BU: „Für Schüler und Studenten dürfte es bis zu 15 Prozent teurer werden“

Zum 1. Januar 2022 wird der Garantiezins deutlich gesenkt. In der Folge wird bei BU-Versicherungen mit einer Verteuerung gerechnet. Und welche Folgen hat die Garantiezinssenkung für die BU-Tarife der Stuttgarter Lebensversicherung?

Bader: Was wir als Stuttgarter planen, kann und will ich Ihnen noch nicht verraten. Grundsätzlich erwarte ich aber, dass es branchenweit zu nennenswerten Preisanhebungen kommen wird, da die BU-Versicherung in der Kalkulation schon ziemlich ausgereizt ist. Viel Spielraum ist da nicht mehr drin. Wir haben zwei Elemente, die in 20211 preissteigernd wirken.

Das ist die Absenkung des Höchstrechnungszinses. Und zum anderen sind es die neuen Invaliditätstafeln der Deutschen Aktuarvereinigung. Beide Elemente haben Preiseffekte, wenn sich ansonsten nichts an den Tarifen verändert. Der Höchstrechnungszins wirkt sich vor allem auf die Preise für junge Neukunden aus. Weil wir dort lange Laufzeiten haben, sind die Zinseszinseffekte maßgeblich.

Ändert sich nur der Rechnungszins, dürften Schüler und Studierende rund zehn Prozent mehr zahlen. Eventuell auch etwas mehr. Bei den 30- bis 35-jährigen dürften die Steigerungen bei fünf bis sieben Prozent liegen. Wenn ich nur die DAV-Tafel ansehe, liegen die Preissteigerungen bei den Jüngeren zwischen zwei bis sechs Prozent.

Für die über 30-jährigen wird es dagegen rund ein bis zwei Prozent günstiger. Nimmt man beide Faktoren zusammen, kommen auf die älteren Steigerungen zwischen drei bis sechs Prozent zu. Für Schüler und Studenten dürfte es bis zu 15 Prozent teurer werden.

Es gibt von Ratingagenturen den Vorwurf, einige Versicherer würden unterkalkulieren. Wie sieht das der Aktuar?

Bader: Wir haben in den letzten fünf bis zehn Jahren Angebote im Markt gesehen, da reibt man sich als Stuttgarter-Vorstand und als Aktuar durchaus die Augen und fragt sich, was das Unternehmen dort gemacht hat. Natürlich läuft in diesen Fällen das Neugeschäft. Aber nach zwei, drei Jahren folgen die Beitragserhöhungen, da die Überschüsse gesenkt werden müssen. Ich glaube, die Preisstabilität ist ein ganz hohes Gut.

Ich versuche als Stuttgarter scharf zu kalkulieren, weil ich als Versicherungsverein den Kunden gute Produkte bieten möchte. Aber niemals über die Grenze hinaus. Man kennt natürlich die Schmerzgrenze nicht exakr, deswegen kalkulieren auch wir mit einer Brutto- und Nettoprämie. Man weiß nie, ob gewisse Krankheiten, wie Covid-19, zu einem starken Anstieg der Invalidisierungsraten in vielleicht 20 Jahren führen.

Aber unter der Prämisse, dass alles halbwegs normal läuft, glaube ich, dass wir die Bezahlprämien für unsere Bestände nicht anpassen müssen. Die meisten kalkulieren ähnlich seriös. Deswegen glaube ich, dass viele die Preissteigerungen weitergeben werden, weil sie es gar nicht anders können. Ich befürchte aber, dass es trotzdem wieder ein paar Ausreißer geben wird, bei denen ich staunend zurückbleibe.

Eine weitere Erkenntnis der Deutschen Aktuarvereinigung ist, dass gerade junge Frauen bis 40 Jahre eine deutlich höhere BU-Eintrittswahrscheinlichkeit haben. Was sind die Gründe?

Bader: Zu einem ganz großen Teil geht die im Vergleich zur alten BU-Tafel der DAV höhere Invalidisierungsrate auf die Psyche zurück. Die psychischen Erkrankungen in den jungen Jahren sind stark gestiegen. Warum, darüber können wir nur mutmaßen.

Ein Grund ist, dass die Erwerbsquote gerade bei jungen Frauen in den letzten 20 Jahren signifikant gestiegen ist. Laut Destatis lag sie im Jahr 2000 bei 57,7 Prozent. Im Jahr 2018 waren es dann bereits 72,8 Prozent. Ich vermute, dass die Doppelbelastung Familie und Beruf einer der Gründe für den Anstieg sein dürfte.

Generell geht die Zahl der psychischen Erkrankungen immer weiter nach oben. Geschlechterunabhängig. Dagegen gehen die Erkrankungen zum Beispiel des Bewegungsapparates deutlich zurück.

Hat diese Entwicklung Folgen für die Preiskalkulation?

Bader: In die Preiskalkulation ist der Trend bis heute einkalkuliert. Aber man kann schlecht einkalkulieren, dass sich der signifikante Trend der letzten Jahre in den kommenden Jahren fortsetzt. Ich hoffe, dass die psychische Gefährdung stärker von Arbeitgebern und Ärzten adressiert wird und etwa in der Prävention auch mehr geleistet werden kann.

Aber wir haben als Aktuarvereinigung in die Tafeln mehr Sicherheitszuschläge, insbesondere für psychische Erkrankungen, eingearbeitet. Allerdings nicht als Trendextrapolation, sondern nur als Sicherheitszuschlag, der erhöht wurde.

Michael Franke kritisiert, dass die durchschnittlichen SBU-/SEU-Renten bei gerade einmal 1.000 Euro im Monat liegen. Das sei viel zu wenig und helfe niemanden, sagt er. Würden Sie ihm zustimmen und was müsste sich hier ändern, um die Renten auf ein akzeptables Niveau zu heben?

Bader: Als Anbieter kennen wir nur die BU-Renten in den einzelnen Häusern und in der Branche insgesamt. Wir wissen allerdings nicht, ob Kunden Verträge in mehreren Häusern haben und kennen nicht deren Höhe insgesamt. Und wir wissen auch nicht, ob etwa der Arbeitgeber im Rahmen der bAV eine BU zusätzlich für seine Mitarbeiter abgeschlossen hat.

Bei der Stuttgarter liegt die durchschnittliche BU-Monatsrente, wenn ich die Beitragsbefreiung herausnehme, bei monatlich 1.175 Euro. Wir sind damit deutlich über dem Durchschnitt. Grundsätzlich sollte die BU-Rente etwa 70 bis 80 Prozent des letzten Nettoeinkommens ausmachen. Ein BU-Rente von 500 Euro, die auf die Grundsicherung angerechnet wird, hilft keinem.

Nichtsdestotrotz scheuen die Kunden, denen nicht so viel Geld zur Verfügung steht, eine entsprechende Absicherung. Fakt ist, dass im Falle einer BU die Einkünfte zusammen ausreichen müssen. Und wir sehen auch eine Tendenz zu höheren Renten. Also die Vermittler machen da ihren Job. (dr)

Das Interview führte Cash.-Redakteur Jörg Droste

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