Zeitenwende in der Altersvorsorge: Garantiezins sinkt auf 0,25 Prozent

Komplexer wird es bei Indexpolicen. Dort werden die Überschüsse für eine Beteiligung an einem Index verwendet, vorausgesetzt der Kunde wählt die Indexpartizipation. „Wählt er diese ab, funktioniert eine Indexpolice ähnlich einer neuen Klassik. Wird die Indexpartizipation gewählt, wird mit den Überschüssen mit Hilfe von Optionen eine Beteiligung an einem Index erworben. In guten Börsenjahren werden die Gewinne daraus dem Vertrag jährlich gutgeschrieben. In schlechten Jahren hingegen verfällt die Option und das Vertragsguthaben bleibt unverändert. Am Ende der Vertragslaufzeit gewährt der Versicherer wiederum ein Mindestkapital“, erklärt IVFP-Aktuar Staffe das System.

„Kunden und Vermittler sollten in jedem Fall auf einen leistungsfähigen Anbieter mit wettbewerbsfähiger Deklaration achten“

Da all diese Produktformen auf dem Deckungsstock und somit auf einem konventionellen Überschusssystem des Lebensversicherer basieren, sollten Kunden und Vermittler in jedem Fall auf einen leistungsfähigen Anbieter mit einer wettbewerbsfähigen Deklaration achten, rät Heermann. Darüber hinaus gelte es, auf die Verwendungsart der Überschussbeteiligung zu schauen. Also: in welchen Zielinvestments das Geld angelegt werde.

Bei Indexpolicen spielten, so Heermann, dann noch spezifische Faktoren eine Rolle, etwa die Höhe von Cap oder Quote, die Modalitäten zur Feststellung der Indexrendite und letztlich die Performance und Volatilität der zugrunde liegenden Indizes. All diese Faktoren hätten Einfluss auf die zu erwartenden Renditen. Und die können sogar zwischen einzelnen Verträgen stark schwanken. Hinzu kommt: Die Effektivkosten bei Indexpolicen höher als bei der Neuen Klassik.

„Wenn es gut läuft, können Indexpolicen die Neue Klassik outperformen, wenn es schlecht läuft, muss der Kunde in einzelnen Indexjahren auch häufiger Nullrenditen in Kauf nehmen. Über alle Tarife und Indexstichtage gesehen lag die durchschnittliche Rendite von Indexpolicen in den vergangenen Jahren bei rund 2,5 Prozent. Gute Tarife aus der Neuen Klassik können das auch schaffen“, sagt Heermann. Für welches Produkt sich der Kunde letztendlich entscheidet, sollte von der persönlichen Präferenz abhängen. Von der Garantiezinsabsenkung indes sind beide Produkte betroffen. Die Auswirkungen sind allerdings unterschiedlich.

Lars Heermann, Assekurata

„Der Rechnungszins, der den Sparbeitrag verzinst, wird bei neuen Indexpolicen zu einer geringeren garantierten Ablaufleistung führen. Bei den Indexpolicen wird also vor allem die laufende Verzinsung für das kommende Jahr interessant und ob die Gesellschaften bei den Überschüssen, das Niveau halten können. Bei den neuen Klassik Tarifen, die häufig noch 90 bis 100 Prozent Beitragssumme zum Ende der Aufschubzeit garantieren, wird die Rechnungszinssenkung die Garantiehöhe in Abhängigkeit des Beitrags sichtbar beeinflussen. Mehr als 80 Prozent Beitragssumme zu garantieren, wird schwer zu stemmen sein. Hier haben schon einige Gesellschaften auf eine laufzeitabhängige Garantie umgestellt, sodass erst ab einer Laufzeit von, im besten Fall, 35 Jahren die 100 Prozent erreicht werden können“, erklärt Ellen Ludwig, Geschäftsführerin von Ascore Analyse in Hamburg.

„Der neue Rechnungszins wird bei neuen Indexpolicen zu einer geringeren garantierten Ablaufleistung führen“

Wie die Kunden im kommenden Jahr auf den weiteren Rückzug aus der Garantie reagieren, lässt sich heute nicht absehen. Ganz ohne Sicherheitsnetz wird es wahrscheinlich aber auch in Zukunft bei vielen Kunden nicht gehen. „2021 wählt bereits jeder zweite Kunde bei den chancenreichen Vorsorgekonzepten ein Garantieniveau von 80 Prozent oder darunter. Und in der privaten Altersvorsorge liegt das durchschnittliche Garantieniveau bei Neuabschlüssen derzeit bei 75 Prozent“, erklärt Franz Billinger, Pressesprecher der Allianz Lebensversicherung, Stuttgart.

Wie aktiv die Kundinnen und Kunden diese Strategie aktiv mittragen, zeigt sich an der Entwicklung des derzeit stark nachgefragten Vorsorgekonzepts Komfort Dynamik. Kunden können hier zwischen Garantieniveaus von 60, 80 und 90 Prozent wählen. „Der Absatz von Komfort Dynamik hat im ersten Halbjahr 2021 im Vergleich zum Vorjahr um zwei Drittel zugelegt.

