„Das Engagement, das Durchhaltevermögen und der Mut des Lützerath-Widerstandes beeindrucken mich“

Foto: Ökoworld
Alfred Platow, Pionier, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Ökoworld AG, Verwaltungsratsvorsitzender der Ökoworld LUX S.A

Die Aktionen von Klimaaktivisten zuletzt in Lützerath sorgen nicht nur in der Finanzbranche immer wieder für Diskussionsstoff. Alfred Platow, Pionier, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Ökoworld AG erläutert im Gespräch mit Cash., warum er die Proteste ganz klar unterstützt.

Cash.: Sie unterstützen die Proteste in Lützerath mit einer Spende von 50.000 Euro. Warum halten Sie die Aktionen der Klimaaktivisten für so wichtig? Könnte das Geld woanders nicht mehr Nutzen bringen?

Alfred Platow: Die Proteste waren und sind ein wichtiges Signal, ein politischer Leuchtturm. Das Dorf Lützerath wurde für die Ausdehnung des Braunkohletagebaus abgerissen, Menschen wurden vertrieben. Diese Rolle rückwärts stellt für mich die Umsetzung der Pariser Klimaziele in Frage. Wir können nicht begreifen, dass der Abriss gerade in dieser Art und Weise und von der Politik befürwortet geschehen konnte, wo doch die Braunkohleverstromung so oder so ausgemustert werden soll.

Unsere Geschichte und politische Motivation der Ökoworld (vormals versiko) erweitern wir daher nun um eine Etappe – sie reicht jetzt von Gorleben bis Lützerath. Wir haben uns damals in Gorleben gegen die Atomkraft gewehrt und wir wehren uns heute gegen den Kohleabbau. Es ist nicht zu ertragen, dass die staatlich subventionierte RWE mit dem Abbau von Kohlevorräten weitermacht, als ob es kein Morgen gäbe. Kurz vor Weihnachten haben uns Widerstandskämpferinnen und -kämpfer aus Lützerath in Hilden besucht und viel von ihrem Kampf und Erlebnissen vor Ort berichtet. Deren Engagement, Durchhaltevermögen und Mut haben uns sehr beeindruckt. Wir haben dieser „Hausbesetzung“ daher aus der Kasse unserer Ökoworld AG 50.000,-EUR, gespendet, um diese Protestaktion und den politischen Widerstand zu unterstützen! Von dem Geld wurden Konserven, Lebensmittel wie Nüsse, Energieriegel und auch Hygieneartikel und Decken ins Camp geliefert. Dinge des täglichen Bedarfs, um standhaft bleiben zu können. Das ist eine Unterstützung, die unseren Respekt zum Ausdruck bringen sollte gegenüber den friedlichen Aktivistinnen und Aktivisten, die sich bei Wind, Kälte und Wetter getraut haben, für den Klimaschutz aufzustehen.

Cash.: Derzeit werden Klimaaktivisten stark kritisiert. Zum einen weil sie zum Teil Sicherheitsrisiken darstellen, zum anderen, weil viele glauben, dass sie eher abschrecken als überzeugen mit ihren Aktionen. Wie sehen Sie diese Kritik?

Alfred Platow:
 Es ist immer eine Frage des individuellen Blickwinkels und der persönlichen Haltung. Sicher gibt es immer schwarze und auch gewaltbereite Schafe, wenn es um Demonstrationen und konstruktiven Widerstand geht. Die Mehrheit ist durch inhaltliche, politische und auch emotionale Überzeugung getrieben. Es geht um unsere Zukunft. Destruktive Minderheiten, die die ganze Aktion durch Gewaltbereitschaft in Verruf bringen, gab es leider schon immer. Das sollte man zwar nicht tolerieren oder ignorieren und verschweigen, es ist aber schon so, dass dies polarisiert und eine gute gemeinte und notwendige Aktivität in Verruf bringt. Ich habe schon die Erwartungshaltung, dass auch eher bürgerliche und zurückhaltende Menschen, die nicht auf Großdemonstrationen gehen, sich passiv verhalten und auch nicht sich aus Protest festkleben oder festketten lassen, erkennen, dass diese Menschen, die hier für den Klimaschutz aus der Reihe tanzen, Respekt und Wertschätzung dafür verdienen: Sie machen sich stark und trauen sich, auf die Straße zu gehen und sich sehr unbequemen Verhältnissen aussetzen. Weil sie eben nicht hinnehmen, was hier geschieht. Eine pauschale Verurteilung dieser Menschen ist genauso schlecht wie das destruktive Verhalten gewaltbereiter Aktivisten. Ziviler Ungehorsam darf kein Vorwand für versteckte Gewalt und Straftaten sein.

