Die betriebliche Vorsorge boomt – allerdings nicht dort, wo sie aus gesellschaftlicher Sicht besonders gebraucht wird. Während die betriebliche Krankenversicherung (bKV) Jahr für Jahr wächst und sich als greifbarer Benefit im Wettbewerb um Fachkräfte etabliert, tritt die betriebliche Altersversorgung weitgehend auf der Stelle. Und das dürfte auch für das BRSG 2 gelten. In der Branche mehren sich Stimmen, die von verpassten Chancen und politischer Halbherzigkeit sprechen.
Die Zahlen verdeutlichen das Ungleichgewicht. „Die bKV war erneut sehr erfolgreich – mit fast 30 Prozent Bestandswachstum in der Branche“, sagt BarmeniaGothaer Vertriebsvorstand Frank Lamsfuß in der Cash. Extra Expertenrunde „Betriebliche Vorsorge“ auf Schloss Fleesensee. Die bAV hingegen stagniert, obwohl sie angesichts des demografischen Wandels eine tragende Rolle spielen müsste. Karsten Rehfeldt Geschäftsführer BBVS, Beratungsgesellschaft für betriebliche Vorsorgesysteme, hat den deutschen Regulierungswahn als „Master of Desaster“ ausgemacht: „Im Vergleich zu Ländern wie Dänemark, Frankreich oder Schweden ist unser System viel zu kompliziert.“ Der Roundtable zeigte: Die bAV vielen Praktikern als Paradebeispiel für Überregulierung. Fünf Durchführungswege, ergänzende Sondermodelle, steuerliche Risiken und arbeitsrechtliche Haftung wirken abschreckend, vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen. ALH-Vertriebsvorstand Frank Kettnaker bringt es auf den Punkt: „Bürokratie ist der Kern.“ Unternehmen ohne eigene Personalabteilung meiden das Thema häufig komplett.
Damit bleibt erhebliches Vorsorgepotenzial ungenutzt. Vor dem Hintergrund fordert Rehfeld grundlegende Reformen und stellt die Frage: „Warum nicht eine reine Beitragszusage über alle Wege, wie im angelsächsischen Modell?“ Politisch bewegt sich jedoch wenig. Das geplante BRSG II wird von vielen Marktteilnehmern skeptisch gesehen. „Die zentralen Vereinfachungen, die seit Jahren gefordert werden, fehlen erneut“, warnt Lamsfuß. Neben der regulatorischen Ebene spielt auch die Wahrnehmung der Arbeitnehmer eine Rolle. Altersvorsorge bedeutet langfristigen Konsumverzicht und ist erklärungsbedürftig. Michael H. Heinz, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute, beschreibt die Realität in vielen Betrieben: „Die bAV ist schlicht zu komplex. Arbeitnehmer beschäftigen sich zu wenig damit.“ Daraus ergibt sich ein Spannungsfeld zwischen Informationsbedarf und tatsächlicher Auseinandersetzung. Heinz formuliert es klar: „Vorsorge ohne Beratung funktioniert nicht.“ Gerade bei der bAV sei die individuelle Begleitung entscheidend, um Verständnis und Akzeptanz zu schaffen, so Heinz.
Ganz anders stellt sich die Entwicklung bei der bKV dar. Budgettarife haben sich als niedrigschwelliger Einstieg etabliert, weil Leistungen unmittelbar erlebbar sind. Zugleich weitet sich der Fokus aus: Prävention und betriebliches Gesundheitsmanagement gewinnen an Bedeutung. Kettnaker betont den Perspektivwechsel: „Wir sprechen längst nicht mehr getrennt über bKV, bAV oder Arbeitskraftabsicherung, sondern über betriebliche Fürsorge.“
Für Vermittler steigen damit die Anforderungen deutlich. Steuerrecht, Arbeitsrecht, Produktkonzepte und betriebliche Prozesse greifen ineinander. Rehfeldt plädiert deshalb für höhere fachliche Standards: „Wir reden hier nicht nur über Produkte, sondern auch über Steuer- und Arbeitsrecht.“ Auch Heinz mahnt zur Spezialisierung: „Vermittler sollten sich auf dieses Feld nur einlassen, wenn sie die entsprechende Kompetenz haben.“
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