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Mittelständische Versicherer: Skalieren und verlieren

Foto: Die Bayerische
Martin Gräfer: "Im Zeitalter von Hyperscalern, Oligopolen und fusionsgetriebenem Wachstum stehen mittelständische Versicherer vor einer ökonomischen Bewährungsprobe."

Effizienz rettet kurzfristig Ergebnisse, verändert aber langfristig das Geschäft. Warum mittelständische Versicherer riskieren, genau das zu verlieren, was sie eigentlich stark macht. Ein Gastbeitrag von Martin Gräfer

Der Mittelstand gilt als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. In der Versicherungsbranche ist dieser Satz vor allem eines: eine bequeme Erzählung. Denn Nähe zum Kunden ersetzt kein tragfähiges Geschäftsmodell, und Schnelligkeit schützt nicht vor strukturellem Druck. Im Zeitalter von Hyperscalern, Oligopolen und fusionsgetriebenem Wachstum stehen mittelständische Versicherer vor einer ökonomischen Bewährungsprobe. Vielleicht der größten ihrer Geschichte.

Regulierung ist ein dominanter Kostenfaktor

Der Druck entsteht aber nicht nur durch den Markt allein. Regulierung ist ein dominanter Kostenfaktor: ESG-Anforderungen, Berichtspflichten, Governance-Strukturen. Ein Versicherer mit wenigen hundert Millionen Euro Beitragsvolumen muss dieselben Systeme aufbauen wie ein Konzern mit Milliardenumsatz. Diese Fixkosten skalieren nicht. Sie wirken wie eine Flat Tax auf Organisationen.


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Die Branche reagiert darauf mit einem Effizienzreflex. Risiken werden standardisiert. Geschäftsmodelle verschlankt. Sparten aufgegeben. In der Kfz-Versicherung lag die Combined Ratio 2024 marktweit bei über 100 Prozent, in der Wohngebäudeversicherung knapp darunter. Die operative Ergebnislage stabilisierte sich durch Prämienanpassungen und konsequentere Risikoselektion. Ökonomisch nachvollziehbar. Strategisch aber folgenreich.

Denn mit jedem abgestoßenen Sonderrisiko schrumpft die Fähigkeit, Komplexität zu tragen. Und genau dort beginnt das eigentliche Spielfeld mittelständischer Versicherer. Ein kleiner Maschinenbauer mit Spezialproduktion passt nicht in standardisierte Underwriting-Modelle. Ein Handwerksbetrieb mit individueller Risikostruktur lässt sich nicht in fünf Minuten bewerten. Das verlangt Erfahrung, Urteilskraft, Verantwortung. Und das kostet Zeit und Geld.

Viele halten das für ein Effizienzproblem. Es ist in Wahrheit eine Frage der Haltung zum Geschäft. Bei der Bayerischen haben wir uns bewusst entschieden, komplexe Risiken nicht aus dem Portfolio zu drängen, sondern sie zu verstehen und zu tragen. Das zeigt sich auch in den Zahlen: 2025 lag das eingereichte Komposit-Neugeschäft bei circa 26,5 Millionen Euro, ein Plus von über 30 Prozent. Im Segment Prime Business, das sich gezielt an kleine und mittelständische Unternehmen richtet, wuchs das Geschäft um rund 60 Prozent. Besonders dynamisch entwickelte sich die Biometrie, mit einem Neugeschäftsanstieg von etwa 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Möglich war das, weil wir nicht kurzfristig getrieben sind.

Keine Quartalslogik

Unsere Rechtsform als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit zwingt nicht zur Quartalslogik. Gewinne bleiben im Haus. Entscheidungen folgen nicht dem Exit-Narrativ, sondern der langfristigen Tragfähigkeit. Nun klingt das nach einem romantischen Argument: „Die ganze Versicherungsbranche? Nein, ein von unbeugsamen Bayern bevölkertes Haus…“ In Wahrheit ist es eine strukturelle Konsequenz unserer Rechtsform und unseres Zeithorizonts.

Mittelständische Versicherer können näher am Kunden sein. Schneller entscheiden. Verantwortung dort lassen, wo sie hingehört. Aber nur, wenn sie sich nicht in die Regungslosigkeit skalieren. Wenn sie nicht anfangen, ihre Stärke durch dieselben Steuerungsmodelle zu ersetzen, die sie eigentlich unterscheiden sollten. Der eigentliche Risikofaktor ist nicht Größe. Es ist Gedankenlosigkeit. Wer Skalierung mit Qualität verwechselt, verliert beides.

Autor Martin Gräfer ist Vorstandsvorsitzender der Bayerische Allgemeine und Vorstand der Bayerische Versicherungsgruppe

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