Jüngste geopolitische Spannungen und sich ändernde makroökonomische Erwartungen haben zu einer ungewöhnlichen Divergenz auf den Finanzmärkten geführt: Während Gold an Wert verloren hat, zeigte Bitcoin Widerstandskraft. Gleichzeitig hat ein vorübergehender Waffenstillstand die kurzfristige Stimmung verbessert, doch die Unsicherheit bleibt hoch. James Butterfill, Head of Research beim europäischen Asset Manager CoinShares, erläutert, was dies für die Kryptomärkte bedeutet und worauf Investoren als Nächstes achten sollten.
Warum ist Gold zwischen dem 27. Februar und dem 8. April gefallen, während Bitcoin gestiegen ist?
Butterfill: Die Divergenz lässt sich am besten dadurch erklären, dass sich dieser Schock nicht wie ein klassisches geopolitisches Ereignis verhalten hat. In einer typischen Kriegssituation steigt Gold, Anleihen legen zu, Aktien fallen, und Bitcoin wird als Liquiditätsventil verkauft. Dieses Mal wurde dieses Muster jedoch durchbrochen.
Erstens trat Bitcoin mit einer deutlich bereinigteren Marktposition in den Iran-Schock ein als Gold oder Aktien. Seit Oktober 2025 haben wir eine Verteilung durch Großinvestoren („Whales“) von etwa 39 Mrd. US-Dollar gesehen, einen Rückgang der Hebelwirkung von rund 33 % auf 25 %, einen RSI-Tiefstand nahe 16 (RSI = Relative Strength Index, ein technischer Indikator, der anzeigt, ob ein Asset überkauft oder überverkauft ist) sowie ein MVRV etwa eine Standardabweichung unter dem realisierten Wert (MVRV = Market Value to Realized Value, misst, ob Bitcoin im Vergleich zu seinem historischen „Fair Value“ auf Basis der On-Chain-Daten günstig oder teuer bewertet ist). Mit anderen Worten: Ein großer Teil des spekulativen Überschusses war bereits vor der Eskalation abgebaut und Bitcoin war im Vergleich zu Gold relativ günstig bewertet. Dadurch war Bitcoin weniger anfällig für Zwangsverkäufe und reagierte stärker auf positive Impulse.
Zweitens entwickelten sich institutionelle Kapitalflüsse genau zum richtigen Zeitpunkt unterstützend. Seit Beginn des Konflikts verzeichneten Anlageprodukte für digitale Vermögenswerte wieder Nettozuflüsse nach einer längeren Phase von Abflüssen. Dies deutet darauf hin, dass Investoren Bitcoin zunehmend nicht mehr nur als reines Risiko-Asset betrachten, sondern auch als nicht-staatliche Absicherung. Zudem blieb Bitcoin stabil, obwohl die Erwartungen an Zinserhöhungen restriktiver („hawkisher“) eingepreist wurden. Die Widerstandsfähigkeit lag nicht daran, dass makroökonomische Faktoren irrelevant wurden, sondern daran, dass ein anderer Treiber an Bedeutung gewann.
Drittens begann der Markt, Bitcoin als ein Asset außerhalb der traditionellen Finanzinfrastruktur zu betrachten. In einem Konflikt, der sich um Energie-Engpässe, Sanktionsrisiken, fragmentierte Zahlungssysteme und die Politisierung von Abwicklungsinfrastrukturen dreht, gewinnen Bitcoins Eigenschaften wie Zensurresistenz und Selbstverwahrung an Bedeutung. Dies gilt insbesondere dann, wenn das Vertrauen in traditionelle sichere Häfen nicht vollständig gegeben ist.
Viertens scheint Gold durch den Zinskanal belastet worden zu sein. Der Iran-Schock ließ den Ölpreis steigen, was kurzfristige Inflationserwartungen erhöhte. Dadurch preisten die Märkte Zinssenkungen aus und zogen sogar Zinserhöhungen in Betracht. Dies ist in der Regel ein negatives Umfeld für nicht verzinsliche Anlagen wie Gold. Es handelte sich hierbei eher um einen angebotsseitigen Inflationsschock als um eine nachfragegetriebene Inflationsspirale. Infolgedessen verlor Gold einen Teil seiner üblichen defensiven Nachfrage, da höhere Realzinserwartungen den geopolitischen Rückenwind ausglichen.

Was bedeutet der zweiwöchige Waffenstillstand kurzfristig für Bitcoin? Und was passiert, wenn die Feindseligkeiten wieder beginnen?
