aber noch ist nicht alles gut genug. Noch gibt es Kinderarbeit, noch gibt es in Teilen der Welt unzulängliche Arbeitsbedingungen und
mangelhafte „Governance“ von Unternehmen wie Staaten. Noch gibt es Ungleichheit. Noch gibt es Umweltverschmutzung, einen zu großen CO2-Fußabdruck der Menschheit und … Die Liste ließe sich fortsetzen.

Für Investoren geht es deshalb darum, für eine bessere Welt zu investieren – und das nicht unbedingt zu ihrem eigenen Nachteil. Interessant ist, wie stark sich über die letzten Jahre die sogenannten „ESG“-Kriterien bei der Kapitalanlage durchgesetzt haben. Das Akronym steht für „Environmental – Social – Governance“ und lässt sich mit „Umwelt – Gesellschaft – Unternehmensführung“ übersetzen. Es hilft, Gelder in Investitionen zu lenken, die auf Umweltschutz, gute Arbeitsbedingungen und untadelige Unternehmensführung setzen. Es gibt genügend Anlässe für einen „rationalen Optimismus“. Gegenwart und Zukunft sind besser als uns oft bewusst ist.

Foto: AllianzGI

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