Niemand weiß derzeit, wie lange der Konflikt in Nahost anhält. Wir spielen daher im Folgenden zwei Szenarien durch. Szenario eins unterstellt eine kurze Krise, die lediglich bis Mitte April anhält. Danach würden die Waffen schweigen und die Straße von Hormus wäre wieder befahrbar. Im Gegensatz dazu geht Szenario zwei von einer langwierigen Auseinandersetzung aus, die sich über mehr als drei Monate hinzieht und möglicherweise weitere Eskalationsstufen umfasst (Einsatz von Bodentruppen bzw. massive Zerstörungen an Energieinfrastruktur).
Im Szenario »kurze Krise« nehmen wir an, dass der Ölpreis bis Mitte April bei 95 bis 100 USD verharrt und danach bis Anfang Mai auf 65 USD zurückfällt. Letzteres wäre dann auch der Mittelwert bis Ende 2027 (entspricht zugleich dem Durchschnitt der Jahre 2024/2025). Beim Szenario »lange Krise« schwankt der Ölpreis für die nächsten fünf Monate zwischen 100 und 120 USD und sinkt dann langsam bis Ende 2026 auf 70 USD.
Ein Anstieg des Rohölpreises um 10% sorgt normalerweise in der Eurozone für einen Inflationsimpuls von 0,15%- bis 0,20%-Punkten, wobei der Großteil der Wirkung in den ersten drei Monaten eintritt. Die Transmission erfolgt dabei hauptsächlich über die Energiepreise (Benzin, Gas, Strom, Heizöl etc.), die ein Gewicht von knapp 10% im Warenkorb besitzen.
Diese Wirkmechanismen bedeuten, dass selbst im ersten Szenario (Ölpreis bleibt bis Mitte April bei rund 100 USD und liegt damit 50% höher als im Februar) die Inflationsrate in den nächsten drei Monaten kräftig angeschoben wird – und zwar um rund einen Prozentpunkt. Hinzu kommen die Euro-Abwertung (4% seit Ende Januar geg. US-Dollar) und ungünstige Basiseffekte. Im vergangenen Jahr ist der Rohölpreis zwischen Februar und Mai um 25% gefallen (Energiepreise um 5%). In Anbetracht dessen halten wir es für wahrscheinlich, dass die Teuerungsrate der Eurozone von aktuell 1,9% bis April auf 3,1% bis 3,2% nach oben schnellt. Bis Juli würde sie dann temporär wieder auf 2,2% bis 2,3% zurückfallen (vgl. Abb. 2).
Abb. 2: Inflationsziel gerät außer Reichweite

Quellen: Eurostat, EZB, Bantleon
In diesem milden Szenario dürften die negativen Auswirkungen auf die Konjunktur gering sein. Der Schock und die Verunsicherung wären schnell vorbei, zu nachhaltigen Zweitrundeneffekten (z.B. auf die Löhne) käme es nicht. Vielmehr würde ab dem späten Frühjahr wieder die positive konjunkturelle Grundtendenz zum Tragen kommen, die sich in vielen Indikatoren zuletzt gezeigt hat (z.B. Einkaufsmanager- und Geschäftsklimaindikatoren).
Dies würde aber zugleich bedeuten, dass im 2. Halbjahr 2026 der angebotsseitige von einem nachfrageseitigen Inflationsdruck abgelöst würde. Wir gehen daher davon aus, dass die Teuerung Ende 2026 wieder auf 2,7% anzieht (vgl. Abb. 2). Im nächsten Jahr besteht dann zwar die Chance, dass durch das Herausfallen der Basiseffekte die Inflation absackt. Allerdings wäre dies allein ein technischer Faktor. Viel spräche dafür, dass die Kerninflation (ohne Energie, Nahrungs- und Genussmittel) weiter über 2,0% verharrt.
Beim zweiten Szenario (Rohölpreis bis August/September bei 100 bis 120 USD) wären die Auswirkungen auf die Inflation noch deutlich stärker und nachhaltiger. Mithin wäre ein Sprung der Teuerungsrate in Richtung 4,0% nicht auszuschließen, zumal Zweitrundeneffekte stärker zum Tragen kämen (vgl. Abb. 2). Der positive Konjunkturausblick müsste in der Folge kassiert werden. Allen voran wären die Konsumenten mit einem massiven Kaufkraftentzug konfrontiert. Das Realeinkommen würde stagnieren. Parallel dazu würden sich die Unternehmen angesichts der Verunsicherung und des Margendrucks mit Investitionen zurückhalten. 2027 würde der Konjunkturabschwung zwar einen Disinflationseffekt nach sich ziehen, den allerdings Zweitrundeneffekte überlagern würden. Ein namhafter Angebotsschock kennt am Ende nur Verlierer.
Wir ordnen diesem Szenario allerdings nur eine Wahrscheinlichkeit von 20% bis 30% zu. Schließlich haben alle Parteien trotz der aktuellen Kriegsrhetorik ein großes Interesse an einem baldigen Ende des Konflikts.Allen voran Donald Trump steht in seiner Heimat unter Druck, sich nicht in ein langfristiges und teures Kriegsabenteuer zu stürzen. Unser Basisszenario (70% Wahrscheinlichkeit) bleibt daher eine vergleichsweise kurze Nahostkrise.











