Am 3. Januar 2026 bombardierten US-Luftstreitkräfte Verteidigungspositionen des Militärs in Venezuela sowie Sicherheitsberater des engen Verbündeten Kuba. Kurz darauf wurden Präsident Nicolás Maduro und seine Frau, die First Lady Cilia Flores, festgenommen. Auf dem Kriegsschiff der US-Marine U.S.S. Iwo Jima wurden sie über ihre Rechte belehrt und wegen des Vorwurfs einer Verschwörung zum Kokainschmuggel in die USA sowie der Partnerschaft mit kriminellen Kartellen verhaftet und anschließend vor einem Gericht in New York angeklagt. Fast unmittelbar danach jedoch verlagerte sich das Narrativ rund um die Verhaftungen fast augenblicklich auf Gespräche über Venezuelas wichtigstes Exportgut: Öl. Ein klares Zeichen, dass 2026 ein weiteres sehr kompliziertes und transformatives Jahr für das geopolitische Agieren der USA mit potenziell jahrzehntelangen Auswirkungen sein wird.
„Übernahme“ der venezolanischen Ölindustrie?
Nach der Gefangennahme Maduros erklärte US-Präsident Donald Trump, dass die USA in Venezuela das Sagen hätten und die Ölindustrie des Landes übernehmen würden. In einem Interview am 5. Januar erklärte Präsident Trump, dass die US-Regierung US-Ölunternehmen dafür bezahlen würde, die marode Infrastruktur von Venezuelas Ölindustrie innerhalb von 18 Monaten zu sanieren. Um die venezolanische Produktionskapazität von 1,1 Millionen Barrel pro Tag (bpd) lediglich aufrechtzuerhalten, wären in den nächsten 15 Jahren geschätzte Ausgaben in Höhe von 53 Milliarden US-Dollar erforderlich. Eine Steigerung der Kapazität auf über 1,4 Millionen bpd würde ab 2026 jährliche Ausgaben von acht bis neun Milliarden US-Dollar (zusätzlich zum Instandhaltungskapital) erfordern und eine Investition von 183 Milliarden US-Dollar bis 2040 könnte die Rohölproduktion wieder auf die Höchststände der 1990er Jahre von drei Millionen bpd bringen. Angesichts des niedrigen Rohölpreises und der erhöhten Ölverfügbarkeit, die die Preise weiter drückt, glauben Experten, dass US-Ölunternehmen wahrscheinlich wenig bis gar kein Interesse daran haben werden.
Die Folge: Die Führungskräfte der US-Ölindustrie verhalten sich bislang eher neutral, aus gutem Grund: Venezuela – ein Land mit einer fast ununterbrochenen Geschichte wahltaktischer Dominanz linker Ideologien seit den 1940er Jahren – hat ausländische Energiewerte in zwei großen Wellen verstaatlicht: Einmal in den 1970er Jahren unter Präsident Carlos Andrés Pérez und dann in den 2000er Jahren unter Präsident Hugo Chávez. Es ist intuitiv unplausibel anzunehmen, dass sich die vorherrschende politische Ideologie im Land allein durch die Absetzung einer einzelnen Person ändern wird. Dies ist wahrscheinlich auch der Grund für Trumps Weigerung, die venezolanische Oppositionsführerin María Corina Machado zu unterstützen, die aus Venezuela geflohen war, um im Dezember den Friedensnobelpreis entgegenzunehmen. „Sie ist eine sehr nette Frau, aber sie genießt nicht den nötigen Respekt im Land“, sagte Trump. Ein weiteres Problem: Venezuela weigert sich standhaft, die Kontrolle über seine Ölindustrie an die USA abzutreten. Venezuelas Interimspräsidentin Delcy Rodríguez erklärte: „Nie wieder werden wir Sklaven sein, nie wieder werden wir eine Kolonie irgendeines Imperiums sein. Wir sind bereit, Venezuela zu verteidigen.“ Am 6. Januar wurden daraufhin Befehle erlassen, jede Person in Venezuela zu verhaften, die die US-Operation unterstützt hat.
An- statt Entspannung zwischen den USA, Russland und China
Bis vor kurzem schienen sich die Spannungen zwischen den USA und Russland wegen der US-Beteiligung am Ukraine-Krieg aufgrund von Trumps massivem Drängen auf ein Ende des Krieges zu entspannen. Auch die Spannungen zwischen den USA und China inmitten von Zollerhöhungen und Exportbeschränkungen für Technologie schienen durch ein Aussetzen der Zölle und Verhandlungen über deren Beendigung sowie ein Abkommen über den Export von KI-fähigen Chips gegen eine Gebühr an die US-Regierung abzunehmen. Ende 2025 verschärften sich die Spannungen jedoch wieder: Die Ukraine weigerte sich mit europäischer Unterstützung, den Krieg zu beenden, während China die Rhetorik über Taiwans Unabhängigkeit und Japans Unterstützung für Taiwan verschärfte. Angesichts der Intensivierung des russischen Krieges gegen die Ukraine und des Verkaufs von Waffen im Wert von über zwölf Milliarden US-Dollar durch die USA an Taiwan wird Venezuela zum weiteren potenziell gefährlichen Wendepunkt in den Beziehungen der USA zu diesen beiden Ländern.
