Jörg Arnold: „Nachhaltigkeit ist kein Selbstläufer“

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Jörg Arnold, Swiss Life

Seit dem 2. August 2022 müssen Verbraucherinnen und Verbraucher in Finanzberatungsgesprächen nach ihren Nachhaltigkeitspräferenzen gefragt werden. Doch immer noch fehlen hier einheitliche Standards. In einem Debattenbeitrag formuliert Swiss Life-CEO Jörg Arnold fünf Punkte, wie sich das Potenzial nachhaltiger Geldanlagen besser nutzen lässt

„Neulich traf ich den 27-jährigen Laurin. Er ist Kunde unserer Finanzberatung und bei
unserem Treffen sprach er begeistert davon, dass er mithilfe seiner Altersvorsorge die
Nachhaltigkeit unterstützen kann. Laurin ist leider eine Ausnahme. Nur selten treffen wir in
unseren Beratungsgesprächen auf Menschen, die sich einen Zusammenhang zwischen ihrer
Geldanlage und Nachhaltigkeit generell vorstellen können. Überhaupt sind Finanzen kein
Thema, das eine Mehrheit der Menschen so begeistert wie Laurin. Doch dabei lassen wir
Potenziale liegen. Denn je höher das Finanzwissen, desto höher ist auch die
Investitionsbereitschaft für nachhaltige Finanzprodukte. Was also tun, wenn kein
Finanzwissen vorliegt? Für die Politik und die Finanzindustrie gilt es, daraus die richtigen
Schlüsse zu ziehen und zu handeln.

Die Vorstellungen von Nachhaltigkeit sind unterschiedlich

In regelmäßigen Abständen treffe ich mich nach dem Zufallsprinzip mit unserer Kundschaft,
in den vergangenen fünf Jahren kamen so rund 50 Gespräche zustande. Meist stoße ich auf
überraschte Gesichter, wenn ich das Thema Nachhaltigkeit in Verbindung mit Geldanlagen
anspreche. Sobald ich meinen Gesprächspartnerinnen und -partnern dann etwas darüber
erzähle und aufkläre, wie Investitionen nachhaltig getätigt werden können, dann sind sie
grundsätzlich offen und interessiert. Die Gespräche zeigen aber auch, dass unter den Verbraucherinnen und Verbrauchern ein breites Spektrum vorherrscht, was unter nachhaltigen Geldanlagen verstanden wird und was sie leisten sollen.

Einige Beispiele aus meinen Gesprächen:
„In meiner Lebensversicherung ist mir die Rendite am wichtigsten. Wenn nachhaltige Alternativen entsprechende Renditechancen haben, würden diese mein Interesse wecken, sonst nicht. Im Privaten achte ich darauf, regionale Produkte zu kaufen. Das Thema ist mir schon wichtig.“ Jan B., 25 Jahre.

„Wer sagt mir denn, wie nachhaltig das Finanzprodukt wirklich ist, auch wenn es dort steht.; Nachhaltigkeit bei Finanzprodukten erhöht bloß die Komplexität. Wenn diese verkauft werden, ist das Marketing.“ Laura F., 34 Jahre.

„Nachhaltigkeit wird immer wichtiger für mich und meinen Freundeskreis. Ich habe selbst nachhaltige ETFs und wäre in einem gewissen Maße auch bereit, auf Rendite zu verzichten.“ Caroline S., 26 Jahre.

Sicher, wir alle haben eine eigene Vorstellung von einem nachhaltigen Leben. Wenn es um
nachhaltige Finanzanlagen geht, stoßen Verbraucherinnen und Verbraucher aber sehr schnell an ihre Grenzen. Unsere regelmäßigen und repräsentativen Marktforschungen zeigen, dass lediglich fünf Prozent der Menschen Nachhaltigkeit und Altersvorsorge spontan in Verbindung bringen.

Und sie entscheiden sich für nachhaltige Lösungen erst dann, wenn sie darüber informiert sind. Über ein echtes Finanzwissen verfügen aber leider nur sehr wenige. Das ist schade, denn das Potenzial wäre hoch: 42 Prozent der informierten Personen haben schließlich eine konkrete Bereitschaft für ein ESG-konformes Investment.

Die Hälfte von ihnen würde eine nachhaltige Geldanlage abschließen, wenn sie aktiv darauf angesprochen wird und 65 Prozent wünschen sich deshalb auch explizit eine Beratung zum Thema. Umso wichtiger ist es, dass sie in der Beratung auch Antworten erhalten.

Finanzberatung als Hebel für die gesellschaftliche Transformation

Nachhaltigkeit ist also kein Selbstläufer. Erst wenn Menschen von Fachleuten über die Möglichkeiten und Optionen informiert werden, entsteht echtes Interesse für nachhaltige Geldanlagen und damit eine wachsende Bereitschaft für wichtige Investitionsentscheidungen in die gesellschaftliche und ökologische Transformation.

