HDI-Studie zu Cyberattacken auf KMU: Nur 25 Prozent hatten eine Cyberversicherung

Bereichsvorstand HDI Christian Kussmann
Foto: HDI
Christian Kussmann, Bereichsvorstand Firmen und Freie Berufe der HDI Versicherung sieht in der Einstellung zu Cybergefahren ein großes Risiko: „Cyber-Bedrohungen sind dynamisch. Wer in Sachen Cybersicherheit nicht auf dem aktuellen Stand bleibt und laufend seine Schutzvorkehrungen und Präventionsmaßnahmen anpasst, kann leicht zum Opfer werden.“

Mehr als eine der rund 3,5 Millionen kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) in Deutschland haben in den letzten Jahren bereits Cyberangriffe gegen das eigene Unternehmen erfahren müssen. Vor allem unter den Mittelständlern mit 50 bis 250 Mitarbeitern berichten 57 Prozent der Unternehmen, mindestens einmal von einer Cyber-Attacke betroffen gewesen zu sein. Die Schäden lagen bei bis zu 500.000 Euro, wie die aktuelle Cyber-Studie von HDI zeigt.

Die Anzahl von Cyberattacken gegen Unternehmen ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Mehr als eine Million der rund 3,5 Millionen kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) in Deutschland hat in den letzten Jahren bereits Cyberangriffe gegen das eigene Unternehmen erfahren müssen.

Vor allem unter den Mittelständlern mit 50 bis 250 Mitarbeitern berichtet mehr als jedes zweite Unternehmen (57 Prozent), schon mindestens einmal von einer Cyber-Attacke betroffen gewesen zu sein. Das sind Ergebnisse der aktuellen HDI Cyber-Studie, zu der Versicherungs- und IT-Entscheider von mehr als 500 KMU in Deutschland durch das Forschungs- und Beratungsinstitut Sirius Campus repräsentativ befragt wurden.

Schäden zwischen 95.000 bis 500.000 Euro

Fast drei Viertel der erfolgreichen Angriffe (72 Prozent) verursachen dabei erhebliche Schäden und kosten KMU im Schnitt 95.000 Euro. Bei Freiberuflern liegt der Schadendurchschnitt laut Studie sogar bei 120.000 Euro und größere Mittelständler berichten von Schäden von bis zu 500.000 Euro.

Dass laut Untersuchung Mittelständler überdurchschnittlich betroffen waren, heißt jedoch nicht, dass kleinere und Kleinstunternehmen für die Angreifer nicht interessant sind. Auch rund ein Drittel (31 Prozent) der Kleinstunternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern und 37 Prozent der Kleinunternehmen mit 10 bis 49 Mitarbeitern sind in den letzten Jahren bereits Opfer von Cyber-Attacken geworden.

„Die häufig geäußerte Ansicht, dass kleinere Unternehmen für Cyber-Angriffe nicht interessant seien, ist durch die Praxis klar widerlegt“, sagt dazu Christian Kussmann, Bereichsvorstand Firmen und Freie Berufe der HDI Versicherung AG.

Zudem zeige sich ein genereller Trend: Kleinere Unternehmen gerieten verstärkt in den Fokus seitdem sich größere Unternehmen besser gegen solche Angriffe schützten. KMU haben dagegen häufig nicht so hohe Sicherheitshürden wie große Unternehmen. Außerdem nutzen Angreifer die KMU auch als „Point of Entry“ für weitere Angriffe. Denn als Dienstleister unterhalten sie häufig auch IT-Schnittstellen zu Großunternehmen.

Angriffe hauptsächlich über Schwachstelle „Mensch“

Zudem zeigt die Studie, dass die Angriffsmethoden immer ausgefeilter und technisch anspruchsvoller werden. So erfolgen die Attacken über erweiterte Computer- und IoT-Netzwerke oder über Wartungsschnittstellen von Druckern oder Kopierern. Allerdings seien es bislang relativ wenige Unternehmen, die in der Praxis bereits auf diese Weise attackiert wurden, heißt es in der Studie. Schwerpunkt der Angriffsmethoden sei weiterhin die Schwachstelle Mensch.

Spam, Phising oder Identitätsfälschungen – Neugier und Arglosigkeit der Mitarbeiter ist das Problem

So geben 20 Prozent der Unternehmen an, dass sie bereits durch Vortäuschen falscher Identitäten, Spam- oder Phishing-Mails attackiert wurden. Fast genauso viele wurden über verseuchte Anhänge in E-Mails an Mitarbeiter und Schadsoftware angegriffen.

„Die Untersuchungsergebnisse zeigen klar: Angreifer wählen den Weg des geringsten Widerstands. Beim allergrößten Teil der Angriffe nutzen Angreifer Unaufmerksamkeit, Neugier oder Arglosigkeit bei Mitarbeitern, um in die IT-Netzwerke der Firmen einzudringen,“ sagt Kussmann. Technisch anspruchsvollere Angriffsmethoden gälte es trotzdem weiter im Fokus zu behalten und technische sowie organisatorische Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Betriebsunterbrechungen und Diebstahl von Kundendaten

Bei rund einem Viertel der betroffenen Unternehmen (24 Prozent) legte laut der HDI-Studie die Attacke den Betrieb lahm. Reale Beispiel seien, dass ein Unternehmen aufgrund der kompromittierten Systeme seine Kunden vorübergehend nicht beliefern konnte; ein anderes konnte nicht mehr auf E-Mails und Firmennetzwerk zugreifen. Buchführung und Kundenservice waren lahmgelegt. Laut der Studie stufen immerhin 43 Prozent der Unternehmen Betriebsunterbrechungen als Folge von Cyberattacken als besonders relevant ein.