Interesse an Grönland stößt nun auch Europa vor den Kopf
Während Russland, China und potenziell sogar Venezuela auf die Unterstützung einiger Nationen zählen könnten, haben die USA gegenüber ihren europäischen Partnern eine interessante Wendung vollzogen. Unmittelbar nach Maduros Gefangennahme bekräftigte Präsident Trump, dass Grönland, eine halbautonome Inselregion des NATO-Mitglieds Dänemark, aus Gründen der nationalen Sicherheit von den USA annektiert werde. Er behauptete, russische und chinesische Schiffe seien „überall“, während Dänemark zur Sicherheit zuletzt nur „einen weiteren Hundeschlitten“ hinzugefügt habe (eine Anspielung auf die Sirius-Hundeschlittenpatrouille, eine dänische Eliteeinheit). Kurz vor Weihnachten ernannte er zudem den Gouverneur von Louisiana, Jeff Landry, zum Sonderbeauftragten mit dem Auftrag, Grönland zu einem Teil der USA zu machen.
Da die USA bereits als Gründungsmitglied der NATO positioniert sind, wirkt dieses Argument eher schwach. Analysten vermuten, dass der wahre Grund für diese Forderung erneut beim Öl liegt: Im Jahr 2021 schätzte der U.S. Geological Survey (USGS), dass sich im Offshore-Bereich Grönlands etwa 17,5 Milliarden unentdeckte Barrel Öl und 147 Billionen Kubikfuß Erdgas befinden. Am 5. Januar erklärte der stellvertretende Stabschef des Weißen Hauses, Stephen Miller, dass er künftige Militäraktionen in Grönland nicht ausschließe und die Gültigkeit der dänischen Ansprüche auf Grönland infrage stelle. Am nächsten Tag bekräftigte eine gemeinsame Erklärung der Staats- und Regierungschefs von sieben europäischen Ländern (Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Polen, Spanien und Dänemark), dass Sicherheit in der Arktis eine kollektive Anstrengung sei, ohne explizit auf die US-Ansprüche einzugehen. Am selben Tag erklärte die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, dass der Erwerb Grönlands eine Priorität der nationalen Sicherheit sei und dass der Einsatz des US-Militärs immer eine Option des Präsidenten darstelle.
USA bringen europäische Partner in Bredouille
Obwohl die Aussicht auf eine erhöhte Verfügbarkeit von Rohöl aus Venezuela derzeit dazu beigetragen hat, den Ölpreis leicht zu senken, ist momentan nicht absehbar, ob Venezuela zur Kooperation bereit sein wird. Aktuell ist das Angebot außerhalb Venezuelas reichlich vorhanden. Langfristig skizzieren die Aktionen der US-Regierung jedoch eine unangenehme und unvermeidliche geopolitische Wahrheit für die europäischen Mächte.
Die Beschlagnahmung des unter russischer Flagge fahrenden Tankers „Marinera“ (ehemals „Bella-1“ unter guyanischer Flagge) am 7. Januar durch US-Streitkräfte wegen des Vorwurfs der Umgehung von US-Sanktionen gegen Venezuela wird das Feuer wahrscheinlich weiter anheizen. Angesichts zunehmender Beschlagnahmungen von „Schattentankern“, die potenziell mit China oder Russland in Verbindung stehen und der Tatsache, dass Europa als Ausgangspunkt für US-Aktionen dient, befinden sich die europäischen Verbündeten der USA in einer unangenehmen Lage: Sie bleiben für ihre territoriale Sicherheit stark von den USA abhängig, während sie gleichzeitig mit Forderungen der USA nach Gebietsabtretungen konfrontiert werden. Gleichzeitig rückt ihre tiefe Verbindung zu den USA, sie direkt ins Fadenkreuz etwaiger Vergeltungsmaßnahmen geschädigter Parteien.
Vielleicht war die ambitionierteste Aktion der europäischen NATO-Mitglieder in jüngerer Zeit der Versuch, über die Ukraine Macht gegen ein angeblich hegemoniales Russland zu projizieren, obwohl sie nicht annähernd über die Ressourcen dafür verfügten. Die zentrale Annahme hinter dieser Machtprojektion war, dass das Bündnis mit den USA und deren Kooperation sicher und ohne Einschränkungen oder Kosten verfügbar seien. Wie die US-Aktionen in Lateinamerika, im Atlantik und nun in Europa erahnen lassen, war diese Annahme zutiefst fehlerhaft: Europa ist an die USA gekoppelt und nicht umgekehrt.
Idealerweise muss Europa in sich gehen und prüfen, ob dieser Anschein von Macht das Risiko und die Kosten für sich selbst wert ist. Die erfolgreiche Erprobung des nackten US-Unilateralismus durch Präsident Trump schafft nun einen sehr starken Präzedenzfall, auf den nachfolgende Regierungen unweigerlich aufbauen werden. Da es bisher kaum eine entschlossene Reaktion der derzeitigen europäischen Führungsschicht gab, ist der „Anschein“ momentan vielleicht dem „Faktum“ vorzuziehen, dass Europas Schwinden an globaler Relevanz anhalten wird, während andere Mächte weltweit wachsen und zunehmend komplexe geopolitische Allianzen schmieden. Mit dem Wachstum und der Verschiebung dieser Allianzen werden sich auch die Ströme von Macht, Einfluss und Kapital verändern.
Autor Sandeep Rao ist Senior Analyst bei Leverage Shares & Income Shares.