An den Neuabschlüssen zeigt sich auch, dass die Sparer selbst mehr und mehr auf zeitgemäße Garantien setzen, betont Billinger. „Drei Viertel der Kunden haben vor fünf Jahren bei unserem Vorsorgekonzept Invest Flex noch die volle Beitragsgarantie gewählt, 2020 nur noch ein Viertel. 2021 setzt mittlerweile sogar 30 Prozent auf eine möglichst chancenreiche Vorsorge ohne Beitragsgarantie“, so der Pressesprecher. Die volle Beitragsgarantie bietet die Allianz bei Invest Flex mittlerweile aber nicht mehr an. Kunden können nur noch zwischen Grantieniveaus von 60, 80, 90 Prozent wählen. Oder aber komplett auf das Sicherheitsnetz verzichten.

Auch die Stuttgarter Lebensversicherung hat inzwischen das Produktportfolio in der Altersvorsorge deutlich auf chancenorientiert umgestellt. Und zwar bereits in der letzten Dekade, wie Jens Göhner, Leiter Produkt- und Vertriebsmarketing Vorsorge und Investment bei der Stuttgarter Lebensversicherung, betont. „Neben unserer Indexrente Index-Safe bieten wir seit dem Jahresbeginn unserer neue Fondsrente Performance Plus an.“ Bei letzterer können Kunden eine Beitragsgarantie von maximal 80 Prozent anwählen. Oder auch komplett verzichten.

Abhängig von der Garantiehöhe verteilt sich das Kundenguthaben auf zwei Anlagetöpfe: „Unabhängig von der Garantiehöhe fließt hier der Sparanteil der Beiträge in der Anfangszeit bei laufenden Beitragszahlungen zu 100 Prozent in die Fondsanlage. Für Kunden bedeutet das schnelleres Wachstum“, erklärt Göhner.

Bei Index-Safe können sich Kunden an zwei Indizes beteiligen, dem MAX Multi Asset Index und dem nachhaltigen Grüne Rente Index. „Wir beteiligen die Kunden mit einer prozentualen Quote, der Partizipationsquote, an der Jahresrendite des Index. Dieses Beteiligungsprinzip ist für Kunden einfacher und leichter nachvollziehbar als das sogenannte Cap-Modell, bei dem die Gewinne des Kunden gedeckelt werden. Außerdem bietet die Partizipationsquote in stark schwankenden Kapitalmärkten bessere Chancen auf höhere Durchschnittsrenditen“, sagt Göhner.

Um die Performance zu erhöhen, haben die Stuttgarter zudem einen so genannten Index-Turbo integriert. Mit ihm können Kunden die Partizipationsquote erhöhen, indem sie einen Teil ihres Vertragsguthabens für eine höhere Beteiligung am Index einsetzen. Mit dem Index-Turbo werde die Quote um 50 Prozentpunkte erhöht, mit dem Turbo-Plus sogar um 100 Prozentpunkte. Den Turbo hatte der Versicherer 2016 auf den Markt gebracht. „Vermittler mussten zu Beginn die Idee erst kennen lernen und verstehen. Inzwischen wird der Index-Turbo aber sehr gut angenommen. In 54 Prozent aller Verträge wird der Turbo inzwischen eingeschlossen“, sagt Göhner.


Auch Thomas Heß, Marketingchef der WWK, sieht die Altersvorsorge im Umbruch. Vor dem Hintergrund der Niedrigzinsphase und der erneuten Senkung des Höchstrechnungszinses zum 1. Januar 2022 auf 0,25 Prozent werde es für die Versicherungswirtschaft immer schwieriger, Vorsorgeprodukte mit voller Beitragsgarantie anzubieten, die dem Sparer eine auskömmliche Rendite ermöglichen.

Thomas Heß, WWK

„Diese Tatsache führt sukzessive zu einem grundsätzlichen Systemwechsel. Garantien treten in den Hintergrund, höhere Renditechancen in den Vordergrund. Damit verbunden sind vielfach auch höhere Anlagerisiken, die aber bei langfristiger Betrachtung beherrschbar erscheinen. Da Altersvorsorge ein langfristiger Prozess sein sollte, kann eine chancenorientierte Strategie durchaus bedarfsgerecht sein“, sagt Heß.

Dennoch hält der WWK-Mann einen kompletten Verzicht auf Garantien für viele Kunden für nicht sinnvoll. „Die vergangenen Krisen am Kapitalmarkt haben gezeigt, wie sicherheitsbedürftig insbesondere der Deutsche ist.“ Diesem Sicherheitsbedürfnis wolle man weiter entsprechen.

Daher bietet der Konzern für sicherheitsorientiertere Kunden auch künftig Tarife mit endfälliger Kapitalgarantie an. Allerdings hält Heß für viele Kunden Produkte etwa mit einer Garantie von 70 oder 80 Prozent der Beiträge für besser geeignet als Produkte mit vollständigen Beitragsgarantien. „Sie bieten immer noch einen Schutz gegen starke Verluste, ermöglichen aber gleichzeitig ein höheres Renditepotenzial“, sagt Heß.

Seite 3: Mehr in Risiko

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