Zu Beginn des chinesischen Neujahrs im Zeichen des „Feuer-Pferdes“ – sinnbildlich stehend für radikale Transformation – ist das beherrschende Thema an den Kapitalmärkten der Wechsel von „AI-phoria“ zu „AI-phobia“. Nach der Euphorie über die Wirkkraft der Künstlichen Intelligenz (KI; englisch „AI“) halten sich derzeit Sorgen über deren „schöpferische Zerstörung“.
Am vergangenen Freitag schloss der S&P 500 die vierte Woche in Folge mit Verlusten ab, da der Ausverkauf in jenen Sektoren, die als besonders anfällig für das Disruptionspotenzial der KI gelten, weiter an Dynamik gewann. Investoren trennten sich in großem Stil nicht nur von Softwareunternehmen, sondern auch von Versicherern, Brokern und Vermögensverwaltern (Datenquelle: LSEG, 13.02.2026).
Schöpferische Zerstörung: Ausverkauf bei Software verdeutlicht rasanten Ausbau von KI
Klar ist: KI ist längst kein abstraktes Narrativ mehr. Vielmehr wird der rasche Vormarsch von KI von Marktteilnehmern zunehmend als konkreter wirtschaftlicher Umwälzungsfaktor wahrgenommen, der Geschäftsmodelle herausfordert und klar zwischen Gewinnern und Verlierern unterscheidet. Während die Frage, ob die erheblichen Investitionen in KI tatsächlich nachhaltige Erträge generieren werden, die Börsen weiterhin beschäftigt, richtet sich das Augenmerk aktuell verstärkt auf jene realwirtschaftlichen Sektoren und Unternehmen, die als potenzielle Verlierer identifiziert werden.
Neue KI-Agenten sind inzwischen in der Lage, softwarebezogene Aufgaben zu übernehmen und gefährden damit den über Jahre aufgebauten Wettbewerbsvorsprung vieler Softwareunternehmen. Der Ausverkauf bei Softwareaktien verdeutlicht, dass Anleger die Beständigkeit einiger Geschäftsmodelle grundsätzlich neu bewerten. Das hat zu einer spürbaren Divergenz innerhalb der Technologiesektoren geführt: In den vergangenen sechs Monaten haben Softwareanbieter deutlich schlechter abgeschnitten. Im Gegensatz dazu konnten Sektoren, die für den Ausbau von KI unverzichtbar sind – wie Halbleiter und Hardware – kräftig Zugewinne verzeichnen. Seit Jahresbeginn hat der S&P 500-Index für Software und Dienstleistungen andere Tech-Untersektoren wie Halbleiter und Hardware um mehr als 20% unterschritten; innerhalb der letzten sechs Monate betrug das Minus sogar über 40% (Datenquelle: LSEG, 13.02.2026).
Zinssenkungsspielraum begrenzt: US-Arbeitsmarkt untermauert hartnäckigen Inflationsdruck
An den Rentenmärkten gingen all diese Bedenken – gekoppelt mit nachlassender US-Verbraucherpreisinflation im Januar – mit Renditeabwärtsdruck bei Kernstaatsobligationen einher. Die Renditen zehnjähriger US-Staatspapiere fielen auf ein Fünfmonatstief.
Gleichzeitig schwindet jedoch die Zinssenkungsfantasie in Bezug auf die US-Notenbank Fed. So deutete der US-Kernverbraucherpreisindex – bei dem schwankungsreiche Energie- und Nahrungsmittelpreise herausgerechnet werden – auf anhaltenden unterliegenden Preisdruck. Dieses Bild hatte sich bereits zu Wochenbeginn bestätigt: Überraschend starke US-Arbeitsmarktzahlen untermauern unseres Erachtens, dass sich die US-Inflation eher bei 3% als bei der 2%-Zielmarke der Fed einpendelt (Datenquelle: LSEG, 13.02.2026).
Diese hartnäckige unterliegende Teuerung spricht dafür, dass die US-Geldpolitik straff ausgerichtet bleibt und die Märkte weiterhin empfindlich auf neue Inflations- und Wachstumsdaten reagieren dürften.
