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Wall-Street-Veteran Heiko Thieme: Was sein neues Buch Beratern wirklich bringt

Celine Nadolny
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Celine Nadolny

Heiko Thieme legt mit seinem ersten Buch eine Bilanz aus Jahrzehnten am Kapitalmarkt vor. Für Berater bietet es Argumente und eingängige Prinzipien – zugleich offenbart es eine zentrale Schwäche. Wer genauer liest, erkennt, wo das Werk trägt und wo nicht. Eine Buchkritik von Celine Nadolny, Book of Finance

Ende August 2008 empfahl Heiko Thieme die Aktie der American International Group zum Kauf. Wenige Wochen später hatte das Papier über neunzig Prozent seines Werts verloren. Ein einzelner Datenpunkt aus einer langen Karriere – und doch derjenige, der einem nicht aus dem Kopf geht, wenn man sein neues Buch liest.

„Erfolgreich zeitlos investieren – Die Anlagestrategien der Börsenlegende“ heißt das Werk, erschienen im September 2025 im Münchner FinanzBuch Verlag. Knapp 200 Seiten, Hardcover, 25 Euro. Es ist das erste eigene Buch eines Mannes, der die deutsche Finanzpublizistik über Jahrzehnte geprägt hat: zwischen 1987 und 2003 schrieb Thieme jeden Montag den „Brief aus der Wall Street“ in der FAZ, hinzu kamen Beiträge in Spiegel, Capital, Stern und Focus. Aus seinem New Yorker Trainee-Programm sind Köpfe wie Markus Koch (n-tv) oder Robert A. El-Gayar (Börse Online) hervorgegangen. Wenn jemand das Etikett „Börsenlegende“ im Untertitel tragen darf, dann der heute 82-Jährige.

Und doch lohnt es sich, das Buch nicht entlang seiner Marketingsprache zu lesen, sondern entlang dessen, was es Beratern tatsächlich bietet.


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Heiko Thiemes Markenzeichen ist sein „rationaler Optimismus“. „Der Pessimist ist der einzige Mist, auf dem nichts wächst“ – ein Satz, der sich durch das Buch zieht wie durch sein gesamtes öffentliches Wirken. In Krisenphasen wirkt diese Haltung stabilisierend, und für Privatanleger, die nach jeder Korrektur ihren Sparplan kündigen wollen, ist sie ein Gegengift. Für die Beratungspraxis ist sie etwas anderes: ein konzeptionelles Problem.

Der Track Record illustriert es. Heiko Thiemes American Heritage Fund war zwischen 1991 und 1993 der erfolgreichste Mutual Fund der USA. 1995 wurde er vom Fachmagazin „Mutual Fund“ zum erfolglosesten Fondsmanager des Jahres gekürt. 1997 dann wieder Phoenix Award und Platz eins. 2007 wurden die Fonds nach einem langwierigen Rechtsstreit geschlossen. Und im Spätsommer 2008 jene AIG-Empfehlung.

Das ist keine Polemik, sondern Datenlage. Sie illustriert die Schwäche eines Anlagekonzepts, das im Kern aus einer Charakterhaltung besteht: Wer immer optimistisch ist, hat in steigenden Märkten recht – und in fallenden besonders viel Erklärungsbedarf gegenüber jenen Mandanten, die ihm ihre Altersvorsorge anvertraut haben. Eine Beratungspraxis, die Risikotragfähigkeit nicht nur dokumentieren, sondern verantworten muss, kann sich darauf nicht stützen.

Das Buch selbst macht es dem Leser nicht leicht, diese Spannung zu erkennen. Es feiert die Haltung – und liefert dort, wo es Methodik liefern müsste, Aphorismen. „Und immer wieder steigt die Börse.“ „Wenn es am dunkelsten ist, beginnt ein neuer Tag.“ Sätze, die als Lebensweisheit tragen, aber keine Antwort auf die Fragen geben, die Profis stellen: Wie unterscheidet man einen temporären Einbruch von einem strukturellen Bruch? Welche Bewertungs- oder Liquiditätssignale tragen antizyklisches Handeln über das Bauchgefühl hinaus? Worauf antwortet das Buch im Wesentlichen mit „Erfahrung“. Für die Memoiren eines Wall-Street-Veteranen genügt das. Für eine Praxis mit Erklärungspflichten gegenüber Aufsicht und Mandant nicht.

Wo das Buch trotzdem trägt

Die Schwäche im Strategiekern ist die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere: Es gibt im Buch Passagen, die in der Beratungspraxis sofort einsetzbar sind.

Am stärksten wird Thieme dort, wo er über Deutschland schreibt. Seine Kritik an der niedrigen deutschen Aktienquote, an fehlender Finanzbildung, an der politischen Skepsis gegenüber kapitalmarktbasierter Vorsorge ist im Kern nicht originell – ähnliche Argumente liegen seit Jahren auf dem Tisch. Was Thieme einbringt, ist die Autorität von fünf Jahrzehnten praktischer Markterfahrung. Wer im Kundengespräch erklären muss, warum Aktienrente, Frühstart-Rente und ein höherer kapitalgedeckter Anteil keine Modeerscheinung sind, sondern strukturelle Notwendigkeit, findet hier pointiert formulierte Argumentationshilfe – brauchbarer als manches Positionspapier.

Solide aufbereitet ist auch die berühmte Drei-Drittel-Strategie: ein Drittel sofort, ein Drittel bei weiterer Schwäche, ein Drittel bei klaren Rücksetzern. Konzeptionell altbekannt; Berater besprechen das seit jeher mit Einsteigern. Aber Thieme erklärt es zugänglich genug, dass auch ein Kunde nach der Lektüre versteht, warum es funktioniert. In der Praxis ist das mehr wert als methodische Tiefe – weil ein Kunde, der das Prinzip verstanden hat, in der nächsten Korrektur nicht in Panik anruft.

Empfehlung mit Einschränkung

„Erfolgreich zeitlos investieren“ ist nicht das Buch, das sein Untertitel verspricht. Es ist kein Strategiekompendium, sondern ein Erfahrungs- und Haltungsbuch eines Wall-Street-Veteranen. Wer es als das liest, nimmt einiges mit – Privatanleger mehr als Profis.

Berater können das Buch zweifach nutzen: als Argumentationshilfe in der Aktienkultur-Debatte und als Vermittlungstext für Kunden, denen die Drei-Drittel-Logik einleuchten soll. Wer mehr erwartet – ein methodisches Gerüst, eine empirisch fundierte Strategie –, sollte zu Bogle, Bernstein oder Kommer greifen. Drei von fünf Sternen.

Celine Nadolny ist Gründerin und Geschäftsführerin von Book of Finance.

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