Butterfill: Kurzfristig wirkt sich der Waffenstillstand über den makroökonomischen Kanal positiv auf Bitcoin aus. Die Vereinbarung umfasst eine vorübergehende Wiederöffnung der Straße von Hormus, woraufhin die Märkte sofort reagierten: Der Ölpreis fiel deutlich, und es kam zu einer Erholungsrallye bei globalen Risikoanlagen. Aktuelle Berichte zeigen einen starken Rückgang des Ölpreises, steigende Aktienkurse, sinkende Renditen von US-Staatsanleihen und auch einen Anstieg von Bitcoin nach der Verkündung der Waffenruhe.
Mechanisch ist das wichtig, weil damit der kurzfristig schädlichste Gegenwind für Krypto umgekehrt wird – nämlich die kriegsbedingte Neubewertung hin zu einer restriktiveren Geldpolitik. Da der Waffenstillstand den Ölpreis und die Inflationsängste dämpfte, reduzierten die Märkte deutlich ihre Erwartungen an Zinserhöhungen. Das sollte Bitcoin kurzfristig unterstützen, indem der makroökonomische Druck nachlässt, der zuvor zu einer stärkeren Korrelation mit Risikoanlagen geführt hatte.
Allerdings ist der Waffenstillstand ausdrücklich vorläufig und an Bedingungen geknüpft. Medienberichte betonen, dass die Vereinbarung nur für zwei Wochen gilt, der Zugang für die Schifffahrt eine zentrale Voraussetzung ist und trotz der Ankündigung weiterhin vereinzelte Angriffe stattfinden. Die kurzfristige Wirkung ist daher eher eine Entlastung als eine nachhaltige Lösung. Auch die Terminmärkte zeigen sich skeptisch und deuten auf eine steigende Wahrscheinlichkeit von Zinserhöhungen im Juni hin.
Sollten die Feindseligkeiten wieder aufflammen, wird der Markt erneut von Ölpreisen, Inflation und Rezessionsrisiken bestimmt. In diesem Szenario ist folgende Abfolge wahrscheinlich:
- Der Ölpreis steigt erneut, insbesondere wenn der Zugang zur Straße von Hormus gestört wird.
- Die Märkte preisen wieder weniger Zinssenkungen oder sogar erneute Zinserhöhungen ein.
- Aktien und konjunktursensitive Anlagen geraten unter Druck.
- Bitcoin wird zunächst volatiler, könnte aber weiterhin besser abschneiden als traditionelle Risikoanlagen – vorausgesetzt, die Bewegung wird erneut als Krise staatlicher und finanzieller Infrastruktur interpretiert und nicht nur als generelle Risikoaversion.
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Zu Beginn des Konflikts profitierte Bitcoin offenbar von seiner Rolle als geopolitische Absicherung. Später, als Zinssorgen zunahmen, koppelte er sich teilweise wieder stärker an makroökonomische Entwicklungen. Falls die Kämpfe wieder beginnen, wird Bitcoin daher wahrscheinlich nicht linear steigen. Der plausibelste Verlauf ist eine zweistufige Reaktion: zunächst makroökonomischer Stress und erhöhte Volatilität, gefolgt von relativer Stabilität, sofern Kapitalzuflüsse anhalten und sich die These eines nicht-staatlichen Wertspeichers erneut durchsetzt.
Wie sind die Aussichten für Krypto in den kommenden Monaten?
Butterfill: Die Entwicklung in den nächsten Monaten wird von vier zentralen Faktoren bestimmt.
Der erste ist der Ölpreis. Wenn sich Öl wieder auf moderatere Niveaus einpendelt, bleibt der makroökonomische Schaden begrenzt. Sollte er jedoch erneut in Richtung Krisenniveaus steigen, nimmt das Rezessionsrisiko deutlich zu und der gesamte Krypto-Markt wird anfälliger – mit möglicher Ausnahme von Bitcoin.
Der zweite Faktor ist die Neubewertung der Geldpolitik. Krypto entwickelt sich tendenziell besser, wenn die Märkte weniger restriktive („hawkishe“) Zinserwartungen einpreisen. Der Waffenstillstand hilft hier, da er den unmittelbaren Energie- und Inflationsschock abschwächt. Dennoch braucht es Bestätigung, dass Zentralbanken – insbesondere die US-Notenbank – die Geldpolitik nicht zu stark straffen, während die Nachfrage bereits nachlässt.
