Viele Anforderungen

Die Coronapandemie wirkt sich auch auf die Gewerbeversicherung aus und betrifft vor allem die Bereiche Cyber, Betriebshaftpflicht und Betriebsschließung. Immer häufiger sind dabei auch Qualitäten zum Managen von Krisen nötig.

Der Global Risks Report 2020 von Marsh & McLennan Companies sieht Cyber seit Jahren unter den Toprisiken bei Wahrscheinlichkeit und potenzieller Schadenwirkung. Die Coronakrise – etwa durch den verstärkten Einsatz von Homeoffice – hat dieses Risiko zusätzlich erhöht. Doch noch fehlen bei diesem noch jungen Segment statistische Grundlagen zur Risikobeurteilung.

Laut Dr. Dietmar Kottmann, Partner und Verantwortlicher Versicherungsgeschäft DACH bei Oliver Wyman, konzentrierten sich Versicherer auf kontrollierbare Grenzen der Versicherbarkeit und Kumulproblematik, Marktteilnehmer spürten Druck auf Kapazitäten und Preise. „Absehbar ist Cyber keine Zeitbombe für die, die wissen, was sie tun – also diversifizierte Portfolios und hohes technisches Know-how aufweisen”, so Kottmann.

Aber wie weiß man, was man tut? Was erwarten Unternehmen von Maklern? Fonds Finanz, JDC, Policen Direkt und Vema geben Auskunft. Gewarnt wird vor „Cyber-light-Versicherungen“, wegen Deckungslücken. Individuelle Risiken, wie IT-Infrastruktur, Kundendatenverarbeitung etc. seien exakt zu analysieren, Bedingungen eindeutig zu formulieren, sowohl was die Abdeckung als auch die Leistungspflicht des Kunden betreffe.

Zu prüfen sei, ob Risiken mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden könnten oder bereits durch andere Versicherungen abgedeckt seien. Die Deckungssumme müsse ausreichend kalkuliert werden. Must-haves der Abdeckung seien Fremdschäden wie Schadensersatzanforderungen, Eigenschäden an persönlichen Daten und durch Betriebsunterbrechung, sowie Serviceleistungen wie IT-Forensik-Experten, Anwälte für IT- und Datenschutzrecht und PR-Spezialisten für Krisenkommunikation.

Gute Komplettlösungen

Weitere wichtige Punkte seien Bedienfehler, Cyber-Betrug und Ausfall von Cloud-Anbietern. Auch das Verhalten im Falle einer Lösegeld-Forderung sei zu klären. Der Versicherer solle mit professionellen Dienstleistern zusammenarbeiten und eine 24/7-Notfallnummer haben. Die Angebote der großen Player und von Spezialanbietern seien insgesamt gut, besonders für KMU gebe es gute „Komplettlösungen“.

Allerdings sei das Produkt noch neu, entwickle sich sehr dynamisch, breite Erfahrungen im Schadenfall fehlten. Andreas Komescher, Director, Head of Liability bei Willis Towers Watson, erwähnt noch die Wichtigkeit einer abschließenden Regel zur Gefahrerhöhung bei der Anzeigepflicht sowie einer Repräsentanten-Klausel, die auch den Leiter der IT einschließe.

Diese Themen seien nicht Standard in den Bedingungen und manche Versicherer wollten sie nicht umsetzen. Darüber hinaus falle laut einer aktuellen Schadenanalyse, aktuell bei der Allianz, ein Großteil der Schäden auf Cyber-Erpressung. Dafür gäbe es zwar Deckungsschutz, allerdings würde dieser bei einigen Versicherern nicht automatisch aktiviert, sondern sei ausdrücklich zu versichern.

Die Bedingungen entwickelten sich in entgegengesetzte Richtungen: Schadensachverhalte zeigten, welche Kosten mitversichert werden sollten – andererseits wollten die Versicherer diese begrenzen. Weitere Problemfelder liegen im Bereich der kalkulatorisch nicht zu fassenden Silent Cyber-Risiken und Klauseln, die kriegsähnliche Handlungen und Terror ausschließen.

