Kommentar: Wer Souveränität will, muss Wind und Sonne entfesseln

Foto: KI-generiert (ChatGPT)
KI-generiertes Symbolbild.

Die geopolitische Lage führt uns mit brutaler Klarheit vor Augen, wie fragil das globale Energiesystem ist. Wer jetzt noch an der Illusion festhält, fossile Abhängigkeiten ließen sich politisch einhegen, ignoriert die strukturelle Verwundbarkeit des bestehenden Systems der Energieversorgung. Kommentar von Markus W. Voigt, CEO der Aream Group SE.

Eine als Lösung vorgeschlagene Renaissance der Kernenergie wirkt angesichts der realen Abhängigkeiten bemerkenswert realitätsfern. Das traditionell atomfreundliche Frankreich importiert erhebliche Mengen Natururan oder wiederangereichertes Uran aus Russland, Kasachstan und Usbekistan. Damit sind die Lieferketten abhängig von Wunsch und Willen dieser Regierungen. Von strategischer Autarkie kann keine Rede sein. Wer Kernenergie als Garant nationaler Souveränität verkauft, vergisst möglicherweise bewusst die vorgelagerten Abhängigkeiten bei Brennstoff, Anreicherung und geopolitischer Stabilität der Lieferländer.


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Dazu kommt: Neue Kernkraftwerke sind kapitalintensiv, genehmigungsrechtlich komplex und mit extrem langen Realisierungszeiträumen verbunden. In einer Phase, in der Energiepreise akut steigen und industrielle Wettbewerbsfähigkeit unmittelbar unter Druck gerät, helfen Projekte mit einem Planungshorizont von 15 bis 20 Jahren nicht weiter. Sie binden Kapital, das für den beschleunigten Ausbau tatsächlich verfügbarer und skalierbarer Technologien benötigt wird. Die Vorstellung, man könne kurzfristige energiepolitische Krisen mit langfristigen Nuklearprojekten lösen, ist industrieökonomisch nicht haltbar.

Dasselbe gilt im Übrigen auch für Gaskraftwerke, die als strategische Reserve eingesetzt werden sollen, bei denen der Bau aber noch nicht einmal durchgeplant ist. Und welche Abhängigkeiten durch die Lieferung der dauerhaft notwendigen Energieträger Erdgas oder LNG entstehen, hat Deutschland in den vergangenen Jahren schmerzlich erfahren müssen.

Echte energiepolitische Unabhängigkeit entsteht deshalb nur dort, wo Primärenergiequellen heimisch verfügbar sind. In Deutschland ist der Beitrag von Wasserkraft und Biomasse strukturell begrenzt. Beide Technologien sind ausgereift, aber ihr Ausbaupotenzial ist überschaubar. Die tragenden Säulen einer souveränen Energieversorgung sind Wind- und Solarenergie. Sie sind flächendeckend verfügbar, technologisch ausgereift, in den vergangenen Jahren massiv im Preis gefallen und in großem Maßstab installierbar. Vor allem aber benötigen sie keine geopolitisch sensiblen Brennstoffimporte.

Zusammen mit den inzwischen technisch ausgereiften und wirtschaftlich immer attraktiver werdenden Speicherlösungen stehen sie mehr oder weniger sofort bereit, um eine energiepolitische Unabhängigkeit zu schaffen. Zumal sie auch gegenüber großen, zentralen Anlagen den Vorteil der Kleinteiligkeit und Vernetzung haben, der Ausfall einzelner Anlagen kann schnell durch andere kompensiert werden.

Strom aus Wind und Sonne ist eine strategische Notwendigkeit. Jede zusätzlich installierte Kilowattstunde aus erneuerbaren Quellen reduziert Importabhängigkeiten, stabilisiert langfristig Preisstrukturen und stärkt die industrielle Wertschöpfung im eigenen Land. Die Wertschöpfungsketten – von Planung über Bau bis Betrieb – sind regional verankert. Investitionen fließen in Infrastruktur, Netze, Speicher und Flexibilitätsoptionen statt in Rohstoffimporte. Und ja, noch stammen einige der Komponenten aus ausländischen Quellen, vor allem aus China. Dieser Anteil wird aber zum einen verringert, zum anderen lassen sich Fertigungsanlagen für diese Komponenten weltweit schnell aufbauen – und in Deutschland ausbauen. Im Hinblick auf die Resilienz der Energieversorgung ist die Tatsache aber noch bedeutender, dass nach einer einmaligen Investition keine zukünftigen Abhängigkeiten aufgebaut werden.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht nachvollziehbar, warum der Ausbau Erneuerbarer Energien noch immer durch langwierige Genehmigungsverfahren, regulatorische Inkonsistenzen und politische Zögerlichkeit gebremst wird. Wer in einer Phase eskalierender geopolitischer Risiken nicht alle Weichen mit maximaler Entschlossenheit in Richtung Wind- und Solarenergie stellt, handelt energieökonomisch fahrlässig. Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz sind hier keine Gegensätze, sondern deckungsgleiche Interessen.

Die aktuelle Krise ist kein Argument für nostalgische Technologien, sondern ein Weckruf für strukturelle Transformation. Energiesouveränität entsteht nicht durch Wunschdenken, sondern durch konsequente Investitionen in heimische Ressourcen. Unabhängigkeit ist kein Schlagwort, sondern das Resultat klarer Prioritäten. Wer sie ernst meint, setzt auf Wind und Sonne – ohne Umwege, ohne ideologische Nebelkerzen und ohne weitere Verzögerung.

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