Die Rente mit 63 spaltet die Generationen deutlicher, als es die Gesamtzustimmung vermuten lässt. Das zeigt eine Umfrage des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) vom 6. Oktober 2026. Mehr als jeder vierte 18- bis 29-Jährige befürwortet demnach eine Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren. In der Gruppe der 60- bis 69-Jährigen trifft das dagegen nur auf jeden Zehnten zu. Für die Erhebung befragte das Meinungsforschungsinstitut INSA im Auftrag des DIA 2.006 Personen ab 18 Jahren online, und zwar vom 11. bis 14. September 2026.
Was die abschlagsfreie Rente mit 63 ausmacht
Formal heißt die Leistung Altersrente für besonders langjährig Versicherte, umgangssprachlich auch abschlagsfreie Frührente. Wer mindestens 45 Versicherungsjahre nachweist, kann vorzeitig in den Ruhestand gehen, ohne Abschläge auf die Rentenhöhe hinzunehmen. Nach Angaben der Bertelsmann Stiftung nutzen das jährlich rund 250.000 bis 280.000 Menschen. Damit entfällt etwa ein Drittel aller Rentenzugänge auf diese Regelung.
Mit zunehmender Nähe zum Ruhestand wächst die Zustimmung zur Rente mit 63
Das Muster zieht sich durch fast alle Altersgruppen: Wer dem eigenen Renteneintritt näher ist, befürwortet die bestehende Regelung häufiger. Bei den 18- bis 29-Jährigen sprechen sich 51 Prozent für eine Beibehaltung aus, bei den 60- bis 69-Jährigen dagegen 84 Prozent. Erst bei den Ab-70-Jährigen sinkt die Zustimmung wieder, nämlich auf 68 Prozent. Eine Erklärung dafür nennt die DIA-Mitteilung nicht.
| Altersgruppe | Für Beibehaltung der Regelung |
|---|---|
| 18 bis 29 Jahre | 51 Prozent |
| 30 bis 39 Jahre | 63 Prozent |
| 40 bis 49 Jahre | 67 Prozent |
| 50 bis 59 Jahre | 78 Prozent |
| 60 bis 69 Jahre | 84 Prozent |
| Ab 70 Jahre | 68 Prozent |
| Alle Befragten | 69 Prozent |
Quelle: DIA/INSA, Befragung vom September 2026. Für die einzelnen Altersgruppen weist das DIA keine gesonderten Werte zur Befürwortung einer Abschaffung aus.
Warum die Meinungen zur Rente mit 63 so weit auseinandergehen
DIA-Sprecher Peter Schwark führt die unterschiedliche Bewertung auf die Verteilung von Kosten und Nutzen zurück. „Die Bewertung der Regelung hängt offenbar stark davon ab, wer ihre Kosten trägt und wer von ihr profitieren kann“, sagt Schwark. „Der Gesamtwert allein erzählt also nicht die ganze Geschichte.“
In der jüngsten Altersgruppe befürworten laut Schwark fast dreimal so viele Menschen eine Abschaffung wie unter den 60- bis 69-Jährigen. Zudem verweist er auf den Verteilungseffekt: Ältere Begünstigte erhalten im Schnitt 40.000 Euro extra. Alle übrigen Beitragszahler leisten dagegen zusätzliche Einzahlungen von insgesamt 9,5 Milliarden Euro pro Rentnerjahrgang in die Rentenkasse – vermutlich, ohne später selbst davon profitieren zu können. Damit betreffen die Ergebnisse seinen Worten zufolge gleichermaßen die Frage, wie sich die gesetzliche Rente finanzieren lässt, als auch die Gerechtigkeit zwischen den Generationen.
Mehrheitsfähig bleibt die Regelung dennoch: 69 Prozent aller Befragten sprechen sich für den Erhalt aus, 20 Prozent für eine Abschaffung, elf Prozent sind unentschieden.
Rentenkommission empfiehlt Abschaffung – mit Schutzrente als Auffangnetz
Die Debatte um die Rente mit 63 ist Teil der laufenden Rentenreform, deren Änderungen eine Übersichtstabelle zusammenfasst. Die Alterssicherungskommission, die das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) eingesetzt hatte, übergab ihren Bericht mit 33 Empfehlungen am 23. Juni 2026. Die sechste Empfehlung schlägt vor, die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte abzuschaffen.
An seine Stelle soll eine neue „Schutzrente für langjährige Beitragszahler“ treten – diese soll jedoch ausschließlich für Versicherte mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen gelten. Laut BMAS hat Arbeitsministerin Bärbel Bas signalisiert, die Empfehlungen „möglichst vollständig“ umsetzen zu wollen. Einen Zeitplan nennt das Ministerium bislang nicht. Wie umstritten dieser Schritt ist, zeigt sich auch daran, dass nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt der Streit um das Aus der Regelung neu entbrannt ist.
DIW-Studie: Was eine Abschaffung finanziell bringen würde
Das DIW Berlin hat im Auftrag der Bertelsmann Stiftung berechnet, welche Effekte eine Abschaffung hätte. Die gesetzliche Rentenversicherung würde demnach um rund 10,4 Milliarden Euro pro Rentnerjahrgang entlastet. Rechnet man Mindereinnahmen bei Steuern und Sozialversicherung sowie Mehrausgaben der Arbeitslosenversicherung gegen, verbleibt eine Nettoentlastung der öffentlichen Haushalte von rund 9,5 Milliarden Euro.
Außerdem stünden dem Arbeitsmarkt bis zu 125.000 zusätzliche Vollzeitkräfte zur Verfügung. Die Autoren begründen das damit, dass Betroffene ihren Renteneintritt im Schnitt um rund zehn Monate verschieben würden. Grundlage der Schätzung sind administrative Daten der Deutschen Rentenversicherung zum Geburtsjahrgang 1957.
Koalition streitet über die Übergangsfrist
Unklar bleibt vor allem das Tempo der Reform. Nach Berichten von Anfang Juli 2026 fordern SPD-Politiker wie Bernd Rützel eine Übergangszeit von bis zu zehn Jahren. Dagegen sprechen sich der CDU-Politiker Pascal Reddig sowie der Ökonom Martin Werding für eine zügige Einführung innerhalb von ein bis drei Jahren aus – Werding hatte zuvor bereits einen Bonus statt einer kompletten Streichung der Regelung vorgeschlagen.
Kritik: Beitragsjahre als unscharfes Kriterium
Auch das Prinzip selbst steht in der Kritik. Das DIW Berlin kritisierte im Mai 2026, eine Verknüpfung des Renteneintritts mit der Zahl der Beitragsjahre würde neue Ungerechtigkeiten hervorbringen, ohne die zugrunde liegende Problematik zu beheben. Abhängig von der jeweiligen Definition würden nur 40 bis 57 Prozent der Versicherten dieses Kriterium erfüllen. Besonders benachteiligt wären laut DIW Akademiker: Bei enger Definition erreichen nur 16,4 Prozent von ihnen die nötigen Jahre. Bei Müttern mit drei oder mehr Kindern liegt der Anteil zwischen 22 und 31 Prozent.
Welche Erwartungen die Bevölkerung an eine Reform stellt, zeigt eine weitere INSA-Umfrage im Auftrag des DIA vom Juli 2026. Darin stellen 57 Prozent die finanzielle Sicherheit im Alter in den Vordergrund. Nur sieben Prozent nennen die Begrenzung der Belastung jüngerer Generationen als oberste Priorität.