Auch die Betriebshaftpflicht ist in einigen Punkten von Corona tangiert. Das Cyberrisiko ist bekannt. Aber wer bedenkt, dass ein vom Arbeitgeber bereitgestelltes Equipment einen Brandschaden verursachen kann? Weiterhin muss der Versicherungsnehmer die Vorschriften für Hygienemaßnahmen einhalten, um seine Verkehrssicherungspflichten nicht zu verletzen und Kunden oder Lieferanten vor Ansteckungen zu schützen. Jede Änderung des Geschäftsmodells, auch wegen Corona, ist anzuzeigen. Auch seien Arbeitnehmer im Homeoffice regelmäßig nicht unfallversichert, was interessantes Anschlussgeschäft sei.

Rouget Pletziger, Principal bei Oliver Wyman, sieht die signifikanten Herausforderungen in der Betriebshaftpflicht über den gewerblichen Bereich hinaus: Supply-Chain-Risiken wie Produktrückruf und Produktschutzthemen sowie gezieltes Risk Management stünden aktuell im Fokus der Industrie. Neue Herausforderungen durch Corona lägen eher im Haftpflichtsektor des Mittelstands und der Industrie. Dessen ungeachtet konfrontiere Corona die Branche mit einer fundamentalen Frage, die auch vor Corona gerne übergangen worden sei: Passen Produktlösungen und Klauseln, die für Firmen des 20. Jahrhunderts konzipiert wurden, überhaupt noch auf die Geschäftsmodelle, Risiken und Anforderungen der Firmen von heute?

Bei Cyberschutz gilt es, die IT-Infrastruktur und die Kundendatenverarbeitung exakt zu analysieren

Ein heißes Eisen ist derzeit auch das Thema Betriebsschließungen. Das Segment hat mit etlichen juristischen Auseinandersetzungen zu kämpfen. Eine pragmatische Lösung kommt von JDC-Chef Dr. Sebastian Grabmaier, der meint, alles oder nichts, Versicherer sollten Pandemien mitversichern oder den Schutz bei Betriebsschließungen ganz einstellen. Vema-Vorstand Herrmann Hübner sagt: „Wir bemerken in der Praxis keinen Vertrauensverlust.“ Nicht alle Unternehmen hätten eine entsprechende Versicherung abgeschlossen, beispielsweise die Textileinzelhändler. Hübner bewertet Pandemien als nicht versicherbar und „zieht den Hut” vor Versicherern, die voll regulieren.

Vor Gericht hätten beide Seiten gute Karten. Ganz gleich, wie die Urteile zum Thema Betriebsschließung ausfallen werden, die aktuelle Situation sollte als Chance gesehen werden, um zukünftige Ereignisse besser zu bewältigen. Als Option sehen Marktforscher den bereits von der versicherungsnehmenden Industrie geforderten privatwirtschaftlich-staatlichen Pandemie-Pool, um Versicherungsnehmern im Falle einer Pandemie die vollumfängliche Leistung zukommen zu lassen.

Die Versicherer könnten sich damit in der Gemeinschaft entlasten. Einige Länder seien hier schon weiter als Deutschland. Ein vollumfänglich privatwirtschaftlicher Schutz vor Betriebsschließungen und Insolvenzen aufgrund einer Pandemie sei auch zukünftig illusorisch.
Auch kleineren Maklern bieten gewerbliche Versicherungen ein lukratives Feld, sofern sie sich intensiv weiterbilden.

Angebote machen alle Pools. Willis Towers Watson fasst die erforderlichen Skills zusammen: bei Cyber IT und Mitarbeiterschulungen, die Sparten Haftpflicht-, Sach-BU, K&R, VSV und Assistance-Leistungen, präventives Krisenmanagement, internationale Beratung. Bei Betriebsschließungen gelte es, sich fachlich in die Bedingungswerke einzuarbeiten.

Von Silvia Fischer, Diplom-Betriebswirtin und Journalistin (FJS), und Frank Milewski, Cash.

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