„Ziviler Ungehorsam darf kein Vorwand für versteckte Gewalt und Straftaten sein.“

Alfred Platow

Cash.: Was sagen Sie dazu, dass sich selbst Klimaschützer wie die Grünen zum Teil gegen die „Letzte Generation“ stellen? 

Alfred Platow:
 Da ist Politik. Dass die Grünen schon länger in der politischen Mitte angekommen sind, ist nicht neu. Regierung ist nicht mehr Opposition. Die wenigsten wissen aber auch, dass Katar einer der größten RWE-Aktionäre ist. Darüber berichtete das Magazin „Der Spiegel“ bereits im Oktober vergangenen Jahres. Der Staatsfonds des Emirats Katar ist größter Aktionär von RWE. Grund dafür ist die Übernahme des US-Solarspezialisten Con Edison Clean Energy Businesses, für die RWE frisches Geld benötigte.

Es geht um Geld und Macht. Da wirken wirklich enorme Kräfte, und alle schauen weg? Man liest, dass unter dem Dorf am Tagebau Garzweiler rund 110 Millionen Tonnen Braunkohle liegen sollen. Wieviel kann RWE daran verdienen? Wieviel Strom kann man mit dieser Menge Braunkohle erzeugen? Wie stark profitieren davon die Aktionäre von RWE? Fragen über Fragen. 

Cash.: Wo müsste die Politik aus Ihrer Sicht den Forderungen von Klimaaktivisten stärker nachkommen?

Alfred Platow: Glaubt man Winfried Kretschmann, hat die schwarz-grüne Koalition in Nordrhein-Westfalen erfolgreich für den Klimaschutz gearbeitet und den Kohleausstieg vorgezogen. Denn deren Verhandlungen hätten dazu geführt, dass 280 Millionen Tonnen CO2 im Boden bleiben und vier Ortschaften erhalten bleiben konnten. Das ist Politik. Man arbeitet nach der Salamitaktik. Und wenn zwei sich am Verhandlungstisch streiten, wird die Salami immer kleiner.

Daher zeigt auch Klimaschutzminister Robert Habeck für die massiven Proteste gegen den Abriss von Lützerath für den Braunkohle-Abbau wenig Verständnis. Hier sehen wir grüne Politiker als Manager am Verhandlungstisch. Habeck sieht den Fall Lützerath als den Schlussstrich in Sachen Braunkohle, weil er es so sehen muss. Die Klimabewegung habe sich jahrelang für einen vorgezogenen Kohleausstieg eingesetzt und das werde im Rheinischen Revier nun genauso gemacht. Anders als die Tagebaue in der Lausitz und im Revier Mitteldeutschland soll das Braunkohlegeschäft in NRW nicht erst 2038, sondern bereits 2030 enden. Einen entsprechenden Vertrag haben das Land, der Bund und der Energiekonzern RWE im Oktober 2022 geschlossen.

Cash: Das heißt Lützerath ist aus Ihrer Sicht ein politischer Spielball?

Alfred Platow: Das Problem ist schlicht und ergreifend, dass man Habeck das nicht abnimmt, dass dieser Deal die einzige Möglichkeit war, acht Jahre früher aus der Kohle auszusteigen. Dass Lützerath quasi wie beim Kartenspielen der Einsatz war, der gezahlt werden musste, damit RWE hier nochmal richtig absahnen kann, danach riecht es. Das schmeckt einfach nach schmutzigem Geschäft und nicht nach glaubwürdiger Klimapolitik. Ich möchte mit Herrn Habeck übrigens nicht tauschen, das will ich hier klar und ehrlich zum Ausdruck bringen. Er zeigt sich ja als Mensch auch durchaus einsichtig, immerhin. Habeck versteht, wie er vergangene Woche äußerte, dass die zunehmende weltweite Verschärfung der Klimakrise gerade vielen jüngeren Menschen Angst einflößt und Hoffnung zu sterben droht. Seine Worte klingen auf der einen Seite erst einmal gut, das Handeln, dass Lützerath dann doch dem Profit des Energiekonzerns RWE geopfert werden musste, verstehen die Klimaschützer aber nicht. Die Klimakrise ist und bleibt Realität. Der Politik fehlt es an nachvollziehbarer Glaubwürdigkeit. Muss die Kohle unter Lützerath wirklich abgebaut und verfeuert werden, um die Energiekrise zu überstehen? Das ist und bleibt eine unbeantwortete Frage.

In den nächsten Tagen äußert sich auch Klaus Hermann, Versicherungskaufmann und -entertainer, bei Cash. zu seiner Sicht auf die Lützerath-Proteste.

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