Experten-Talk Baufinanzierung: „Es ist spannend, wie das New Normal funktioniert“

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RoundTable mit:
Sebastian Engel, Chief Sales Officer bei Alpha Real Estate;
Andreas Schrobback, CEO AS Unternehmensgruppe;
Wolfgang Kümpel, Leiter Vertriebsbereich Süd-Ost bei der DSL Bank;
Thomas Hein, Leiter Vertrieb Immobilienfinanzierung bei ING Deutschland;
André Lichner, Geschäftsführer Prohyp

Starten wir zunächst mit dem Baufinanzierungsgeschäft und der Frage, wie sich in 2020 die Volumina und andere Kennzahlen entwickelt haben?

Hein: Wir blicken auf ein sehr gutes Baufinanzierungsjahr für die ING Deutschland zurück. Gegenüber 2019 haben wir an Baufinanzierungsvolumen mehr als 40 Prozent zugelegt und das bei sehr guten Margen. Erzielt wurde dieses Ergebnis natürlich auch dadurch, dass wir sehr digital aufgestellt sind, was in diesen Zeiten und unter diesen Rahmenbedingungen von großem Vorteil ist. Während andere Häuser Filialen schließen mussten, Zugangswege für Vermittler und Kunden nicht mehr da waren, zeigten wir die ganze Zeit Präsenz und sowohl unsere Kundinnen und Kunden als auch unsere Vermittlerinnen und Vermittler konnten die digitalen Features bei uns nutzen.

Ich bin sehr froh, dass wir schon vor Jahren, ohne zu wissen, was kommt, das Thema Digitalisierung sehr weit vorangetrieben haben. Davon haben wir im letzten Jahr sehr stark profitiert. Hinzu kam, dass wir unsere Herausgabekriterien relativ wenig angepasst haben im Vergleich zu anderen Anbietern. Auch das hat zu dem enormen Volumenszuwachs beigetragen.

Thomas Hein, ING Deutschland: „Ich bin sehr froh, dass wir schon vor Jahren, ohne zu wissen, was kommt, das Thema Digitalisierung sehr weit vorangetrieben haben. Davon haben wir im letzten Jahr sehr stark profitiert.“ Foto: ING

Lichner: Laut erster Hochrechnung war der Gesamtmarkt Baufinanzierung etwa 273 Milliarden Euro schwer. Wir konnten aber überdurchschnittlich wachsen. Auch in der Homeoffice-Phase ging das Geschäft ungebremst weiter, da zum Beispiel keine Zeit durch das Umrüsten der Technik verloren ging. Bei den Finanzierungsgründen gab es zunächst einen Switch hin zu Anschlussfinanzierungen, während das Neugeschäft für kurze Zeit ein wenig zurückgegangen ist.

Es hat sich aber alles schnell wieder normalisiert, und die Nachfrage war dauerhaft auf einem unglaublich hohen Niveau. Es war einfach ein sehr gutes Jahr für die Vermittler – und damit auch für Prohyp. Was wir in dem Zuge ebenfalls gesehen haben: Eine starke Marke zu sein, wird immer wichtiger, auch für die Vermittler. Es ist eine hohe Professionalisierung im Markt, von der alle Beteilig-ten profitieren.

Kümpel: Ich kann da meinen Vorrednern im Grunde nur zustimmen. Wir haben überdurchschnittlich vom Wachstum im Markt profitiert. Nicht zuletzt, weil wir auch technisch gut aufgestellt waren. Bereits 2019 haben wir die digitalen Services – und damit die Möglichkeiten im mobilen Office – für unsere Vertriebspartner erheblich ausgebaut und erweitert. Viele unserer Prozesse funktionieren heute viel schlanker. Das hat sich in der Pandemie ausgezahlt. Und unsere Vertriebspartner haben die Services sehr schnell angenommen.

Deshalb gab es 2020 keine Delle. Wir waren immer handlungsfähig und sind deutlich über Markt gewachsen. Wir wissen aus Umfragen, dass der Wunsch nach den eigenen vier Wänden durch die Einschränkungen des Lockdowns, der damit verbundenen häuslichen Enge und den Anforderungen des Homeoffice noch einmal deutlich zugenommen hat.

Wie groß war denn der Effekt hinsichtlich Aussetzung der Tilgung im letzten Jahr?

Kümpel: Natürlich haben wir unseren Kunden das sowohl beim Ratenkredit als auch in der Baufinanzierung bei Bedarf angeboten. Der Effekt war allerdings geringer als gedacht. Vor allem als es dann im Herbst in den zweiten Lockdown ging, hatte ich mit wesentlich mehr Anfragen gerechnet.