Der dritte Faktor sind Kapitalflüsse. ETF- und ETP-Zuflüsse gelten als der klarste Echtzeitindikator dafür, ob institutionelle Investoren den Markt lediglich stabilisieren oder wieder aktiv in ihre Portfolios aufnehmen. Bleiben die Zuflüsse positiv und breiten sich aus, kann Bitcoin weiter steigen. Lassen sie nach, wird es schwierig, eine Rallye aufrechtzuerhalten.
Der vierte Faktor ist die Marktstruktur. Seit Oktober 2025 stellt insbesondere der Verkauf durch große Marktteilnehmer („Whales“) einen Belastungsfaktor dar. Wenn diese Verkäufe weiter nachlassen und die Hebelwirkung im Markt begrenzt bleibt, verbessert sich die Grundlage für eine nachhaltige Erholung deutlich.
Was könnte eine Krypto-Rallye auslösen?
Butterfill: Eine nachhaltige Waffenruhe oder Deeskalation im Iran, sinkende Ölpreise, wieder zunehmende Erwartungen an Zinssenkungen, anhaltende institutionelle Zuflüsse sowie Anzeichen dafür, dass Whale-Verkäufe abnehmen. Auch regulatorische Fortschritte in den USA – insbesondere wenn der CLARITY-Prozess praktikabler wird – könnten die Stimmung verbessern, selbst wenn sie nicht der unmittelbare Auslöser sind.
Was könnte einen neuen Krypto-Winter auslösen?
Butterfill: Ein erneuter Schock rund um die Straße von Hormus, dauerhaft hohe Ölpreise, geldpolitische Fehlentscheidungen der Zentralbanken, eine Rezession ohne ausreichende Liquiditätsunterstützung, erneute ETF-Abflüsse oder eine weitere Phase starker Verkäufe durch Großinvestoren. Ein besonders riskantes Szenario ist eine Art „leichte Stagflation“: schwaches Wachstum, anhaltend hohe Energiepreise und keine geldpolitische Entlastung. Dieses Umfeld ist in der Regel negativ für den breiten Kryptomarkt – auch wenn Bitcoin sich im Vergleich zu Altcoins besser behaupten könnte.
Insgesamt ist der mittelfristige Ausblick für Bitcoin im Vergleich zum restlichen Kryptomarkt konstruktiv, aber nicht durchgehend optimistisch für die gesamte Anlageklasse. Die makroökonomische Rolle von Bitcoin gewinnt an Bedeutung, während viele Altcoins weiterhin auf lockerere Liquidität und stärkere spekulative Nachfrage angewiesen sind.
Was sollten Investoren jetzt in Bezug auf Krypto und Bitcoin tun?
Butterfill: Für Investoren ist der wichtigste Punkt, nicht einzelnen Schlagzeilen hinterherzulaufen. Der Waffenstillstand verbessert zwar kurzfristig das Umfeld, beseitigt jedoch nicht die grundlegende Unsicherheit des aktuellen Marktregimes. Die sinnvollste Haltung bleibt daher selektiv und nicht breit gestreut ohne Differenzierung. Bitcoin erscheint weiterhin als die überzeugendste Anlage in diesem Umfeld, da er die klarste nicht-staatliche geldpolitische These bietet, den besten institutionellen Zugang hat und die größte Widerstandsfähigkeit in Krisenzeiten gezeigt hat.
Assets, die stark von der Risikobereitschaft privater Anleger, hoher Hebelwirkung oder spekulativem Handel abhängen, bleiben deutlich anfälliger, falls sich das makroökonomische Umfeld erneut verschlechtert. Im Gegensatz dazu dürften Bereiche, die mit Stablecoin-Infrastruktur, hybriden Finanzlösungen und realem Nutzen verbunden sind, robuster sein als rein narratives oder spekulationsgetriebenes Segmente.
Praktisch bedeutet das: Positionen in Bitcoin eher bei Rücksetzern aufbauen oder ausbauen, anstatt stark steigenden Kursen hinterherzulaufen. Bei Altcoins sollte man selektiver vorgehen und den Fokus auf Projekte mit tatsächlicher Nutzung und regulatorischer Relevanz legen. Zudem sollten Investoren Kapitalflüsse, Ölpreise und die Erwartungen an die Geldpolitik der US-Notenbank genauer beobachten als typische, krypto-spezifische Marktsignale.
Schließlich ist weiterhin mit erhöhter Volatilität zu rechnen, da der Markt nach wie vor stark von geopolitischen Entwicklungen beeinflusst wird.














