Julia Wiens: Kapitallebensversicherung bleibt zentrale Säule der Altersvorsorge

Julia Wiens
Foto: Bafin/Matthias Sandmann
Julia Wiens: "Die kapitalbildendes Lebensversicherung ist ein wichtiger Pfeiler der Altersvorsorge."

Die Zukunft der Altersvorsorge gehört zu den politisch und gesellschaftlich brisantesten Themen unserer Zeit. Julia Wiens, Exekutivdirektorin für Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht bei der BaFin, machte bei ihrer Rede auf dem „Zukunftsmarkt Altersvorsorge“ deutlich: Der Reformbedarf sei groß und die Risiken vielfältig, so Wiens. Zugleich warb sie für eine differenzierte Betrachtung der bestehenden Systeme und insbesondere für die Rolle der Lebensversicherung.

Drei Risikofelder

Aus Sicht der Aufsicht stehen aktuell vor allem drei Risikofelder im Fokus. Erstens die Kapitalmärkte: Sie gelten als fragil, Korrekturen sind jederzeit möglich, während steigende Insolvenzen auch die Ausfallrisiken erhöhen. Zweitens nehmen operationelle Risiken zu, insbesondere im IT-Bereich. Cyberangriffe und die Konzentration auf wenige Dienstleister erhöhen die Verwundbarkeit der Branche. Drittens rückt die BaFin verstärkt den Verbraucherschutz in den Blick – insbesondere die Kosten von Altersvorsorgeprodukten.

Ein zentrales Thema ist dabei das Kapitalanlagerisikomanagement der Versicherer. Wiens verwies auf die wachsende Bedeutung sogenannter „Alternatives“ wie Immobilien, Private Equity oder Private Debt. Diese Anlagen versprechen höhere Renditen, sind aber illiquide, komplex und schwer zu bewerten. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an das Risikomanagement. Die Aufsicht hat hier Defizite festgestellt: Bei einem Teil der Unternehmen fehlten klare Limite oder eine adäquate Einordnung der Risiken. Die Botschaft der BaFin ist eindeutig: Versicherer sollen nur in Anlagen investieren, die sie auch wirklich verstehen.


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Parallel dazu arbeitet die Aufsicht nach Aussagen von Wiens an einer Überarbeitung ihrer Kapitalanlagevorgaben. Ziel ist eine Vereinfachung, ohne die Standards zu senken. Weniger Bürokratie soll nicht zu weniger Aufsicht führen, sondern zu klareren, prinzipienorientierten Regeln.

Auch die IT-Risiken stehen weiterhin im Fokus. Mit der europäischen Verordnung DORA wurde ein neuer Rahmen geschaffen, der bereits Wirkung zeigt: Mehr als 700 schwerwiegende IT-Vorfälle wurden im vergangenen Jahr gemeldet. Gleichzeitig rücken Abhängigkeiten von wenigen IT-Dienstleistern stärker ins Blickfeld. Die Aufsicht setzt hier auf engere Kontrolle – etwa durch gemeinsame europäische Überwachungsteams. Klar bleibt jedoch: Die Verantwortung liegt bei den Unternehmen selbst.

Kundennutzen von Altersvorsorgeprodukten

Ein weiterer Schwerpunkt ist der Kundennutzen von Altersvorsorgeprodukten. Die BaFin hat in den vergangenen Jahren intensiv geprüft, ob kapitalbildende Lebensversicherungen einen angemessenen Mehrwert bieten. Das Ergebnis ist differenziert: Viele Produkte sind aus Sicht der Aufsicht fair und sinnvoll – aber nicht alle. Besonders kritisch sieht Wiens hohe Effektivkosten von teilweise bis zu vier Prozent. Solche Kosten stellten den Kundennutzen grundsätzlich infrage. Die Aufsicht hat bereits reagiert: Produkte wurden vom Markt genommen, Kosten gesenkt, Kunden kompensiert. Dennoch will die BaFin hier weiter genau hinschauen.

Mit Blick auf die betriebliche Altersversorgung (bAV) begrüßt Wiens die jüngsten gesetzlichen Änderungen. Das neue Betriebsrentenstärkungsgesetz eröffnet zusätzliche Möglichkeiten, insbesondere für die reine Beitragszusage. Größere Kollektive und renditestärkere Anlagen könnten zu höheren Betriebsrenten führen. Gleichzeitig wird Pensionskassen mehr Flexibilität eingeräumt, etwa durch die Möglichkeit einer temporären Unterdeckung. Diese soll höhere Renditen ermöglichen, bleibt jedoch an strenge Auflagen gebunden.

Kritischer äußerte sich Wiens zur geplanten Überarbeitung der europäischen EbAV-II-Richtlinie. Sie warnte vor zusätzlicher Bürokratie und plädierte für den Erhalt nationaler Gestaltungsspielräume. Ein wirksames Risikomanagement bleibe entscheidend – unabhängig von regulatorischen Detailfragen.

Erheblicher Reformbedarf in der privaten Altersvorsorge

In der privaten Altersvorsorge sieht die BaFin ebenfalls erheblichen Reformbedarf. Auf europäischer Ebene steht das PEPP (Pan-European Personal Pension Product) zur Debatte, das bislang kaum Verbreitung gefunden hat. Die geplanten Anpassungen – etwa mehr Flexibilität und ein stärkerer Fokus auf „Value for Money“ – könnten das Produkt attraktiver machen. Entscheidend bleibt jedoch die steuerliche Behandlung, die in der Verantwortung der Mitgliedstaaten liegt.

Auch die nationale Reform der privaten Altersvorsorge beobachtet die BaFin aufmerksam. Positiv bewertet Wiens die geplante Kostenbegrenzung, mahnt jedoch, dass Versicherer weiterhin wirtschaftlich arbeiten müssen. Herausforderungen sieht sie bei den vorgesehenen Wechselrechten: Diese könnten zu erhöhtem Beratungsbedarf führen und Risiken für die Liquidität der Anbieter bergen, wenn viele Kunden ihre Verträge verlagern.

Gleichzeitig eröffnet die Reform neue Wettbewerbsdynamiken. Künftig könnten auch andere Anbieter Altersvorsorgeprodukte ohne lebenslange Rentengarantie anbieten. Für Lebensversicherer bedeutet das: Sie müssen ihre Stärken klar herausstellen und wettbewerbsfähige Produkte entwickeln.

Der wichtige Pfeiler der Altersvorsorge

Zum Abschluss setzte Wiens ein bewusstes Gegengewicht zur aktuellen Kapitalmarkt-Euphorie. Die kapitalbildende Lebensversicherung sei ein „wichtiger Pfeiler der Altersvorsorge von Millionen von Menschen“. Ihre zentralen Merkmale – der kollektive Risikoausgleich und die lebenslange Rentengarantie – würden in der öffentlichen Debatte häufig unterschätzt. Angesichts möglicher Marktkorrekturen könnten gerade diese Sicherheiten entscheidend sein.

Wiens’ Fazit ist damit klar: Die Altersvorsorge braucht Reformen, mehr Wettbewerb und bessere Produkte. Doch bei aller Dynamik dürfe der Wert verlässlicher Sicherungssysteme nicht aus dem Blick geraten.


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