„Wir haben im Moment einen Anlagenotstand“

Der Höchstrechnungszins liegt derzeit bei 0,9 Prozent. Die DAV hatte dem Bundesfinanzministerium eine Absenkung auf 0,5 Prozent zum 1. Januar 2021 empfohlen. Warum verzichtet man nicht auf Garantien?
Bader: Ja, das ist unser Vorschlag. Der muss aber vom Bundesfinanzministerium durch Änderung der Deckungsrückstellungsverordnung umgesetzt werden. Die BaFin hat gerade erst die Unternehmen aufgefordert, sehr gründlich zu prüfen, ob sie wirklich noch den Höchstrechnungszins anbieten wollen oder unabhängig von einer Änderung der Rechtsverordnung ihn nicht doch schon senken wollen.

Dennoch halte ich Garantien für wichtig. Deutlich wird dies in Entsparprozessen wie der lebenslangen Rente: Dort braucht es die Sicherheit, dass die Rente für die Lebensplanung nicht unter ein gewisses Niveau fallen kann. Die jetzige Krise zeigt, wie sicherheitsbedürftig der Deutsche ist.

Diesem Sicherheitsbedürfnis muss man entsprechen. Viele Menschen können nur schlecht damit umgehen, dass bei einem Crash Vermögen an der Börse verloren geht. Hier brauchen wir Absicherungsmechanismen und die gerade auch vor dem Renteneintritt. Sonst kann es sein, dass man im Falle eines Börsen-Crashs zehn Jahre länger als geplant arbeiten muss. Fakt ist aber auch: Wenn das Zinsniveau niedrig ist, können die Basisgarantien nicht hoch sein.

Viele Versicherungsunternehmen verabschieden sich von klassischen Tarifen und bieten moderne Alternativen wie Indexpolicen oder Neue Klassik an. Auch diese Produkte haben Garantieelemente und sind stark gefragt. Haben Sie eine Erklärung, warum die Bevölkerung beim Thema Altersvorsorge auf Sicherheit setzt?
Bader: Dafür ist ein tiefer Blick in die Seele der Deutschen notwendig. Über viele Jahre haben sie mit Bundesschatzbriefen vorgesorgt. Mitte der 1990er-Jahre wurden die Deutschen mutiger, haben sich an die Börse gewagt und sind durch mehrere schwere Krisen gegangen.

Die Welt hat die Deutschen lange Zeit nicht ermutigt, in finanziellen Fragen mutiger zu sein. Jetzt merken wir aber, dass zunehmend chancenorientierte Produkt gefragt werden, allerdings nicht ohne Sicherheitsnetz. Bei der Stuttgarter hat die reine fondsgebundene Police einen Neugeschäftsanteil von rund zehn Prozent.

Das ist im Branchenvergleich schon viel. Und selbst dieses Produkt hat einen garantierten Rentenfaktor. Mittlerweile wird im Hybrid- und Indexsegment das meiste Geschäft generiert. Aber die Menschen suchen ein Stück weit einen Sicherheitsanker. Das muss man akzeptieren.

Seite 3: Die Menschen zu ihrem Glück zwingen

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