Mit nachhaltigen Geldanlagen können Kundinnen und Kunden gleichzeitig für sich vorsorgen, Renditen erzielen und einen bequemen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten. Eine Finanzberatung ist also ein wichtiger Hebel, Nachhaltigkeit in die Gesellschaft zu tragen.

Erst Nachhaltigkeitspräferenzen erfragen und dann?

Seit dem 2. August 2022 müssen Kundinnen und Kunden gemäß den Vorgaben der IDD
(Insurance Distribution Directive) im Beratungsgespräch aktiv nach ihren
Nachhaltigkeitspräferenzen befragt werden. Mit Blick auf die oben aufgeführte Ausgangslage
ist das eine gute Sache.

Schwierig wird es dann aber, wenn Kundinnen und Kunden zum Beispiel Rückfragen stellen, die noch niemand einheitlich beantworten kann – auch nicht unsere Beraterinnen und Berater. Zum Beispiel ist es aktuell schon schwierig zu definieren, was eigentlich nachhaltig ist und was eben nicht. Denken wir beispielsweise an das kontroverse Thema Atomkraft.

Ist das nachhaltig, ja oder nein? Darüber hat jeder und jede vermutlich eine persönliche Meinung. Nach der aktuellen europäischen Taxonomie ist Atomenergie nachhaltig. In Deutschland geht die Tendenz wohl dahin, sie dauerhaft als nicht nachhaltig anzusehen. Noch komplizierter kann es werden, wenn man sich einzelne Geschäfts- und Anlagetätigkeiten und Wertschöpfungsketten genauer ansieht.

Fünf Punkte für mehr Wirkung und Akzeptanz

Wir brauchen aber klare Standards bei der Definition und Auslegung von Nachhaltigkeit, um
ein einheitliches Verständnis sicherzustellen – gerade auch im Beratungsgespräch. Es kann
nicht sein, dass wir zuerst nach Bedürfnissen und Präferenzen fragen und dann nichts
anbieten können, was dem Bedarf entspricht.

Nicht, weil es an Produkten mangelt, sondern weil wir gesetzgeberisch einen Schritt vor dem anderen getätigt haben. Die Chancen der nachhaltigen Geldanlagen sind zu groß, als dass wir sie verspielen sollten. Aus diesem Grund sind Politik und die Finanzindustrie gleichermaßen aufgerufen, das Thema auf die Agenda zu bringen und im Schulterschluss und vor allem zeitnah Lösungen zu entwickeln.

Aus meiner Sicht wären fünf Punkte notwendig:

1. Finanzberatung stärken
Finanzberatung zum Thema Nachhaltigkeit muss gestärkt und darf nicht behindert werden.
Zu oft führen wir ideologische Scheindebatten über die Daseinsberechtigung der
Finanzberatung. Sie wird von den Menschen genutzt und leistet einen wichtigen Beitrag.

2. Gemeinsames Verständnis entwickeln
Gemeinsam mit der Politik und Kapitalanlegerinnen und -anlegern muss definiert werden,
was nachhaltig ist und was nicht. Und zwar zeitnah. Wichtig dabei ist zu berücksichtigen, wie
Verbraucherinnen und Verbraucher über das Thema Nachhaltigkeit denken. Eine
ausschließlich weltanschauliche Diskussion braucht es nicht. Halten wir uns an Fakten,
Kundenbedürfnisse und wagen wir etwas Pragmatismus.

3. Nachhaltige Investitionen fördern
Die Finanzbranche und die Politik müssen in Zusammenarbeit Investments in eine
nachhaltige Infrastruktur fördern. Es braucht die Privatwirtschaft bei der Bewältigung dieser
Aufgabe.

4. Nachhaltigkeit übergreifend organisieren
Das Thema Nachhaltigkeit fällt in so viele politische Zuständigkeitsbereiche, dass wir eine
übergreifende Organisation dieses Themas brauchen. Wenn wir das nicht tun, bleiben wir
extrem langsam und verlieren uns in Silos und Einzelaktivitäten.

5. Junge Menschen in Entscheidungen involvieren
Wir brauchen politische Entscheidungsorgane, die stärker die Interessen der jungen
Generation berücksichtigen. Junge Menschen sind es, die eine andere Blickrichtung haben
als ältere. Sie würden Prioritäten sicherlich anders setzen als wir es heute tun. Und sie
müssen vor allem mit den Entscheidungen leben, die wir heute treffen. Ich bin überzeugt, dass uns die gesellschaftliche und ökologische Transformation gelingt. Es ist eine Kraftanstrengung, die viele Schultern erfordert.

Lösungsorientiert und partnerschaftlich vorzugehen wäre jedenfalls ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, damit künftig mehr Menschen wie Laurin mit ihrer Geldanlage bewusst und selbstbestimmt
einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten werden.“

Von Jörg Arnold, CEO, Swiss Life

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