Hein: Ich kann Herrn Kümpel da nur zustimmen. Auch wir hatten zunächst mit einem größeren Effekt gerechnet. Der blieb aber aus. Das hat natürlich auch mit der Struktur der Baufinanzierung – wir fokussieren auf den Eigennutzer in der Finanzierung – zu tun. Aber es gab keine größeren Problemfelder, obwohl sicherlich viel Kurzarbeit, etc. im Markt zu sehen war.

Aus unserer Sicht hat dies allerdings nicht auf die Immobilienfinanzierung in Form von Tilgungsaussetzungen, etc. durchgeschlagen. Im Gegenteil: Die Kunden sind nach wie vor daran interessiert, ihre Schulden abzubezahlen, die Baufinanzierung weiter zu tilgen und sich so zu entschulden, um den Langfristplan, den sie irgendwann mal eingegangen sind, auch erfüllen zu können.

Bevor wir zum Wohnimmobilienmarkt kommen, noch eine perspektivische Frage. Welche Entwicklung erwarten Sie in diesem Jahr in Bezug auf Produkte und das Neugeschäft generell?

Lichner: Der Januar war bereits fulminant bei uns. Wir lagen etwa 35 Prozent über dem bereits hervorragenden Vorjahresmonat. Ich sehe für dieses Jahr insgesamt wenig Veränderungen, weder auf der Produktseite – dort sind Annuitätendarlehen nach wie vor das Produkt der Stunde – noch strukturell im Baufinanzierungsmarkt. Es ist viel Liquidität vorhanden, die Kurzarbeit funktioniert relativ gut, und auch viele Gastronomen bewältigen die Krise durch große Kraftanstrengungen irgendwie.

Die Frage aber ist: Was passiert, wenn jetzt wirklich noch mal schlimmere Mutationen auftreten und trotz Impfkampagnen ein neuer Lockdown oder mehrere erneute lange Lockdowns notwendig werden? In einem solchen Fall kann ich mir schon vorstellen, dass das irgendwann auch mal auf die Baufinanzierung durchschlägt. Aktuell sind aber die Sparquoten der Menschen von rund 10 auf 20 Prozent hochgeschnellt. Es liegt also viel Liquidität auf den Konten der Kunden, was dazu führt, dass letztendlich Tilgungen gut erbracht werden können.

Alles in allem sehe ich erneut ein gutes Jahr im Baufinanzierungsbereich vor uns. Hinzu kommt: Nach wie vor steigen die Kaufpreise, was für Vermittlermodelle interessant ist, weil diese relativ zum Kaufpreis bzw. zur Darlehenssumme bezahlt werden.

Hein: Wir werden vor allem die Baufinanzierung vorne sehen, die am flexibelsten ist, was Sondertilgungen, Tilgungsmöglichkeiten an sich oder Tilgungssatzwechsel betrifft. Lange Zinsbindungen werden weiter an Bedeutung gewinnen. Die Kunden wollen nach wie vor Zinssicherheit über lange Jahre. Und auch das Thema Nachhaltigkeit wird in diesem Jahr so richtig Fahrt aufnehmen. Etliche Kreditgeber arbeiten daran, ihre Produkte ESG-konform zu gestalten.

Wolfgang Kümpel, DSL Bank: „Das Thema Nachhaltigkeit steht ganz vorne auf unserer Agenda, besonders mit Blick auf den wachsenden KfW-Markt. Ich bin davon überzeugt, dass wir hier erst am Anfang einer Entwicklung stehen, denn künftige Generationen von Bauherren sind im Hinblick auf Umweltschutz und Ökobilanz weit sozialisiert.“ Foto: Christof Rieken

Kümpel: Das Annuitätendarlehen wird auch bei uns am häufigsten nachgefragt, oft inzwischen bausparunterlegt. Die Tilgungswünsche sind höher, was natürlich Laufzeiten begrenzt und den günstigen Zinsmarkt abbildet. Für uns ist das durchaus erfreulich, denn es wirkt sich positiv auf die Risikosteuerung aus. Das Thema Nachhaltigkeit steht ganz vorne auf unserer Agenda, besonders mit Blick auf den wachsenden KfW-Markt.

Ich bin davon überzeugt, dass wir hier erst am Anfang einer Entwicklung stehen, denn künftige Generationen von Bauherren sind im Hinblick auf Umweltschutz und Ökobilanz weit sozialisiert. Auch die DSL Bank ist hervorragend in dieses Jahr gestartet, die eigenen vier Wände werden wieder eines der Highlights sein.

Lesen Sie hier, wie es weitergeht.
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