Dabei gilt in Zeiten von KI, dass jede Veränderung des Zinsniveaus die Finanzierungsbedingungen für den laufenden KI-Ausbau beeinflussen würde. Denn die gigantischen Investitionen erfolgen jetzt, die Umsätze folgen später, und Fremdkapital überbrückt die Lücke. Die Herausforderung: Die steigende Unternehmensverschuldung erhöht das Angebot am Obligationenmarkt, der in einigen Regionen wie den USA ohnehin mit hohen Staatsdefiziten zu kämpfen hat. Mit anderen Worten ist die KI als MegaForce so mächtig, dass sie jeden Zinsanstiegsdruck verstärken könnte.
Selektivität erforderlich: Markt übersieht kurzfristig Nuancen
Wie geht es weiter? Unserer Ansicht nach markiert der jüngste Ausverkauf bei Softwareaktien einen signifikanten Wendepunkt im Narrativ des KI-Investmentthemas. Noch im Herbst 2025 diskutierten Marktteilnehmer darüber, ob KI tatsächlich „real“ sei. Diese Debatte scheint ad acta zu sein.
Dabei verdeutlicht der breite Ausverkauf im Softwarebereich, dass an den Börsen zuletzt nach dem sog. „Rasenmäherprinzip“ gehandelt wurde. Kurzfristig wichtige Unterschiede und Nuancen werden unseres Erachtens übersehen. Ein Beispiel: Wir sind überzeugt, dass Softwareunternehmen mit proprietären Daten, geschäftskritischen Prozessen oder starken Kundenbeziehungen die KI-Disruption aktiv nutzen und davon profitieren können.
Insgesamt erwarten wir, dass die fortlaufende Suche nach Gewinnern und Verlierern den massiven Ausbau der KI weiter vorantreibt – ebenso wie die damit verbundene Verschuldung zur Finanzierung. Wir befinden uns eindeutig weiterhin in der Ausbauphase der KI. Grosse Technologiekonzerne investieren massiv in Chips, Rechenzentren und Energieinfrastruktur. Das ist einer der Hauptgründe, weshalb wir den umfassenden Ausbau der KI-Infrastruktur weiterhin als attraktives Anlagethema betrachten.
Der zentrale Vorteil der Infrastrukturebene – dazu zählen u.a. Halbleiter, Hardware, elektrische und Kühlsysteme, Netzwerktechnik, Kupfer sowie physische Anlagen – besteht darin, dass kein gezieltes Auswählen der Gewinner unter den KI-Anwendungen notwendig ist. Solange die KI-Adoption weiter voranschreitet, müssen Kapazitäten geschaffen, Energie bereitgestellt, Kühlung und Vernetzung gewährleistet werden.
In dieser Handelswoche richtet sich der Blick am Freitag neben den globalen Einkaufsmanagerindizes und dem US-Wirtschaftswachstum auf das bevorzugte Inflationsmass der Fed. Wir beobachten den US-Kernverbraucherpreisindex genau, um weitere Hinweise auf den Zinskurs zu erhalten.
Fazit: Das transformative Jahr des „Feuer-Pferdes“ mahnt zu Umsicht und Flexibilität. Wir befinden uns weiterhin in der Phase des KI-Ausbaus – doch die Märkte suchen nun gezielt nach den Verlierern der KI-Adoption. Trotz unsicherer zukünftiger Einnahmen bleiben wir für die kommenden sechs bis zwölf Monate risikofreudig, gewichten US-Aktien mit KI-Bezug taktisch über, setzen auf die KI-Infrastrukturebene, und sehen angesichts der zunehmenden Streuung günstige Bedingungen für aktives Investieren. Bei Obligationen bevorzugen wir ausgewählte Unternehmensobligationen gegenüber langlaufenden US-Staatsobligationen. Unternehmen, die den KI-Ausbau vorantreiben, haben sich überwiegend am US-Investment-Grade-Markt finanziert, weshalb wir Hochzins- und europäische Obligationen bevorzugen.
Autorin Ann-Katrin Petersen ist Leiterin Kapitalmarktstrategie Deutschland, Schweiz, Österreich und Osteuropa bei Blackrock.














