Die internationalen Finanzmärkte befinden sich nach Einschätzung von Werner Krämer, Geschäftsführer und Senior Economic Analyst bei Lazard Asset Management in Deutschland, in einem strukturellen Umbruch. Seit der Pandemie hätten sich wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen spürbar verändert. Zunehmender staatlicher Einfluss, eine Fragmentierung des Welthandels und neue geopolitische Spannungen prägten das Umfeld für Investoren.
Über viele Jahre hätten die Vereinigten Staaten eine außergewöhnliche Wachstumsdynamik gezeigt und die globalen Kapitalmärkte dominiert. Diese Phase könne jedoch auslaufen. „Der US-Aktienmarkt ist hoch bewertet, während der Wachstumsvorteil der US-Wirtschaft zunehmend schwindet“, sagt Krämer. Hinzu kämen protektionistische Tendenzen, eine restriktivere Einwanderungspolitik und eine hohe fiskalische Belastung.
Besonders kritisch bewertet Krämer die Entwicklung der Staatsfinanzen. „Die größte Gefahr ist jedoch die hohe Staatsverschuldung“, erklärt er. Inzwischen gäben die USA mehr Mittel für den Schuldendienst aus als für die Verteidigung. Gleichzeitig bleibe die Fiskalpolitik expansiv, getragen von Steuersenkungen, Deregulierung und steigenden Ausgaben.
Inflationsrisiken und die Rolle des US-Dollar
Vor diesem Hintergrund sieht Krämer erhöhte Inflationsrisiken. Zwar habe der Preisdruck zuletzt nachgelassen, doch mehrere strukturelle Faktoren könnten eine erneute Reflation begünstigen. Dazu zählten steigende Staatsschulden, eine restriktivere Migrationspolitik, zunehmende Aufrüstung, Deglobalisierung sowie eine strukturelle Verknappung wichtiger Rohstoffe. Die jüngste Verteuerung von Industriemetallen wertet er als Hinweis auf diese Entwicklung.
Ein zentrales systemisches Risiko sieht Krämer im US-Dollar. „Wenn es eine Krise gibt, schlägt sie sofort auf den US-Dollar durch“, sagt er. Zwar gebe es keine ernstzunehmende Alternative zur US-Währung als globale Leitwährung. Dennoch untergrabe die aktuelle Politik der Vereinigten Staaten zunehmend das Vertrauen in den Dollar, was sich bereits in der Kursentwicklung widerspiegele.
Die Stärke von Gold und Silber interpretiert Krämer als Ausdruck wachsender Unsicherheit an den Märkten. Für Investoren werde damit nicht nur die Aktien- und Zinsentwicklung relevant, sondern auch die Stabilität der dominierenden Währungen.
Europa zwischen Schulden und Reformstau
In Europa sieht Krämer verpasste Chancen. Zwar investiere Deutschland über ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro in Infrastruktur und lockere die Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben. Über die kommenden zwölf Jahre sei ein Anstieg der Staatsverschuldung auf bis zu 1,8 Billionen Euro geplant, was rund 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspreche.
Trotz dieser fiskalischen Impulse bleibe ein nachhaltiger Aufschwung aus. „Die EU ist nicht stark und Deutschland im Nirgendwo“, sagt Krämer. Aus seiner Sicht erhöhe der fiskalische Impuls das Wachstum in der Eurozone langfristig um lediglich 0,5 Prozentpunkte pro Jahr, solange tiefgreifende Strukturreformen ausblieben.
Damit bleibe Europa im globalen Vergleich zwischen den Dynamiken der USA und den strategischen Ambitionen Asiens gefangen, ohne selbst klare Akzente zu setzen.
Asien: Strategie, Wandel und unterschiedliche Perspektiven
China bescheinigt Krämer im Unterschied zu den westlichen Volkswirtschaften eine klare strategische Ausrichtung. „China hat im Gegensatz zu den USA oder Europa eine Strategie – und die Politik der US-Regierung stärkt die Stellung Chinas in der Welt“, sagt er. Gleichwohl stehe das Land vor erheblichen wirtschaftlichen Problemen.
Überinvestitionen im Immobiliensektor, eine schwache Konsumnachfrage und strukturelle Überproduktion führten zu deflationären Tendenzen. Die wirtschaftliche Lage bleibe angespannt, auch wenn die geopolitische Bedeutung Chinas weiter zunehme.
Japan sieht Krämer an einem Wendepunkt. Nach Jahrzehnten der Deflation sei die Inflation deutlich gestiegen, die Geldpolitik befinde sich im Umbruch und Reformen im Unternehmenssektor könnten langfristig positive Effekte entfalten. „Die Situation in Japan hat sich gravierend gewandelt“, stellt er fest. Mit einer BIP-Prognose von etwa 1 Prozent bleibe der gesamtwirtschaftliche Ausblick jedoch moderat.
Konsequenzen für die Portfolioausrichtung
Aus diesen Entwicklungen leitet Krämer für Investoren die Notwendigkeit einer breiteren Diversifikation ab. „Nach Jahren außergewöhnlicher US-Dominanz spricht vieles dafür, globale Portfolios ausgewogener aufzustellen“, sagt er. Für Euro-Investoren gewinne zudem die Währungsabsicherung an Bedeutung.
Chancen sieht Krämer in ausgewählten Schwellenländern, die von einem schwächeren US-Dollar, sinkenden Leitzinsen und strukturellen Reformen profitieren könnten. Auch Qualitätsaktien sowie US Small Caps erschienen nach Jahren der Underperformance wieder attraktiver bewertet.
„Wir stehen nicht vor einem abrupten Bruch, sondern vor einer schrittweisen Neuordnung der globalen Kapitalmärkte“, sagt Krämer. In einem Umfeld, das er als „einen Himmel voller schwarzer Schwäne“ beschreibt, bleibe offen, welche Risiken sich tatsächlich materialisieren.














