Riester-Rente: Raus aus dem Image-Tief

Mehr als zehn Jahre nach ihrer Einführung gehen die Meinungen über die Rentabilität des staatlich geförderten Altersvorsorgeprodukts mehr denn je auseinander. Politik und Versicherer versuchen, den Ruf des einstigen Verkaufsschlagers zu retten. Ob dies gelingt, bleibt offen.

Text: Lorenz Klein

In der Politik sei es wie in der Mathematik, räsonierte der US-Politiker Edward Kennedy: „Alles, was nicht ganz richtig ist, ist falsch.“ Verfolgt man die nun seit Monaten andauernde Debatte um die Riester-Rente, könnte man tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass Politik und Mathematik sehr viele Gemeinsamkeiten haben.

Auf der einen Seite rechnen Verbraucherschützer und Wissenschaftler vor, dass sich die Riester-Rente trotz staatlicher Zulage für den Bürger nicht lohne, auf der anderen Seite kam der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zu dem Ergebnis, dass sich die Riester-Rente für die „allermeisten so gut rechnet wie keine andere Vorsorge“ – die scheinbar über jeden Zweifel erhabene Mathematik ist also hoch politisch geworden.

„Riester-Image ist im Eimer“

Die interessierte Öffentlichkeit rätselt, welche Seite denn nun recht hat – oder – was aus Sicht von Altersvorsorge-Experten der deutlich schlimmere Fall wäre – sie hat kapituliert und sich von entsprechenden Medienberichten und vom Produkt selbst längst abgewendet.

„Das Image der Riester-Rente ist im Eimer“, konstatiert Dr. Mark Ortmann, Geschäftsführer des Instituts für Transparenz in der Altersvorsorge (ITA) in Berlin. Angesichts der massiven und aus Ortmanns Sicht häufig überzogenen Berichterstattung müsse sich heute jeder Riester-Sparer schlecht bedient fühlen – oft zu Unrecht, wie der ITA-Chef betont: „In den allermeisten Fällen stellt ein Riester-Vertrag die beste Anlagemöglichkeit für einen Kleinsparer dar.“

Im Gegenzug stellt Ortmann klar, dass die Branche auch Fehler begangen habe. So gebe es Anbieter, die mit unseriösen Mitteln – vor allem überzogenen Hochrechnungen bei zu hohen Kosten – auf Kundenfang gingen. Das mache das Produkt aber nicht per se schlecht, betont der Wissenschaftler.

Die Frage, ob die Kosten der Riester-Produkte zu hoch ausfallen, bildet den Kern einer Auseinandersetzung, in der sich die Fronten verhärtet haben. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) vom vergangenen Sommer kam zu dem Ergebnis, dass die Rendite für viele Riester-Sparer nicht höher sei als wenn sie ihr Gespartes in den Sparstrumpf gesteckt hätten. Erst mit 78 Jahren würden sich Ein- und Auszahlungen die Waage halten, so Studienautor und Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein, der zudem dem Bund der Versicherten (BdV) vorsteht.

„Bürger werden durch Diskussion verunsichert“

Der GDV reagierte umgehend und machte die Gegenrechnung auf: Eine 30-jährige alleinerziehende Frau mit einem Kind und 18.000 Euro Jahreseinkommen kommt demzufolge bereits mit 71 Jahren bei plus-minus-null heraus. Grund hierfür sei der staatlich geförderte Anteil an den Einzahlungen in Höhe von 63 Prozent.

Sind die 71 Jahren erreicht, gebe es fortan Renditen aufs eingezahlte Kapital: Ab 85 Jahren 5,9 Prozent im Jahr, ab 90 Jahren noch etwas mehr (6,3 Prozent), ergab die Kalkulation des Verbands, der den Kritikern eine „politisch motivierte Anti-Riester-Kampagne“ unterstellt. Der GDV kann sich in der Debatte der Unterstützung seiner Mitglieder gewiss sein, allerdings räumt die Branche ein, dass das Produkt Riester infolge des Streits Schaden genommen hat.

„Was ich an der öffentlichen Diskussion häufig ärgerlich finde ist, dass die Bürger verunsichert werden“, sagt Dr. Christian Bielefeld,

Christian Bielefeld, Hannoversche: „Der Aufklärungsbedarf bei den Produkten ist nach über zehn Jahren Riester-Rente immer noch hoch.“

Vertriebsvorstand des Direktversicherers Hannoversche. „Wenn es um Garantien, lebenslangeZahlungen und das Verhältnis von Risiko und Rendite geht, kommt man an einer Versicherungslösung nicht vorbei“, so Bielefeld. Vor diesem Hintergrund sei die Riester-Rente insbesondere für Geringverdiener sehr attraktiv – die Zulagen würden wie ein „Rendite-Turbo“ wirken.

Dauerbaustelle Zulagenantrag

Auch Alte-Leipziger-Vorstand Reinhard Kunz ärgert sich, dass die Kritik an der Riester-Rente „überzogen und in weiten Teilen nicht sachlich“ sei. Dies betreffe insbesondere Aussagen zu einer vermeintlich ungenügenden Rentabilität für die Kunden, so Kunz. Dass die Riester-Versicherungen zu teuer seien, widerlegten zudem „viele Untersuchungen“. Gleichwohl sieht der Versicherungsmananger Verbesserungspotenzial – zumindest im Detail: „Das Zulagenverfahren ist zu kompliziert. Eine Vereinfachung seitens des Gesetzgebers wäre zu begrüßen.“

In der Tat ist das Thema Zulagenantrag eine Dauerbaustelle und alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Denn regelmäßig lassen viele der 15,6 Millionen Riester-Sparer (Stand: drittes Quartal 2012) die Frist zur Zulagenbeantragung verstreichen: Wer beispielsweise im Jahr 2010 einen Riester-Vertrag abgeschlossen hatte, bislang aber noch keinen Zulagenantrag gestellt hat, hätte dies über seinen Produktanbieter bis spätestens Ende Dezember 2012 nachholen müssen. Andernfalls ist die Zulage für 2010 futsch.

Um Anspruch auf die volle staatliche Grundzulage in Höhe von 154 Euro im Jahr zu haben, müssen mindestens vier Prozent des Vorjahresbruttoeinkommens in ein förderfähiges Riester-Produkt fließen, höchstens aber 2.100 Euro. Für jedes Kind legt der Staat nocheinmal 185 Euro im Jahr drauf, für ab 2008 geborene Kinder gibt es sogar 300 Euro im Jahr.

Dennoch ruft etwa ein Viertel der Riester-Sparer die staatliche Förderung nicht ab, wodurch pro Jahr rund 600 Millionen Euro verschenkt werden – Kinderzulagen nicht mitgerechnet. „Das ist ein Drama, das es eigentlich nicht geben dürfte“, kommentiert Experte Ortmann. In der Tat kann das Versäumen der Antragsfrist leicht durch das Stellen eines sogenannten Dauerzulagenantrags beim Anbieter vermieden werden. Damit läuft das Verfahren automatisch, sodass die Zulage nicht in jedem Jahr neu beantragt werden muss. Der Antrag gilt dann bis auf Widerruf, und nur bei Veränderungen – wie beispielsweise Familienzuwachs – muss der Kunde nochmal aktiv werden.

 

Seite zwei: Aufklärungsbedarf weiter hoch

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