Als noch relevanter bewerten die befragten Unternehmen den Diebstahl von Kundendaten: 45 Prozent der Befragten sahen hier eine große Relevanz. Fast jedes vierte der angegriffenen Unternehmen (22 Prozent) war bereits hiervon betroffen.

Ebenso häufig sind Auswirkungen auf den Ruf des Unternehmens: 22 Prozent der attackierten Unternehmen beklagen Image- und Reputationsschäden infolge der Cyberangriffe. Zudem sahen sich 15 Prozent mit Schadenersatzforderungen von Kunden konfrontiert und 16 Prozent mit Industriespionage und dem Verlust geheimer Unterlagen.

Betriebsunterbrechungen treiben die Schadenkosten in die Höhe

Betriebsunterbrechungen erweisen sich auch als wichtiger Treiber der Schadenhöhe. Bei mehr als der Hälfte der betroffenen Unternehmen war der Betrieb laut Studie für mindestens zwei Tage eingeschränkt. Bei rund 15 Prozent dauerten die Betriebstörung nach HDI-Angaben sogar zwischen vier bis sieben Tagen.

Besonders hart getroffen wurden dabei Kleinstunternehmen. Ein Studienteilnehmer beschreibt die Situation so: “Eine als legal propagierte Software stellte sich als Schadsoftware heraus und war extrem schwierig zu entfernen. Sämtliche Softwaretools zur Behebung waren unwirksam. Die Beseitigung war nur möglich im abgesicherten Modus des Betriebssystems und durch manuelles Entfernen jeder einzelnen Datei.“

Angriffe häufig nur zufällig entdeckt

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Cyberangriffe bei kleinen und mittelständischen Unternehmen werden oft nur zufällig entdeckt. „Wenn eine Schadsoftware lange unerkannt im System bleibt, besteht häufig die Gefahr, dass die besonders schwerwiegende Schäden anrichtet“, warnt Kussmann.

Das Ziel müsse daher sein, Angriffe frühzeitig zu erkennen und Schadsoftware unschädlich zu machen. Insgesamt gaben jedoch 28 Prozent der betroffenen KMU an, dass Cyberattacken nur durch Zufall entdeckt wurden. Bei Kleinst- und Kleinunternehmen war dies sogar bei jeweils rund einem Drittel der Firmen der Fall.

Mittelständische Unternehmen entdeckten Cyber-Angriffe dagegen zum großen Teil durch systematisches Screening. Neben der Überprüfung veröffentlichter Schwachstellen gehört das Screening zu den erfolgversprechendsten Methoden, Cyberattacken möglichst frühzeitig zu bemerken und Gegenmaßnahmen einleiten zu können. Kleinere Unternehmen haben hier oft erheblichen Nachholbedarf, so die Studienautoren.

Besonders schlecht für Unternehmen ist dagegen, wenn Cyberangriffe erst durch die Schäden, die sie anrichten, bemerkt werden. Etwa ein Fünftel der von Cyberattacken betroffenen Unternehmen musste bereits derartige Erfahrungen machen.

Einsatz von Spezialisten und Austausch des IT-Dienstleisters

Bei der Schadenbeseitigung kam meistens ein unternehmenseigenes Team oder der interne Verantwortliche für Informationssicherheit der Unternehmen zum Einsatz. Rund die Hälfte der attackierten Unternehmen setzen bei der Schadenbeseitigung auf interne Kräfte.

Zum Beispiel trennt in einem solchen Fall ein speziell geschultes Team das kompromittierte System vom Netzwerk und setzt das System neu auf, spielt ein Backup ein oder entfernt die Schadsoftware. Anschließend werden ein FullScan der Systeme und weitere forensische Untersuchungen durchgeführt. 38 Prozent überließen die Aufgabe ihrem IT-Dienstleister. Außerdem gaben 30 Prozent der Betroffenen an, IT-Spezialisten der Cyberversicherung zu Rate gezogen zu haben.

Die Härtung der eigenen Systeme mit neuer Soft- und Hardware sowie zusätzlichen Präventionsmaßnahmen standen nach einer Cyber-Attacke bei vielen im Fokus: jeweils über ein Drittel Unternehmen entschieden sich für mindestens einen dieser Schritte. Dass Cyberangriffe zu Schäden führten, hatte häufig auch Auswirkungen auf die Zusammenarbeit mit IT-Dienstleistern: Für rund ein Fünftel der bisherigen IT-Dienstleister bedeutete es das Aus beim attackierten Unternehmen: 21 Prozent der Unternehmen wechselten in der Folge den IT-Dienstleister.

Als Konsequenz der erlittenen Cyber-Attacke entschieden sich außerdem über ein Viertel der betroffenen Unternehmen für den Abschluss einer Cyber-Versicherung. Denn gerade nach größeren Schäden tritt die Frage nach einem möglichen Versicherungsschutz in den Fokus.

Nur bei einem Viertel der Schadenfälle war der Schaden umfassend durch eine Cyber-Versicherung abgesichert. 30 Prozent der Befragten verfügten dagegen über keinerlei Versicherungsschutz für den erlittenen Schaden.

Für die Cyber-Studie waren mehr als 500 Versicherungs- und IT-Entscheider in KMU durch das Forschungs- und Beratungsinstitut Sirius Campus befragt worden.

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